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Hamburgs koloniale Industrie

Hamburg als Hafenstadt gilt als „Tor zur Welt“. Früher war es das Tor zur Unmenschlichkeit. Die Ausbeutung des Globalen Südens brachte der Stadt viel Reichtum. Über Produktionen von Hamburger Unternehmen, deren Verstrickungen auf den ersten Blick nicht sichtbar sind.

Von Sandra Schürmann und Stefan Rahner

Die Debatte um Hamburgs koloniale Geschichte und die damit verbundene Diskussion über die Folgen des Kolonialismus für die heutige globalisierte Wirtschaft hat sich jüngst in der Auseinandersetzung über die Sanierung des Hamburger Bismarck-Denkmals fortgesetzt. Dabei ging es vor allem um die Ursprünge und die rassistischen Hintergründe der Kolonialpolitik des Deutschen Kaiserreichs und deren dringend erforderliche kritische Dokumentation im direkten Kontext des Denkmals 

Die wirtschaftliche Entwicklung zahlreicher europäischer und deutscher Regionen war aber unabhängig kolonialpolitischer Besonderheiten bereits seit dem 17. und insbesondere im 19. Jahrhundert von der industriellen Verarbeitung von Rohstoffen aus kolonisierten Gebieten geprägt. Auch für Hamburg war diese koloniale Industrie von großer wirtschaftlicher Bedeutung: Viele der Waren und Rohstoffe aus Kolonien, die über den Hafen in die Stadt gelangten, wurden in der hiesigen Industrie verarbeitet. Die entsprechenden Unternehmen und Branchen werden oft mit dem verharmlosenden Begriff der „Kaufmannsindustrie“ umschrieben. Damit wird jedoch verschwiegen, unter welchen Bedingungen die notwendigen Rohstoffe von Menschen im Globalen Süden gewonnen wurden: in einer kolonialen Gewaltherrschaft, die von Rassismus, Versklavung und unmenschlichen Arbeitsbedingungen, von Verarmung und Hungersnöten geprägt war. Diese koloniale Verstrickung der Hamburgischen Industrie reicht räumlich und zeitlich sehr viel weiter als die vergleichsweise kurzlebige Kolonialpolitik des Deutschen Reiches.  

Blick in die Ausstellung Grenzenlos im Museum der Arbeit, Themenbereich Koloniale Produkte, Foto SHMH

Blick in die Ausstellung Grenzenlos im Museum der Arbeit, Themenbereich Koloniale Produkte, Foto: SHMH

In seiner Sonderausstellung „Grenzenlos. Kolonialismus, Industrie und Widerstand“ setzt sich das Museum der Arbeit anhand von Rostoffen wie Kautschuk, Elfenbein sowie Palmöl, Kokosöl und Kakao mit der Geschichte von Hamburger Unternehmen auseinander, die daraus Produkte wie Autoreifen, Badehauben, Regenschirme, Margarine, Fertiglebensmittel, Kerzen und Seife hergestellt haben. Industriell gefertigte Alltagsprodukte, bei denen die kolonialen Bezüge nicht sofort ins Auge fallen, deren Rohstoffe jedoch unmittelbar mit dem deutschen und europäischen Kolonialismus verflochten sind. Einige dieser Hamburger Unternehmen und deren konkrete Verflechtung mit der europäischen Kolonialwirtschaft sollen hier beispielhaft vorgestellt werden. 

„Stockmeyer“ und Heinrich Christian Meyer jr.

Heinrich Christian Meyer, genannt „Stockmeyer“, wird oft als „erster Industrieller Hamburgs“ dargestellt. Meist nur am Rande erwähnt wird die koloniale Dimension seiner Aktivitäten: Meyer selbst, seine Söhne und Nachfolger verarbeiteten fast ausschließlich Rohstoffe aus Kolonien. Er ist also ein Beispiel für die aktive Beteiligung Hamburgischer Unternehmer an der europäischen Kolonialwirtschaft und der Gewinnung von Rohstoffen in Kolonien. Meyers „Stock- und Founierfabrik“ produzierte ab 1836 im Gebiet der heutigen Hafencity Spazier-, Schirm- und Peitschenstöcke mit diversen Beschlägen und Ausstattungen. Außerdem betrieb er einen Zwischenhandel mit Werkstoffen – darunter Rattan, Fischbein (Walbarten), Elfenbein, Tropenhölzer, Walross- und Nilpferdzähne, Hörner, Metalle sowie Kautschuk. Die Stock- und Stuhlrohrfertigung unter seinem Sohn Heinrich Christian Meyer jr. entwickelte sich nicht zuletzt mit dem Aufkommen des „Wiener Kaffeehaus-Stuhls“ um die Mitte des 19. Jahrhunderts zu einem Massengeschäft mit Millionenumsätzen. Rattan, das wichtigste Material der Stockfertigung wurde über Amsterdam, Rotterdam oder London aus den niederländischen oder britischen Kolonien im heutigen Indonesien, Malaysia und Singapur nach Hamburg importiert. In Singapur errichtete H. C. Meyer jr. in den 1860er Jahren eine eigene Einkaufsniederlassung, in den 1890er Jahren außerdem Anlagen für die Verarbeitung des Rattans. Später dehnte sich sein Aktionsradius ins heutige Indonesien aus. Er war somit beteiligt an der kolonialen Ausbeutung dieser Region unter niederländischer Flagge, die in die 1870er Jahre von einem Zwangsanbausystem geprägt war und auch nach dessen Ende zu Vertreibungen und der Verarmung der dortigen Bevölkerung führte.

Firma H.C. Meyer in Hamburg, Lithographie von C. Adler, Foto SHMH (Nutzen Sie auch unsere Zoomansicht!)

Firma H.C. Meyer in Hamburg, Lithographie von C. Adler, Foto SHMH (Nutzen Sie auch unsere Zoomansicht.)

Blick in die Ausstellung Grenzenlos im Museum der Arbeit, Themenbereich Koloniale Industrie, Foto: SHMH

Die Elfenbeinfabrik Heinrich Adolph Meyer

Spazierstockgriffe aus Hartgummi und Elfenbein, Foto SHMH, Museum der Arbeit

Spazierstockgriffe aus Hartgummi und Elfenbein, Foto SHMH, Museum der Arbeit

Der älteste Sohn „Stockmeyers“ gründete 1864 in Hamburg eine Fabrik zur Verarbeitung von Elfenbein, Horn, Perlmutt, Stein- und Kokosnüssen. Wenig später zog Heinrich Adolph Meyer sich aus dem Fabrikantenberuf zurück und übergab das Unternehmen, das weiter seinen Namen trug, an seinen Schwager Wilhelm Westendarp. In den 1880er Jahren bezog die Elfenbeinfabrik ein neues Gebäude in Barmbek. Hier zeigt sich beispielhaft, wie aus dem Luxusartikel Elfenbein eine Massenware wurde: Heinrich Adolph Meyers Fabrik fertigte allein im Jahr 1890 etwa 78.000 Billardbälle im Wert von drei bis vier Millionen Mark, ferner Klaviaturen, Messerhefte, Bürstendeckel, Fächer, Lineale, Maßstäbe, Flötenköpfe, Schirm- und andere Griffe sowie Kämme. 1911 entstand eine zusätzliche Bleiche an der Waldstraße (heute Elfenbeinweg) in Wellingsbüttel, die später zur Fabrik ausgebaut wurde und 1927 den Barmbeker Standort ersetzte.

 

Das Elfenbein für die Hamburger Fabrik wurde von der Ostküste Afrikas über die Insel Sansibar exportiert. Heinrich Adolph Meyer rüstete dafür eigene Karawanen mit bis zu 600 Trägern aus, die Elefantenstoßzähne aus dem Binnenland an die Küste brachten. Die steigende europäische Nachfrage nach Elfenbein gefährdete dabei zunehmend die zentral- und ostafrikanischen Bestände an Elefanten und Walrossen. Zudem war dieser Bereich des kolonialen Handels von der Arbeit versklavter Menschen geprägt, und dies erreichte bald eine deutlich größere Dimension als zuvor. Als deutsche Kolonialtruppen in den 1880er Jahren zunehmend die Kontrolle über den Karawanen- und Elfenbeinhandel beanspruchten, kam es zu zahlreichen Übergriffen auf die afrikanische Bevölkerung, zu Hungersnöten und zu Epidemien. Die Konflikte mündeten schließlich in einen Krieg, der die formelle Kolonialherrschaft des Deutschen Reiches in Ostafrika besiegelte.

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Eingang der Elfenbeinfabrik H. Ad. Meyer in Barmbek um 1910, Foto SHMH, Museum der Arbeit

Fertigungshalle der Elfenbeinfabrik H. Ad. Meyer in Barmbek um 1910, Foto SHMH, Museum der Arbeit

Fertigungshalle der Elfenbeinfabrik H. Ad. Meyer in Barmbek um 1910, Foto SHMH, Museum der Arbeit

Harburger Gummi-Kamm und New-York Hamburger Gummi-Waaren Compagnie

In den 1850er Jahren erwarb Heinrich Adolph Meyer in den USA die Hartgummi-Patente für das Unternehmen H.C. Meyer junior. In Hamburg wurde 1856 die Harburger Gummi-Kamm-Compagnie (HGK) gegründet, geleitet von Meyers Schwager Heinrich Traun, ab 1902 „Dr. Heinrich Traun & Söhne“. Aus dieser ging 1871 die New-York Hamburger Gummi-Waaren Compagnie (NYH) hervor, die 1930 schließlich das Traun’sche Unternehmen übernahm und auf deren ehemaligem Gelände in Barmbek sich heute das Museum der Arbeit befindet. 

Fabrikgelände der New-York Hamburger Gummiwaaren-Compagnie um 1920, Foto: Museum der Arbeit/SHMH

Fabrikgelände der New-York Hamburger Gummiwaaren-Compagnie um 1920, Foto: Museum der Arbeit/SHMH

Hartgummi diente anfangs oft als Ersatz für Tropenhölzer, Marmor, Halbedelsteine oder Elfenbein. Neben Kämmen ließen sich auch gut Zigarettenspitzen, Feuerzeuge oder Füllfederhalter daraus herstellen. Seine eigentliche Bedeutung aber entfaltete Gummi, weil er sich für Isolatoren und Bauteile in der chemischen Industrie eignete. Industriezweige wie die Automobilisierung, die Elektrifizierung oder das Aufkommen moderner Kommunikationsmedien sind ohne Gummi kaum denkbar. Hart- und Weichgummi aus der Produktion der HGK, von Traun & Söhne, der NYH oder der ebenfalls 1856 gegründeten Fabrik der Gebrüder Cohen in Harburg, den späteren Phoenix-Gummi-Werken Hamburg-Harburg, waren essentiell für Hamburgs Industrialisierung. Naturkautschuk, der Rohstoff für die Gummi-Industrie, kam aus Wildsammlungen und nach der Jahrhundertwende zunehmend aus der Plantagenwirtschaft auf den Markt. 

 

"...in Belgisch-Kongo [...] kostete die brutale Zwangsarbeit Millionen von Menschen das Leben"

Ein Arbeiter bringt Palmfrüchte zur Sammelstelle, Belgisch-Kongo um 1960, Foto SHMH, Museum der Arbeit

Ein Arbeiter bringt Palmfrüchte zur Sammelstelle, Belgisch-Kongo um 1960, Foto SHMH, Museum der Arbeit

Die Folgen der weltweit steigenden Nachfrage zeigten sich besonders drastisch in Belgisch-Kongo: Das dortige System aus extrem hohen Abgabequoten, riesigen Kautschukplantagen und brutaler Zwangsarbeit kostete Millionen von Menschen das Leben. In der deutschen Kolonie Kamerun wiederum war der Kautschukexport lange Zeit in der Hand von Konzessionsgesellschaften, die sich am Beispiel des Kongo orientierten, und so war die Gewinnung des Rohstoffs auch hier geprägt von Zwangsarbeit, der Verarmung der einheimischen Bevölkerung und der rücksichtslosen Ausbeutung natürlicher Ressourcen. Auch die Harburger Gummifabriken kauften ihren Kautschuk in den 1880er Jahren unter anderem an der afrikanischen Westküste. Ein Abgesandter Trauns gründete 1883 in Bissao im damaligen Portugiesisch-Guinea eine Faktorei, die den Bedarf für einige Jahre deckte. Zudem unterstützte Traun eine 1899 vom deutschen Kolonialwirtschaftlichen Komitee organisierte Expedition ins heutige Südwest-Nigeria, die Kautschukpflanzen in von deutschen Truppen besetzte Gebiete bringen und den Aufbau einer Plantagenwirtschaft in Kamerun und Togo ermöglichen sollte.

Die Harburger Ölmühlenindustrie

1859 gründete der Hamburger Kaufmann Gottlieb Leonhard Gaiser im damals preußischen Harburg eine Ölmühle zur Gewinnung von Kokosöl aus Kopra, dem geraspelten und getrockneten Fleisch der Kokosnuss. Einige Jahre später verarbeitete diese Fabrik ausschließlich Palmfrüchte. Gaiser war der erste Unternehmer, der nicht mehr das Palmöl, sondern die Palmkerne importierte und die Herstellung des begehrten Öls in Deutschland in industriellem Maßstab betrieb. Dies bescherte ihm enorme Gewinne, während die traditionelle Ölherstellung in Westafrika zum Erliegen kam und der Handel mit Palmöl stagnierte. 1870 waren noch 4.300 Tonnen Palmkerne nach Hamburg importiert worden, 1912 lag die Menge bereits bei 288.000 Tonnen. 

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Siloanlage der früheren Harburger Mühlenbetriebe, später Friedrich Thörl’s Vereinigte Harburger Ölfabriken AG, am Westlichen Bahnhofskanal (vom Wasser aus fotografiert), Harburg 1953; Fotografin: Ursula Mosbach, Archiv MdA

 

"Harburg und Hamburg wurden so zu einigen der weltweit größten Zentren einer Pflanzenölindustrie..."

Unternehmen wie Heins & Asbeck, F. Thörl‘s Vereinigte Ölfabriken, Noblee & Thörl, HOBUM, die Hamburger Hansa-Mühle und Toepfers Ölwerk folgten Gaisers Geschäftsmodell und spezialisierten sich auf die Verarbeitung von tropischen Ölsaaten. Harburg und Hamburg wurden so zu einigen der weltweit größten Zentren einer Pflanzenölindustrie, die die Rohstoffe für die Produktion von Margarine, Seife, Kosmetika, Stearin und Glyzerin bereitstellte. G. L. Gaisers Handelsfirma wurde zu einem der größten Händlern von Palmfrüchten aus Westafrika. Er unterhielt eigene Palmplantagen in der britischen Kolonie Nigeria, die er 1870 von dem Hamburger Kaufmann William O’Swald übernommen hatte. 1885 drängte er darauf, dass seine Besitzungen im heutigen Bundesstaat Ondo in Nigeria offiziell als deutsche Kolonie beansprucht würden. Reichskanzler Bismarck verwarf diese Idee jedoch im Rahmen einer Einigung mit Großbritannien.

Schulwandbild Ölpflanzen, Plflanzenöle, Margarine, um 1955, Sammlung Museum der Arbeit

Kakao- und Schokoladenfabriken

Zahlreiche spezialisierte, in Hamburg ansässige Handelsfirmen machten die Stadt Ende des 19. Jahrhunderts zum weltweit bedeutendsten Umschlagsplatz für Rohkakao. Aus diesem Grund verlagerte Friedrich Neumann-Reichhardt im Jahr 1898 seine Kakao-Compagnie von Halle nach Wandsbek. Innerhalb von zwei Jahrzehnten entwickelte sie sich zur größten Schokoladenfabrik in Deutschland mit fast 4.000 Beschäftigten. Neumann-Reichhardt ließ sich für Wohlfahrtseinrichtungen wie einer Kantine und einer Badeanstalt in seiner Wandsbeker Fabrik feiern, setzte sich gleichzeitig aber öffentlich für die rassistischen Arbeitsregimes und die Durchsetzung von Zwangsarbeit in den deutschen Kolonien ein. Insbesondere in Kamerun wurde die Plantagenwirtschaft mit „Strafexpeditionen“ der deutschen Besatzungstruppe unter dem Offizier Hans Dominik mit der Zerstörung ganzer Dörfer und erheblichem Landraub durchgesetzt. Die verbliebene Bevölkerung wurde in Reservate umgesiedelt und zur Zwangsarbeit auf den Plantagen gezwungen. Am Kamerunberg, dem höchsten Berg der Region, errichteten vor allem Hamburger Kaufleute den größten Plantagenkomplex, auf dem sie 1912 mit knapp 4.000 Tonnen fast 20 Prozent der Kakaoimporte aus Westafrika nach Hamburg erzeugten.

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Ausstellungsansicht "Grenzenlos. Kolonialismus, Industrialisierung und Widerstand" im Museum der Arbeit. Foto: Elke Schneider/SHMH

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Ausstellungsansicht "Grenzenlos. Kolonialismus, Industrialisierung und Widerstand" im Museum der Arbeit. Foto: Elke Schneider/SHMH

 

"...Zerstörung ganzer Dörfer und erheblichem Landraub..."

Stadtplan koloniales Hamburg

Die Karte zeigt eine Auswahl an Orten, die mit der kolonialen Vergangenheit Hamburgs in Verbindung stehen – darunter u.a. die in dieser Ausstellung gezeigten Unternehmen der kolonialen Industrie. Im Laufe der Ausstellung soll dieser Stadtplan mit dem Wissen der Besucher*innen mitwachsen. Also machen Sie mit! Welcher Erinnerungsort fehlt noch? Welches Denkmal fällt Ihnen ein?

Senden Sie Ihre Anmerkungen gerne an info@mda.shmh.de

Diese Karte ist in Zusammenarbeit mit dem Team von efoto Hamburg entstanden.

Stimmen zur Ausstellung

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Im Video kommen zu Wort:
Prof. Dr. Rita Müller, Direktorin Museum der Arbeit
Christopher Nixon, Projektleitung
Dr. Sandra Schürmann, Projektleitung
Kodjo Valentin Gläser, Beirat
Meryem Choukri, Beirat
Prof. Dr. Hans-Jörg Czech, Vorstand Stiftung Historische Museen Hamburg
Dr. Carsten Brosda, Senator der Behörde für Kultur und Medien Hamburg