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TagungsprogrammDas postkoloniale Museum

Sonntag, 13. Juni 2021, 18 - 20 UhrEröffnung und Podiumsdiskussion

ERÖFFNUNG

Grußworte

Prof. Dr. Hans-Jörg Czech (Stiftung Historische Museen Hamburg)
Prof. Dr. Rita Müller (Museum der Arbeit)

Einführung
Christopher A. Nixon (
Stiftung Historische Museen Hamburg)

PODIUMSDISKUSSIONPolitik(en) des Museums

Eröffnet wird die Tagung mit einer Podiumsdiskussion, die sich unter dem Titel „Politik(en) des Museums“ folgenden Fragestellungen widmet: Wie lässt sich das (historische) Museum zwischen „Bildungsinstitution“ und „Resonanzraum“ neu (er-)finden? Wie als ein Ort des Politischen? Wie kann man die Beziehung zwischen Museum und der Gesellschaft mit ihren diversen Communities neu denken? Welche (Re-)Präsentationsräume schafft das Museum? Welchen notwendigen institutionellen Entwicklungen müssen sich Museen stellen?

Podiumsteilnehmer*innen:

  • Miriam Siré Camara (akoma coaching & consulting)
  • Prof. Dr. Hans-Jörg Czech (Stiftung Historische Museen Hamburg)
  • Dr. Mahret Ifeoma Kupka (Neue Deutsche Museumsmacher*innen)
  • Dr. Henning Mohr (Institut für Kulturpolitik der Kulturpolitischen Gesellschaft e. V.)

Moderation: Aida Ben Achour (DFF – Deutsches Filminstitut & Filmmuseum)

Montag, 14. Juni 2021

Sektion I: Die Geschichte gegen den Strich bürsten. Glokalgeschichte und vielstimmiges Erzählen

Die gängigen Narrative werden von denjenigen geschrieben, die sich als Sieger der Geschichte begriffen haben. Deshalb fehlen häufig in den ständigen Museumsdisplays Erzählungen, die von den Erfahrungen marginalisierter Menschen berichten. Die historische Aufarbeitung der kolonialen Vergangenheit durch Museen sowie die Auseinandersetzung der Museen mit ihren eigenen Verstrickungen in die Kolonialgeschichte hat zu unterschiedlichen kuratorischen Ansätzen geführt. Künstlerische Interventionen oder die lokale Verortung einer globalen Vernetzungsgeschichte beispielsweise haben mit ihnen allen das Ziel gemeinsam, Geschichte überhaupt erst produktiv zu machen. Das heißt, wie auch der Historiker Dipesh Chakrabarty sagt, dass der Dialog mit der (subalternen) Vergangenheit uns lehrt, „mit Heterogenitäten [zu] leben“. Indem das postkoloniale Museum „die Geschichte gegen den Strich bürstet“, stärkt es uns alle für das Leben in einer diversen Stadtgesellschaft.

PANEL 1 - 10:00 - 11:45Moderation: Christopher A. Nixon (Stiftung Historische Museen Hamburg)

Prof. Dr. Fiona McGovern (Universität Hildesheim)Mining the Museum and beyond. Glokalgeschichtliche Narration als künstlerische Praxis

1992/93 realisierte Fred Wilson in der Maryland Historical Society im US-amerikanischen Baltimore seine museale Intervention Mining the Museum. Im Zuge dessen wählte er Objekte aus dem Sammlungsbestand des Museums aus, die eindeutig im Zusammenhang mit der rassistischen und kolonialen Vergangenheit des Ortes standen. Anschließend arrangierte und kombinierte er diese innerhalb des damaligen Displays der ständigen Ausstellung. Wilson intervenierte auf diese Weise in das dort präsentierte Narrativ der lokalhistorischen Gegebenheiten, um dessen Rassismen aufzuzeigen und zugleich einer anderen, einer Schwarzen Geschichte und den damit einhergehenden Unterdrückungen Raum und Sichtbarkeit zu verschaffen. 

Im Rahmen des Vortrags wird diese Intervention den Ausgangspunkt bilden, um über jüngere Ansätze einer künstlerischen Praxis nachzudenken, die innerhalb musealer Strukturen „die Geschichte gegen den Strich bürsten“. Ein besonderer Fokus wird dabei auf der Rolle liegen, die Künstler*innen damit innerhalb eines institutionellen Gefüges wie dem Museum einnehmen und/oder die ihnen zugeschrieben wird. Es wird daher ebenso um Fragen nach der Verantwortung wie um Aspekte von Nachhaltigkeit in Bezug auf die von Künstler*innen erzählten, postkolonialen (Gegen-)Narrative gehen. 

Dr. Thorsten Heese (Museumsquartier Osnabrück)Glokalgeschichte als Ausstellungsprinzip

Museal präsentierte Stadtgeschichte sollte an den Erfordernissen der städtischen Gesellschaft ausgerichtet sein, die sie repräsentiert. Diese gesellschaftlichen Erfordernisse sind, wie die Gesellschaft selbst, jedoch nicht statisch, sondern durch Veränderung geprägt. Insofern hat in deutschen Museen die „klassische“ stadtgeschichtliche Dauerausstellung ausgedient. Stattdessen wird ein neues Modell vorgeschlagen, das den Erfordernissen aktueller Einwanderungsgesellschaften Rechnung trägt, indem es „glokal“ verankerte – das heißt am konkreten Ort aufzeigbare, aber über diesen hinausweisende – Interpretationsangebote macht. Ziel ist dabei insbesondere die Visualisierung historisch tief verankerter Phänomene von Ab- bzw. Ausgrenzung, die unbewusst bis in die Gegenwart nachwirken.

Museen werden zu Orten einer kollektiven postkolonialen Lernerfahrung, wenn sie visuell-narrative Kommunikationsräume für ein kritisches Lernen aus der Geschichte von Kolonialismus und Kolonialimperialismus eröffnen. Zentrales Ziel sollte es dann sein, durch multiperspektivische Vergegenwärtigungen diese Geschichte als eine gemeinsame Geschichte erfahrbar zu machen. Um das zu verdeutlichen, wird an regionalgeschichtlichen Beispielen das Konzept der „glokalgeschichtlichen Ausstellung“ erläutert.

Tim Schaffarczik (Universität Tübingen)Dekonstruktive des Kolonialen: Vorschläge zur Gestaltung postkolonialer Museen

Mit der 2019 eröffneten Ausstellung „Wo ist Afrika?“ hat das Linden-Museum in Stuttgart versucht, neue Wege einzuschlagen. Als Dialogangebot konzipiert unternimmt die Ausstellung einen Schritt in die postkoloniale Gegenwart, indem sie die Kritikpunkte der postkolonialen Debatte in Deutschland aufgreift und Anreize für einen reflektierten Umgang mit dem kolonialen Erbe und seinen Repräsentationsmöglichkeiten schafft. So werden Besucher*innen dazu angeregt, ihre Wahrnehmung außereuropäischer Kulturen und kolonialer Machtverhältnisse zu hinterfragen, um das Zusammenleben in diversitätsgeprägten Gesellschaften in der Gegenwart zu reflektieren.

Zur Überwindung der dominanten Denkmuster des kolonialen Diskurses sind alternative Deutungsangebote notwendig. Diese analytisch angelegten Dekonstruktive des Kolonialen können die Basis für Instrumente des postkolonialen Vermittelns in diversitätsgeprägten Gesellschaften bilden und so die kuratorische Praxis unterstützen. Die Ausstellung im Linden-Museum als Ausgangspunkt nehmend will der Vortrag aufzeigen, welche Gestaltungsmöglichkeiten dieser Ansatz für das postkoloniale Museum bietet.

Sektion II: Keine politische Macht ohne Kontrolle des Archivs. Sammeln neu denken

„Keine politische Macht ohne Kontrolle des Archivs, wenn nicht gar des Gedächtnisses. Die wirkliche Demokratisierung bemisst sich stets an diesem essentiellen Kriterium: an der Partizipation am und dem Zugang zum Archiv, zu seiner Konstitution und zu seiner Interpretation.“ Jacques Derrida bestimmt mit diesen Worten auch den Umgang eines postkolonialen Museums mit dem Sammlungsgut. Dabei geht es nicht allein um Provenienzforschung und das Aufspüren von Objekten mit kolonialen Bezügen, sondern vielmehr auch um die Frage, wie sich die in diesen Objekten eingelassene Geschichte angemessen erzählen und wie das hegemoniale Archiv durch neue Objekte und intersektionale Perspektiven in partizipativen Beteiligungsverfahren erweitern lässt. Dann kann nicht bloß Geschichte anders, sondern andere Geschichten können erzählt werden. 

PANEL 2 - 14:00 - 15:30Moderation: Suy Lan Hopmann (Museum am Rothenbaum – Kulturen und Künste der Welt (MARKK), Hamburg)

Isabel Raabe (Berlin) & Dr. Mahret Ifeoma Kupka (Museum Angewandte Kunst, Frankfurt a. M.)Talking Objects LAB. Decolonizing Knowledge and Memory

Die Think-Tank-, Ausstellungs- und Veranstaltungsreihe TALKING OBJECTS LAB wird in Kooperation mit Partner*innen in Kenia, Senegal, Nigeria und Deutschland Wissensformen und -praktiken des afrikanischen Kontinents untersuchen und Strategien der Vermittlung und Visualisierung erproben. Das Lab stellt dabei plurale Formen des Wissens ins Zentrum. Die Themenfelder: Dekolonisierung von Erinnerung, Dekolonisierung von Wissen, die Neubewertung von Objekten aus kolonialem Kontext, Empowerment und Chancen durch künstlerische Perspektiven und Fragen an klassische museale Formen des Bewahrens und Präsentierens.

Das TALKING OBJEKTS LAB hat den Anspruch, aktuelle Debattenstränge zu bündeln, sie mit jahrzehntelanger Forschung in Beziehung zu setzen, um darüber zu einer grundsätzlichen Neubetrachtung von Objekten aus kolonialen Kontexten, ihrer Pflege, Bewahrung und Bedeutungszuschreibung zu finden. Dazu ist es nötig, koloniale Denkmuster und eurozentristische Sichtweisen aufzubrechen und neue Perspektiven und Fragestellungen zuzulassen. Es braucht eine neue Geschichtsschreibung und andere Wissensproduktionen. Afrika kann in diesem Kontext als Laboratorium für neue Formen des Zusammenlebens, die nicht allein auf materiellen Werten basieren, sondern auch durch bislang verdrängte Spiritualität und plurale Wissensformen geprägt sind, gelten. „The Western archive is exhausted“ (Felwine Sarr). Was kann Wissen heute sein, jenseits europäischer Kultur- und Wissensverständnisse, die bis heute das Miteinander Europas mit außereuropäischen Kulturen prägen?

Vanessa Spanbauer & Susanne Wernsing (Technisches Museum Wien)Kautschuk, Kaffee, Kakao: Objekte aus kolonialem Kontext am Technischen Museum Wien

„Langfristiges Ziel des Technischen Museums in Wien ist sämtliche außereuropäische Sammlungsobjekte mit kolonialen Erwerbskontexten zu identifizieren, zu erforschen und zu vermitteln.“ So steht es in der Vereinbarung mit dem zuständigen Ministerium, das 2020/21 eine (vorerst) einjährige Projektförderung zur Dekolonisierung der österreichischen Bundesmuseen ausgeschüttet hat. 

Die Sammlung im Technischen Museum umfasst rund 180.000 Objekte und 25.000 Archivalien. Wie in vielen Museen ist die Dokumentation der Provenienz nicht immer vollständig. Wo beginnen, wie einen Standpunkt finden, wie navigieren? Für unsere grundlegende Verortung gilt, dass erstens die postkolonialen Fragestellungen erst aus ethnologischen Museen auf natur-, technik- und kulturhistorische Sammlungen übertragen werden müssen und dass zweitens die kolonialen Kontexte des Sammlungserwerbs wie die der Produktion und des Handels von europäischen Netzwerken bestimmt waren.

Im Rahmen des Projekts sehen wir eine Evaluierung der vorhandenen Sammlungsbestände vor und setzen gezielte Tiefenbohrungen bei repräsentativen Objektgruppen. Im Fokus stehen Rohstoffe kolonialen Ursprungs, aus diesen hergestellte Produkte sowie Rezeptionsobjekte, die Rassismen, Stereotypen und Unrecht reproduzieren. Anhand von Kautschuk, Kaffee, Kakao und Zucker werden kolonialrassistische Herrschaftsverhältnisse und bis heute andauernde Machtstrukturen offengelegt.

Weitere Mitglieder des Projektteams sind Andrea Berger & Dr.in Martina Griesser-Stermscheg.

Dr. Bernhard Wörrle (Deutsches Museum, München)Wunschobjekte. Altlasten. Konzepte für die Zukunft? – Zum Umgang mit kolonialem Sammlungsgut am Deutschen Museum, München

Im Objektbestand des Deutschen Museums finden sich neben kolonialer Technik auch Ethnografika aus ehemaligen (deutschen) Kolonialgebieten. Ein Teil davon geht auf eine 1911 verschickte Wunschliste des Deutschen Museums an die deutschen Kolonialverwaltungen in Afrika zurück. Ziel war es damals, einen Sammlungsbestand zu den „Techniken fremder Völker“ aufzubauen. Was waren die Hintergründe für dieses Interesse? Und welchen Stellenwert nahmen die Objekte in den 1925 eröffneten Ausstellungen tatsächlich ein? 

Nach dem 2. Weltkrieg geht die Präsenz des Themas in den Ausstellungen zurück. Nach und nach wird vieles abgebaut und eingelagert. Bei den noch ausgestellten Exponaten mit kolonialem Hintergrund ist der historische Kontext heute oft kaum noch zu erkennen.

Wie andere Häuser steht das Deutsche Museum aktuell vor der Herausforderung, einen angemessenen Umgang mit seinem kolonialen Erbe zu finden. Reicht es, Provenienzforschung zu betreiben und kritisches Sammlungsgut zu kontextualisieren? Sind technische Geräte, in denen Kolonialrohstoffe verbaut sind, ebenfalls als koloniales Sammlungsgut zu betrachten? Und welche Konsequenzen hätte das? Und nicht zuletzt: Was macht man heute mit den Wunschobjekten von 1911?

PANEL 3 - 15:45 - 16:45Moderation: Ismahan Wayah (Historisches Museum Frankfurt)

Dr. Nadine Engel (Museum Folkwang, Essen)The Politics of Display – Displaying the Politics. Wie mit der Sammlung „Archäologie, Weltkunst, Kunstgewerbe“ am Museum Folkwang Politik gemacht wurde

Rezipiert die breite Öffentlichkeit das Museum Folkwang heute als Kunstmuseum, so wurde es nicht als solches gegründet. Konstituierend war ein Sammlungsbereich, der aktuell noch als „Archäologie, Weltkunst, Kunstgewerbe“ bezeichnet wird und auf Karl Ernst Osthaus zurückgeht. Osthaus, heute als wegweisender Mäzen moderner Kunst bekannt, trug seine Sammlung nicht nur zur Hochphase des deutschen Imperialismus und Kolonialismus zusammen, er nutzte koloniale Macht- und Handelsstrukturen zur Anlage seiner gattungs- und epochenübergreifenden Bestände. Nach seinem Tod wurde die Folkwang-Sammlung 1922 nach Essen transloziert und fusionierte dort mit den Beständen des städtischen Kunstmuseums zum Museum Folkwang Essen. Dessen erster Direktor Ernst Gosebruch knüpfte einerseits an Osthaus an, andererseits gab er dem kolonialen Engagement von Essener Mäzenen wie Krupp einen festen Ort und vermittelte in der Gegenüberstellung von Gemälden und ethnographischen Objekten stereotype, zum Teil rassistische Vorstellungen. Unter seinem von den Nationalsozialisten ernannten Nachfolger Klaus Graf von Baudissin wurden die archäologischen, kunsthandwerklichen und ethnographischen Objekte in den 1930er-Jahren weiter politisiert. Das Referat wird dies an Beispielen aus Wechsel- und Dauerausstellungen im Museum Folkwang beleuchten: der Präsentation von afrikanischen Objekten in den 1910er-Jahren in Hagen, der Neupräsentation der Folkwang-Sammlung in Essen ab 1929 sowie der Präsentation von japanischem Kunsthandwerk in den späten 1930er-Jahren.   

Chris Zisis (Universität Hamburg)Visual and material representations of Greek post-war labour migration: The documentary work of Lefteris Xanthopoulos. Implications for museum practice and the „Heter-archive“

In this contribution I highlight a facet of my on-going fieldwork on the historical period of Greek guest labour workers in West Germany (1960-1973), confining my focus to visual and material representations. Particularly, I refer to visual sources and how I use them in my ethnographic analysis, analyzing two documentaries by acclaimed Greek director Lefteris Xanthopoulos, as well as segments of my fieldwork with the director's visual archive. Thus, I aim to suggest what we can learn from Xanthopoulos' participatory, ethnographic and self-reflexive documentary production, and finally formulate some crucial thoughts in regards to exhibiting/curating migration histories in museums.

Through my suggested notion of a polyphonic and multi-prismatic mnemonic archive, or a Heter-archive, it will be possible to describe spherically and comprehend „the multiple materialities of migrant worlds“ (Basu, Coleman 2008), as well as enhance the notion of a dialogue-driven museum (Harrison 2013), and a „bottom-up“ memory archive of migrants´ embodied experiences and knowledge, thus meeting the demands and calls of postcolonial theory and methods, as well as postcolonial museology. Finally, this project can be placed in the on-going public discussion on the shift of perspective of the current topic of migration in Germany and such a critical paradigm shift can be anchored and implemented in the context of museographical practices and Public History interventions.

LECTURE 1 - 17:00 - 18:00

Dr. Imani Tafari-Ama (The University of The West Indies, Kingston, Jamaika)The Political Economy of Perspective

As International Fellow and Curator of the Rum, Sweat and Tears exhibition (Flensburger Schifffahrtsmuseum), I was tasked to provide a critical, African-Caribbean perspective on  the 2017 Centennial of the sale of the land and the people of the Virgin Islands to the United States of America (USA) for $25million in gold – $530million in today’s money – 69 years after Emancipation of African people from 250 years of Danish colonial control in the Killing Fields of the Caribbean. 

The focal point of the exhibition was the artistic rendition of dehumanised Africans who experienced the Maafa, the Holocaust of enslavement, painted on the floor. Many visitors found it troubling to cross this virtual crime scene. I produced 12 mini documentaries from my 150 ethnographic encounters, which were the talking heads of the virtual African Ancestors. In a gesture of homage and to encourage active visitor engagement, these recordings and objects were placed on the floor.

Despite the horrors of the Maafa, including religious brainwashing, physical torture and intergenerational exposure to the oppression and exploitation that typified life on sugar plantations in the Caribbean, the exhibition provided evidence of active African resistance, – symbolized by the neck shackle, Baobab Tree and the woman-led Fireburn. However, the tour across the virtual bodies also showed that the wealth of the Global North was garnered on the backs of enslaved Africans, a legacy that is experienced to this day.

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Dienstag, 15. Juni 2021

Sektion III: There Is Always More Than One Way of Looking. Postkoloniales Kuratieren und Vermitteln

In den letzten Jahren und auch aktuell zeigen Museen in Deutschland und dem benachbarten Ausland zahlreiche Ausstellungen, die sich den Themen Rassismus und (Post-)Kolonialismus widmen. Ein kursorischer Blick in ihre kuratorischen Strategien, Displays, Methoden, Ziele, Vermittlungsansätze und die Zusammenarbeit mit zivilgesellschaftlichen Communities sowie die dabei auftretenden Herausforderungen zeigt Möglichkeiten auf, nachhaltig eine neue diskriminierungskritische und diversitätsorientierte Ausstellungs- und Vermittlungspraxis zu etablieren und das Museum als einen offenen und partizipativen Ort zu denken.

PANEL 4 - 10:00 - 11:45Moderation: Sophie Eliot (Stiftung Stadtmuseum Berlin)

Jeanne Nzakizabandi (Bildungsstätte Anne Frank, Frankfurt a. M.)Rassismuskritisches Kuratieren − Möglichkeiten und Grenzen

„Hingucker? Kolonialismus und Rassismus ausstellen“ ­− so heißt die aktuelle Sonderausstellung der Bildungsstätte Anne Frank. Sie unternimmt den Versuch, anhand der Thematik des deutschen Kolonialismus die Praxis des Ausstellens selbst zur Diskussion zu stellen. Auf relativ kleinem Raum wird eine Vielzahl von Themenkomplexen verhandelt. Hierzu gehört das kritische Hinterfragen von Sehgewohnheiten, die vermeintliche Passivität ehemals kolonialisierter Menschen und nicht zuletzt das Thema Schwarze Körper und Perspektiven im musealen Kontext.

Das Kuratieren dieser Ausstellung war von dem Anspruch geprägt, die Menschen, die von anti-schwarzem Rassismus betroffen sind, genauso mitzudenken wie die Profiteure anti-schwarzer Strukturen. So ging es im Rahmen der Ausstellung nicht nur darum, jegliche Reproduktionen kolonialer Gewalt zu vermeiden. Es ging darüber hinaus auch darum, von Rassismus betroffenen Menschen ein Gefühl von Empowerment zu geben. Es stellte sich die Frage, wie dies am besten geschehen kann. Welche Exponate sind hier die passenden, welche würden den eigenen Anspruch unterwandern?  Gleichzeitig verfolgte die Ausstellung das Ziel, weißen Besucher*innen ihre Positionierungen innerhalb einer postkolonialen Gesellschaft zu spiegeln und ihre Erwartungen in der Rolle vermeintlich passiver Betrachter*innen zu irritieren.

Welche Wege das Kurator*innen-Team gegangen ist, um diesen Ansprüchen gerecht zu werden, und an welchen Stellen das Team feststellen musste, dass kritisches Kuratieren immer nur einen Versuch darstellen kann, ist Inhalt dieses Vortrags.

Ismahan Wayah & Puneh Henning (Historisches Museum Frankfurt)Partizipative und diskriminierungssensible Ausstellungsprozesse gestalten

In öffentlichen Diskussionen über Rassismus und Kolonialgeschichte wird die Sichtweise von betroffenen Menschen oft kaum beachtet. Doch genau diese Perspektiven zeigte die Stadtlabor-Ausstellung „Ich sehe was, was du nicht siehst: Rassismus, Widerstand und Empowerment“ (Oktober 2020 – März 2021). In einem partizipativen Prozess wurden Menschen aus Frankfurt und dem Rhein-Main Gebiet eingeladen, in enger Zusammenarbeit mit dem Museum die Ausstellungsinhalte zu konzipieren und mit zu kuratieren. Dabei standen die Lebensrealitäten von marginalisierten Menschen wie Schwarzen Menschen, People of Color, Sinti*ze und Rom*nja sowie Menschen mit Migrationsgeschichte und Fluchterfahrungen im Mittelpunkt. Die Ausstellung zeigte verschiedene Formen von Rassismus und deren Auswirkungen auf Betroffene, aber auch die vielfältigen Selbstermächtigungsstrategien, um Rassismus zu bekämpfen. Multiperspektivisch blickte die Ausstellung auf die koloniale Vergangenheit Deutschlands, die daraus resultierenden Strukturen und ihr Nachwirken bis heute. Es geht um Anerkennung, um Sichtbarkeit und Sichtbarmachung, um Sprechen und Gehört-Werden und um eine kritische Selbstreflexion weißer Menschen und der Institution Museum. In dieser Präsentation möchten wir den Prozess mit den gesellschaftlich unterschiedlich positionierten Stadtlaborant*innen darstellen sowie unsere postkolonialkritische Auseinandersetzung mit historischen Zeugnissen in der Ausstellung erläutern und diskutieren.

Vera Ryser (Zürich)„Stimmen aus einer archivierten Stille“. Eine Rechercheausstellung zur Baseler Kolonialgeschichte

Für das Recherche- und Ausstellungsprojekt „Stimmen aus einer archivierten Stille“ begaben sich die Kuratorinnen Vera Ryser und Sally Schonfeldt gemeinsam mit Künstler*innen aus Sri Lanka und Indonesien auf die Suche nach dem heilen kolonialen Erbe von Fritz und Paul Sarasin. Die beiden Naturforscher begründeten um 1900 umfangreiche naturwissenschaftliche und ethnologische Sammlungen, welche sie von Forschungsexpeditionen aus Ceylon (Sri Lanka) und Celebes (Indonesien) nach Basel brachten.

Im Zentrum von „Stimmen“ steht die Frage: Wie können wir die machtvollen westlichen Erzählungen und Deutungsmuster, die in kolonialen Sammlungen eingeschrieben sind, verlernen und die eigentliche Vielstimmigkeit, die jedoch unhörbar gemacht wird, aktiv fördern? Die Stille, welche mehr als ein Jahrhundert aufrechterhalten wurde, bezeugt die impliziten Machtstrukturen in den Archiven, in den Institutionen, in der Schweizer Gesellschaft selbst. 

Entstanden ist eine Ausstellung im Foyer des Theater Basel mit künstlerischen Beiträgen aus der Schweiz, aus Indonesien und Sri Lanka. Diese zeigen eine widerständige, alternative Lesart des Sarasinischen Erbes und verwandeln die archivierte Stille in ein Vielstimmigkeit forderndes Nachdenken über die kolonialen Vermächtnisse der Schweiz. Die Ausstellung korrespondierte inhaltlich mit einem Theaterstück über die Lebensgeschichte der Sarasins. Zeitgleich befasste sich eine Diskussionsreihe mit unterschiedlichen kolonialen Verstrickungen der Stadt Basel. Der Beitrag betrachtet diese grenzüberschreitende, transdiziplinäre und interinstitutionelle Aufarbeitung der Sarasinischen Sammlungen.

PANEL 5 - 14:00 - 15:30Moderation: Claudia Wagner (Museum für Hamburgische Geschichte)

Julia Albrecht & Stephanie Endter (Weltkulturen Museum, Frankfurt a. M.)„Hidden in Plain Sight. Vom Unsichtbarmachen und Sichtbarwerden“. Eine Ausstellung kuratiert aus der Perspektive der Bildung und Vermittlung

In einer Zeit, in der Rassismus und strukturelle Gewalt in der Gesellschaft alltäglich sind, ist jede*r gefordert, sich kritisch mit Kolonialismus und seinen Auswirkungen bis hinein in die Gegenwart auseinanderzusetzen. In der Ausstellung „HIDDEN IN PLAIN SIGHT. Vom Unsichtbarmachen und Sichtbarwerden“ hat das kuratorische Team der Bildung und Vermittlung erprobt, wie sich die dekoloniale Vermittlungspraxis in eine Ausstellungsform übertragen lässt und empowernde Räume geschaffen werden können. Der Fokus liegt hierbei auf widerständigen Stimmen und Betrachtungsweisen, die weniger präsent sind und oft überhört oder übertönt werden.

Ausgehend vom Museum, das unweigerlich mit seiner kolonialen Vergangenheit verbunden ist, nimmt die Ausstellung Herkunftsgeschichten von Objekten und wissenschaftliche Ordnungssysteme in den Blick. Unter Einbeziehung zeitgenössischer künstlerischer Arbeiten werden folgende Fragen diskutiert: Welche Perspektiven werden vermisst? Welche Ereignisse und Personen fehlen in Büchern und Bibliotheken? Wie viele gesellschaftliche Privilegien bleiben unsichtbar? Wessen Geschichten fehlen und schreiben sich somit auch nicht in das kollektive Gedächtnis ein? In der Präsentation gehen wir auf verschiedene dekoloniale Strategien aus der Ausstellung ein.

Aurora Rodonò (Rautenstrauch-Joest-Museum, Köln) & Esther Poppe (Frankfurt a. M.)RESIST! Die Kunst des Widerstands. Oder: How to start processes of decolonizing ethnographic museums?

Die Apparate der Wissensproduktion, die Museen, und insbesondere die ethnologischen Museen, sind im Umbruch und werfen Fragen des Sammelns, des Kuratierens, des Repräsentierens auf. Wem gehört das Museum? Wer spricht? Wessen Geschichte(n) werden erzählt? Was heißt es, das Museum als einen offenen, partizipativen und radikaldemokratischen Ort zu denken? Und wie kann das Museum zum Ort der Heilung werden?

Im April 2021 hat das ethnologische Rautenstrauch-Joest-Museum (RJM) in Köln die Ausstellung „RESIST! Die Kunst des Widerstands“ eröffnet, in deren Zentrum Praktiken kolonialen und postkolonialen Widerstands stehen. Diese Sonderausstellung versammelt die Arbeiten von rund 40 zeitgenössischen Künstler*innen und Aktivist*innen aus dem Globalen Süden oder aus der Diaspora. Zudem werden zahlreiche historische „Objekte“ aus der Sammlung des RJM neu kontextualisiert. 

Entlang einiger Arbeiten befragen Esther Poppe und Aurora Rodonò das Verhältnis von Kunst, Wissenschaft und Aktivismus beim Kuratieren und bei der Vermittlungsarbeit und erläutern die auch ambivalente Einbindung von Live-Speaker*innen in die experimentell und partizipativ angelegte Ausstellung. Vor dem Hintergrund der gewaltvollen Geschichte, in die ethnologische Museen eingelassen sind, stellt sich die Frage, welche sozial-dynamischen Prozesse bei der Arbeit mit Live-Speaker*innen freigelegt werden. Schließlich gibt Aurora Rodonò Einblicke in die Diversity-Arbeit am RJM.

Mike Schattschneider & Rosalie Möller (Linden-Museum Stuttgart)(in) Beziehungen – Kritische Reflexion von Sprache und Bild im Museum

Mit dem LindenLAB, das von der Kulturstiftung des Bundes im Rahmen der Initiative für Ethnologische Sammlungen gefördert wird, erprobt das Linden-Museum neue Formen musealer Wissensproduktion, Vermittlung und Präsentation. Das LAB 5 „(in) Beziehungen“ betrachtet, wie Beziehungen zwischen Menschen, Objekten und der Institution Museum geformt und entwickelt werden können.

Zentral ist die Auseinandersetzung mit Kommunikation: Was bedeutet es, diskriminierungsfrei und gendergerecht zu schreiben? Wie können wir durch leichte Sprache Texte verständlicher machen? Welche Bilder wollen wir im Museum verwenden und welche nicht?

Diese Themen wurden intern diskutiert und im Austausch mit externen Partner*innen vertieft. Mit Dr. Jule Bönkost und Josephine Apraku vom Institut für diskriminierungsfreie Bildung haben wir reflexiv die Begriffe betrachtet, die wir im Museum häufig verwenden. Daraus resultierte die Idee, ein Glossar anzulegen. Mit Jamila Al-Yousef und Nadia Kabalan haben wir uns kritisch einem komplexeren und sensibleren Umgang mit Bildern angenähert.

Die Auseinandersetzung mit diesen Themen war auch bei der Konzeption der Werkstattausstellung „Schwieriges Erbe. Linden-Museum und Württemberg im Kolonialismus“ von besonderer Wichtigkeit. In enger Abstimmung mit den Kuratoren und den Gestaltern haben wir eine Bildlogik entwickelt, die verantwortungsvoll mit dem oft gewaltvollen Quellmaterial umgeht. Zudem haben wir in einer Interventionsebene eine kritische Textredaktion durchgeführt. Sie lädt Besucher*innen ein, aktiv zu werden und die Texte und Bilder der Ausstellung zu kommentieren, womit über den Ausstellungszeitraum hinweg eine immer diversere Multiperspektivität entsteht.

WORKSHOP - 15:45 - 18:00Dominik Fasel, Mbingo Itondo, Sandra Karangwa, Selma Lampart & Diana Schuster (Köln)

ver | lern | raum. Postkoloniale Ausstellungsrundgänge am Museum Ludwig

Digitale Werkbesprechungen mit anschließender Projektvorstellung und Fragerunde Das Projekt „ver | lern | raum“ analysiert und hinterfragt die Institution Museum, ihre Ein- und Ausschlüsse sowie Ausstellungspraxen. Die Schritte und Aspekte, die uns hier immer wieder begegnen und beschäftigen, spiegeln sich in unserem Projektnamen wieder: verlernen, lernen und Räume. Am Museum Ludwig setzen wir Ausstellungsrundgänge in die Praxis um: Welche Werke sind vor Ort? Wie sind wir gewohnt, diese Werke zu sehen und zu kategorisieren? Welche Entscheidungen nimmt das Museum vorweg? Zentral für unsere Arbeit ist die Frage, wie empowernde und/oder kritische Reflexionsräume am Museum geschaffen werden können, ohne auf die Veränderungen der institutionellen Strukturen zu warten.

Nach einer kurzen Begrüßung beginnt der Workshop mit zwei parallel stattfindenden einstündigen digitalen Werkbesprechungen zu Arbeiten von Bi*PoC-Künstler*innen aus der Sammlung des Museum Ludwig: In einem Raum laden wir Bi*PoC-Teilnehmer*innen zu einer Werkbesprechung mit empowernden Elementen ein. In einem zweiten Raum möchten wir für Teilnehmer*innen mit weißen Privilegien eine Reflexion eröffnen. Dieser zweite Raum richtet sich primär an weiß privilegierte Menschen, ist aber offen für alle. 

In beiden Werkbesprechungen wollen wir Dialoge führen. Es sind keine Vorkenntnisse notwendig. Wir arbeiten mit getrennten Räumen, da der „Raum”, in dem Kunst gesehen, erlebt und wahrgenommen werden kann, maßgeblich von unseren eigenen Erfahrungen und Positionierungen beeinflusst wird. 

 Im Anschluss an die Werkbesprechungen möchten wir Erfahrungen und Erkenntnisse aus dem Projekt „ver | lern | raum“ besprechen: Welche ersten Erfahrungen haben wir bereits gemacht? Welche Voraussetzungen brauchte es, um ein solches Projekt zu starten? Auf welche Barrieren sind wir gestoßen? Die letzten 15 Minuten des Workshops möchten wir den Raum für Rückfragen zum Projekt öffnen. 

FILMVORFÜHRUNG - 18:30 - 19:40

Palimpsest of the Africa Museum

Dokumentarfilm, Belgien 2019, 70 min, Französ. (u. Niederländ.) mit engl. Untertiteln
Regie: Matthias De Groof (in Zusammenarbeit mit Mona Mpembele)

 

In 2013, the Royal Museum for Central Africa closes for renovation. Not only the building and the museum cabinets are in need of renewal: the spirit of the museum has to be brought into this century. In COMRAF, a board of advisers, the process of decolonization leads to discussions.  

While disassembling the metre-high statue of Leopold II, his ghost wanders through the corridors and halls of the museum. The renovation of the Museum for Central Africa is an opportunity to give a modern interpretation to the museum's existence and mission. The stuffed wild animals, the traditional masks and the dusted artifacts are to make way for a more complete, modern view on Africa. The museum calls on the help of experts and initiates consultations with representatives of African organisations that have joined forces in a structure set up for this purpose, COMRAF. Exhibiting the minerals from the Congolese soil is no longer just a matter of scientific explanation. We must also consider the horrific conditions in which these raw materials were mined and the disruptive consequences for Congolese society. But in order to completely dislodge the majestic building from its colonial form, more fundamental questions also need to be asked. Who is looking at whom here? And whose story is being told here?

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Mittwoch, 16. Juni 2021

TALK - 11:00 - 12:00

Christopher A. Nixon (Stiftung Historische Museen Hamburg) und Suy Lan Hopmann (MARKK – Museum am Rothenbaum. Kulturen und Künste der Welt, Hamburg) im Gespräch über die Ausstellungen „Grenzenlos. Kolonialismus, Industrie und Widerstand“ und „Hey Hamburg, kennst Du Duala Manga Bell“

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Sektion IV: Not an Atlas. Postkoloniales Mapping

Karten spiegeln hegemoniale Machtverhältnisse ebenso wie auch der (städtische) Raum, der durch Ausschlüsse und Spuren der Kolonialgeschichte geprägt ist. Die Erfahrungen von marginalisierten Menschen in diesen Räumen sichtbar zu machen, etwa mithilfe von partizipativen Ansätzen, kann ein Zugang sein, unsere postkoloniale Gegenwart abzubilden und den Museumsbesucher*innen zugänglich zu machen.   

LECTURE 2 - 14:00 - 15:30

Corinna Humuza (Hamburg), Dr. Katharina Schmidt (Universität Hamburg) & Dr. Katrin Singer (Universität Hamburg)Kartographien der Positionalität

Kartographische Methoden sind tief verwurzelt in einem geographischen Blick auf das sogenannte Andere. Karten, egal ob klassisch oder kritisch, erzählen meist Geschichten über woanders, über hier und da und reproduzieren dabei häufig koloniale Kontinuitäten, indem vermeintlich leere Räume, wie Körper oder Land, mit Zuschreibungen versehen werden. Das kartierende Ich, das oftmals privilegierter Teil eines durch Machtstrukturen definierten Systems ist, bleibt unsichtbar. Methoden reflexiver und kritischer feministischer Kartographien, die die Verwobenheit von Kartographie, Visualität und künstlerischer Kreativität betonen, eröffnen in diesem Spannungsverhältnis das Potential, die eigene Positionierung im Mappen nicht nur gesellschaftlich sichtbar zu machen, sondern auch zu analysieren und zu dekonstruieren. In der Verbindung mit feministischen und dekolonialen Fragen eröffnen Kartographien der Positionalität spannende Synergien in den verschiedenen Möglichkeiten der methodischen Erhebung und visuellen Darstellung. 

Entlang anwendungserprobter Beispiele der kartographischen Praxis von Intersektionalität und reflexiver K/Artographie entstehen so kartierte Auseinandersetzungen in der Verräumlichung und mit der Wirkung von positioniertem Wissen und Sein. Der Vortrag führt in die Grundlagen der kritischen Kartographie ein und stellt verschiedene Praxisbeispiele feministischer und dekolonialer kartografischer Methoden vor.

PANEL 6 - 15:45 - 16:45Moderation: Dr. Tania Mancheno (Universität Hamburg)

Sarah Bergh (München) & Eva Bahl (Universität Göttingen)Spuren – Schichten – Gespenster. Das interaktive Online-Archiv mapping.postkolonial.net und die Ausstellung „Decolonize München“

Als im Oktober 2013 die Ausstellung „Decolonize München“ im Münchner Stadtmuseum eröffnet wurde, war dem ein mehrjähriger Prozess vorausgegangen. Zur Vorbereitung der verschiedenen Ausstellungsinhalte hatte sich ein Bündnis antirassistischer und dekolonialer Gruppen zusammengefunden. Der erste Teil der Präsentation geht insbesondere auf das vielseitige Veranstaltungs- und Vermittlungsprogramm der Ausstellung ein. Dabei werden auch die Arbeitsweise und die Ergebnisse einer kritischen Reflektion unterzogen. Welche Konfliktlinien existierten innerhalb des Projekts? Welche Ideen mussten verworfen werden? Wie ist die Nachhaltigkeit des Projekts aus heutiger Sicht einzuschätzen? Im zweiten Teil des Vortrags wird die Konzeption und die Funktionsweise des auch in der Ausstellung präsentierten und für die Vermittlungsarbeit bis heute verwendeten interaktiven Online-Archivs mapping.postkolonial.net beschrieben. Die Webseite verzeichnet post/koloniale Spuren in München. Als sicht- und unsichtbare Verortungen im städtischen Raum dienen sie als Fenster, die Verschränkungen von Geschichte und Gegenwart post/kolonialer Verhältnisse in den Blick nehmen und befragen.

Karoline Kaiser & Laura Völz (Universität Hamburg)Engagierte Museums- und Stadtraumforschung aus historisch-kulturwissenschaft-lichen Perspektiven? Das studentische Projektseminar „Hamburg (post-)kolonial“

Im kommenden Wintersemester 2021/22 gestaltet eine Gruppe von Masterstudierenden am Institut für Empirische Kulturwissenschaft der Universität Hamburg – alle sind Mitglieder in der historisch-kulturwissenschaftlichen Werkstatt (hkw) –  ein studentisches Projektseminar zum Thema „Hamburg (post-)kolonial”. Anhand ausgewählter Fallbeispiele aus dem Hamburger Stadtraum (Straßennamen, Denkmäler, Gebäude) und aus Museumssammlungen des MARKK, des Museums der Arbeit und des Museums für Hamburgische Geschichte möchten wir die Sichtbarkeit von (post-)kolonialen Verstrickungen – gegenwärtigen sowie historischen – in der Stadtlandschaft erhöhen.

Unser Anliegen ist es, das ethnografische Potenzial der Kulturwissenschaften für
(post-)koloniale Debatten und Verstrickungen im Hamburger Stadtraum nutzbar zu machen. Darunter verstehen wir den Fokus auf (Alltags-)Erfahrungen, Wahrnehmungen und Bedeutungen, damit ein Begriff wie „(Post-)Kolonialismus” keine abstrakte Metapher ist oder ausschließlich auf strukturelle Bedingungen reduziert wird. Damit schließen wir an die Notwendigkeit einer quellenbasierten, historisch-argumentierenden Kulturanalyse an, gerade wenn es um Themen der Gegenwart und Fragen nach Hintergründen, Entstehungsgeschichte(n) und Überlieferungstraditionen, um Macht, Differenz und konkurrierende Deutungsperspektiven geht. Über kulturelle Phänomene in der Gegenwart zu sprechen, heißt immer auch, die historischen Kontexte zu kennen und mit einem verstehenden Zugang zu erschließen. Eine „engaged anthropology“ in historisch-kulturwissenschaftlicher Perspektive ist nur möglich, wenn man Deutungen und Bewertungen der Vergangenheit einordnen und womöglich dekonstruieren kann. Vor diesem Hintergrund skizzieren und kartieren wir in studentischen Kleinprojekten konkrete Ausdrucksformen von materieller (Erinnerungs-)Kultur im Stadtraum und in Museumssammlungen. Dabei entstehen unter anderem Mental Maps, durch die subjektive Konzepte des (Stadt-)Raums entworfen und sichtbar gemacht werden können.

Durch das Gespräch mit Gäst*innen und Exkursionen streben wir einen interdisziplinären statusübergreifenden Austausch an. Das Projektseminar beleuchtet damit auch das Verhältnis von Wissenschaft, Öffentlichkeiten und Erinnerungsarbeit. Denn wir sind uns einig: Die (Post-)Kolonialität von Welt und Wissen liegt direkt vor unserer Hamburger Institutstür.
Weiteres Mitglied des Projektteam ist Manuel Bolz.

AUSKLANGmit Christopher A. Nixon (Stiftung Historische Museen Hamburg) und Claudia Wagner (Museum für Hamburgische Geschichte)