Vor der Speicherstadt: Das Leben auf der Kehrwieder-Wandrahm-Insel

Die Besiedelung der Kehrwieder Wandrahm-Insel

Wo sich heute die Speicherstadt befindet, erhob sich über mehrere Jahrhunderte ein kompletter, sich über mehrere Inseln erstreckender Stadtteil namens Grasbrook, welcher sich nochmals in Großer Grasbrook im Norden und Kleiner Grasbrook im Süden aufteilte. Das auf der vormaligen Kehrwieder-Wandrahm-Insel liegende Viertel, um das es sich dreht, welches mehr als 20000 Menschen in seinen mehr als 1000 Wohnhäusern und Speichern beherbergte, war im 16. Jahrhundert entstanden, als die ersten Emigranten sich dort ansiedelten. Im 17. Jahrhundert errichteten die hauptsächlich holländischen und portugiesischen Einwanderer jene malerischen dreistöckigen Fachwerkhäuser, die das Bild der Insel bis ins späte 19. Jahrhundert prägen sollten. Die Spitze dieser Brookinsel wurde „Kehrwieder“ genannt, in der Mitte war der „Brook“. Dort wohnten Handwerker und Kleingewerbetreibende dicht gedrängt in Fachwerkmietshäusern. Der heute noch geläufige und in Hamburg immer wieder auftauchende Begriff „Brook“ kommt aus dem Plattdeutschen und bedeutet „sumpfiges Gebiet“, was der Grasbrook in seinen Anfangstagen auch war. Der östliche Teil war unter dem Namen Wandrahm bekannt. Die dort ansässigen Tuchmacher prägten diesen Namen, der sich von den hölzernen Rahmen zum Spannen der Tuche ableitete, die sie verwendeten. Der Begriff „Kehrwieder“ wird oftmals mit der Verabschiedung von Seeleuten assoziiert, wenn zum Beispiel Hamburgerische Seemannsfrauen ihre Männer mit “Bitte Kehr wieder” verabschiedeten. In Wahrheit bedeutet „Kehrwieder“ schlicht Sackgasse, an deren Ende man „kehrt“ machte.
Bild
Niederbaumbrücke vor den Bau der Speicherstadt, Foto: unbekannt, 1880-1883. Die Bebauung am Kehrwieder ist noch vorhanden. Im Hintergrund die Schuppen 1 und 2 am Sandtorkai. Die Brücke war in dieser Form bis zum Krieg in Betrieb. Nach der Zerstörung wurde sie durch eine Kriegsbrücke ersetzt, die bis in die 1980er Jahre dort stand.

Wer auf dem Kehrwieder lebte

Im Jahr 1567 wurde die Stadt Hamburg Ziel von Auswanderern, die aus religiösen Gründen ihre Heimat verlassen mussten. So ließen sich neben vielen Niederländern auch portugiesische Juden in Hamburg und speziell auf der Kehrwieder-Wandrahm-Insel nieder.

In der Hansestadt wurden die Einwanderer mit offenen Armen empfangen. Insbesondere die Hamburger Kaufleute versprachen sich von ausländischen neue Kenntnisse und vor allem weltweite Kontakte und Handelspartner. Gerade der niederländische Einfluss auf den Hamburger Handel wuchs tatsächlich stetig und unaufhaltsam. Im Jahr 1612 waren 32 von 42 großen Handelshäusern Hamburgs unter niederländischer Führung. Das Niederländische war Geschäftssprache geworden und viele Hamburger Kaufleute führten ihre Bücher auf jener Sprache. So zählten die Holländische Reihe, der Holländische Brook, sowie der Neue und der Alte Wandrahm zu den vornehmsten Straßen der Stadt. Dort wohnten die „gut betuchten“ und einflussreichen Kaufleute in ihren Barockvillen und Kaufmannshäusern, während die Leute aus den Handwerkerschichten allesamt auf dem Kehrwieder in ärmlichen und ungesunden Wohn- und Lebensräumen zu finden waren. Ebenfalls im Alten und Neuen Wandrahm lebten und arbeiteten die aus den Niederlanden zugezogenen Wandbereiter, welche für die Tuchhändler die Tuche bearbeiteten.

“Der Brook”, auch als “Schiffbauerbrook” bekannt, galt als eine der bevölkerungsreichsten Straßen nicht nur der Kehrwieder-Wandrahm-Insel, sondern von ganz Hamburg. Hier war die Heimat der namensgebenden Schiffsbauer und Zimmerleute.

Der Bau des Sandtorhafens am Grasbrook im Jahr 1868 sorgte für eine leichte Abwanderungswelle der wohlhabenderen Anwohner, die sich nun in den ruhigeren Elbvororten oder an der Außenalster ansiedelten. Die Gemeinde der örtlichen St. Katharinen-Kirche verlor damit ihre wohlhabenden und einflussreichen Mitglieder, das gesamte Gebiet auf dem Wandrahm und Kehrwieder wandelte sich zu einem Hafenarbeiterwohngebiet. Zum Zeitpunkt des Baus der Speicherstadt war der Wandrahm so gut wie verlassen, die meisten der Villen und Häuser standen leer.

Bild
Brooksgraben Foto: Johann Heinrich Strumper, 1880

Weitere Bilder

Der Sandtorhafen

Schon seit 1850 waren von den Hamburger Kaufleuten immer wieder und nachdrücklicher Ausbauten an den Hafenanlagen gefordert worden, da insbesondere der Güterumschlag von tiefgehenden Seeschiffen in den vorhandenen Gewässern unmöglich war. Erste Entwürfe nach Vorbild des Londoner Dockhafens stießen aber auf wenig Gegenliebe. Erst als Johannes Dalmann ein Modell auf Basis eines offenen Tidehafens kreierte, kam das Projekt voran. Dalmanns zukünftiger Hafen sah zwei Hafenbecken auf dem Großen Grasbrook vor, in denen auch Schiffe mit größtem Tiefgang liegen konnten. Das Projekt, welches zu etwa gleichen Teilen aus staatlichen und privaten Mitteln realisiert werden sollte, stieß beim Hamburger Senat zwar zuerst auf wenig Gegenliebe.

Im Jahr 1860 verabschiedeter er es aber schlussendlich nach einigen Verbesserungen und Änderungen als Generalplan für den Ausbau des Hamburger Hafens und im Jahr 1862 wurde am Sandtorkai mit dem Bau begonnen. So entstand am Grasbrook mit dem Sandtorhafen das erste künstliche Hafenbecken Hamburgs! Besonders zukunftsweisend war, dass beim Bau der Kais und ihren Schuppen nicht nur der Umschlag zu Land – über Bahnschienen - , sondern ebenfalls der traditionelle hamburgische Umschlag zu Wasser über Ewer und Schuten berücksichtigt wurde. Die Schuten und Ewer konnten direkt an die am Kai liegenden Seeschiffe fahren und die Ladung aufnehmen, um sie dann weiter zu transportieren.

Am 11. August 1866 wurde der Sandtorhafen mit einer feierlichen Zeremonie offiziell eröffnet.

Von 1869 bis 1872 wurde der Sandtorhafen um ein großes Areal und mehrere Kais auf der gegenüberliegenden Seite erweitert und ausgebaut.

Der Hafen ist schon da, die Bebauung von Kehrwieder steht noch. Im Hintergrund die Kirchtürme (St. Katharinen). Möglicherweise vom Kaiserspeicher aufgenommen, der 1875 erbaut wurde. Foto: Staatsarchiv Hamburg
Der Hafen ist schon da, die Bebauung von Kehrwieder steht noch. Im Hintergrund die Kirchtürme (St. Katharinen). Möglicherweise vom Kaiserspeicher aufgenommen, der 1875 erbaut wurde. Foto: Staatsarchiv Hamburg

Das Leben im Gängeviertel

Etwas abseits, am gegenüberliegenden Ufer der Kehrwieder-Wandrahm-Insel mit ihren Seefahrern, Handwerkern, Kaufleuten und Wandrahmern, lag eines der Hamburger Gängeviertel, jenen besonders eng bebauten Wohnquartieren in einigen Teilen der Hamburger Alt- und Neustadt. In Straßen wie dem „Dovenfleet“ oder „Bei dem Zippelhause“ herrschte das ebenfalls vom Kehrwieder bekannte Bild von eng aneinander gedrängt stehenden niedrigen Fachwerkhäusern vor, zwischen denen sich noch nur durch labyrinthartige Gänge zu erreichende schmale Höfe mit drei oder vier Hinterhäusern abzweigten.

Jene Gegend ließ sich zu recht zu den ungesündesten Wohnstätten in der Freien und Hansestadt Hamburg zählen. Die Häuser wurden dank der Straßentiefe regelmäßig bei Hochwasser überflutet und manchmal stand das Wasser so hoch, dass im Erdgeschoß das Mobiliar unter der Decke schwamm. Den vom Hochwasser mitgebrachten Dreck hatte man irgendwann aufgehört zu entfernen, er kam beim nächsten Mal ja eh wieder. Die Wohnungen selbst waren klein und so dunkel, dass den ganzen Tag über Licht jeglicher Art brennen musste. Die Decken waren so niedrig, dass damalige Erwachsene mit ausgestrecktem Arm die Decke erreichten. Sie waren nur rudimentär und zweckdienlich möbliert und hatten nur in ganz seltenen Fällen einen Anschluss an eine Wasserleitung. Im Zuge des Zollanschlusses wurde dieses Gängeviertel zur Verbreiterung des Zollkanals ebenfalls abgerissen.

Im Gegensatz dazu standen die Kaufmannshäuser auf dem Wandrahm. Diese Wohnblöcke vereinigten Wohn- und Geschäftsräume der ansässigen Kaufmannsfamilie inklusive Kontor und Speicher plus einen separaten Bereich für die Angestellten unter einem Dach. Zentraler Punkt im Haus war die durch zwei Etagen reichende Diele im Erdgeschoß mit einer an zwei Seiten umlaufenden Galerie, unter der sich auch die Küche befand, sofern sie nicht im Keller aufgebaut war. Neben der Diele befand sich das Kontor, über dem in der Regel die Wohnräume lagen. Über der Diele befand sich der Speicherboden, auf dem die Waren gelagert wurden. Ähnlich angelegte Häuser sind nördlich der Speicherstadt auf der ehemaligen Cremon-Insel immer noch zu sehen. Im Gegensatz dazu standen die „reinen Kontorhäuser“, wie sich im Kontorhausviertel am Meßberg befunden haben und auch immer noch befinden.

Wie die Leute das Viertel verließen

Nachdem 1881/1882 der Zollanschluss der Freien und Hansestadt Hamburg beschlossene Sache und die Kehrwieder-Wandrahm-Insel sowie das Altstadt-Gängeviertel als das für den Freihafen nutzbare Areal bestimmt worden waren, ging es an die Räumung der von Arbeitern und Migranten noch bewohnten Gebiete und den Abriss der teils prachtvollen Barockhäuser aus der Zeit der Besiedelung der Insel im 17. Jahrhundert. Die Einwohner bei St. Annen und am Dovenfleet erhielten im November 1883 ihre Kündigung.

Abschied vom Dovenfleet

Die Speicherstadt sollte Hamburgs Zukunft als Hafenstandort sichern. Da sie nicht auf der „grünen Wiese“ geplant wurde, mussten um die 20.000 Menschen zwangsumgesiedelt werden.

Wo die nun ehemaligen Bewohner aber stattdessen ein Obdach finden sollten, das war jedem selbst überlassen. Von der Stadt gab es in der Richtung keine Anstrengungen oder Unterstützung. Da es in Hafennähe, dem Arbeitsplatz der meisten Vertriebenen, kaum bis keine freien Kapazitäten gab, waren sie gezwungen, auf die umliegenden Dörfer vor der Stadt auszuweichen. Wer Glück hatte, bekam was in Hammerbrook, wer weniger hatte, der landete in Wandsbek. Durch diese Umsiedelung wurde der bis dato schon knochenharte Job im Hafen noch beschwerlicher, da nun mehrere Stunden Fußmarsch zur Arbeit und zurück in Kauf genommen werden mussten. Öffentliche Verkehrsmittel waren entweder nicht vorhanden oder nicht bezahlbar.


Bis Ende März 1884 dauerte es, bis die Kehrwieder-Wandrahm-Insel von allen Anwohnern verlassen war. Knapp 24000 verloren so im Zuge des Baus der Zollanschlussbauten ihr teils schon über Generationen vererbtes Zuhause.