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Ein Frack über Status, Vertreibung und Neubeginn

So vielfältig wie Museumssammlungen selbst sind auch „Migrationsobjekte“. Den meisten ist gemein, dass sich ihre Geschichte erst erschließt, wenn das Objekt mit Menschen und ihren Taten verknüpft wird. Das bekannteste und meist genutzte „Migrationsobjekt“ in Museen ist sicher der Koffer, der symbolisch für Weggehen und Ankommen stehen kann. In diesem Dossier erzählt ein Frack die bewegte Geschichte seines Besitzers.

Ein Stück Stoff erzählt Geschichte

Ein gutes Beispiel für ein „verstecktes“ Migrationsobjekt ist ein Frack und ein Hemd aus der Textilsammlung des Museums für Hamburgische Geschichte. Der Frack ist nicht nur ein echtes Stück edler hamburgischer Schneiderarbeit, sondern gibt auch spannende Einblicke in die gleich in mehrfacher Hinsicht bewegte Geschichte seines Besitzers.

Der Frack gehörte Dr. Ernst Martin Rappolt, einem Juristen aus einer wohlhabenden jüdischen Hamburger Unternehmerfamilie. Ernst ist im Mai 1938 zusammen mit diesem Frack, seiner Frau Hedwig und zwei Töchtern vor der Verfolgung durch die Nationalsozialisten in die USA emigriert. Das Ensemble aus Hose, Frack und Hemd, welches erst im Jahr seiner Emigration gefertigt wurde, gibt uns interessante Einblicke in das Leben und das Ansehen seines Trägers vor seiner Emigration.

Der damals 33- Jährige studierte Rechtsanwalt Ernst arbeitete seit 1933 als Prokurist und Syndikus im Familienbetrieb Rappolt & Söhne, einem erfolgreichen Unternehmen für gummierte Mäntel, also Regenjacken und für Herrenbekleidung.  Sein Großvater gründete das Unternehmen mit einem Geschäftspartner als Oppenheim & Rappolt. Ab 1897 wurde nach dem Ausstritt Oppenheims daraus die Firma Rappolt & Söhne

Frack von Ernst Martin Rappolt, Inv. Nr. MHG 2016-183-1

Frack von Ernst Martin Rappolt, Inv. Nr. MHG 2016-183-1

Das Kontorhaus auf der Mönkebergstr. 11 -13 wurde für die Firma „Rappold und Söhne“ 1911 entworfen. Von hier pflegte die Unternehmerfamilie Kontakte in alle Welt. Inv.Nr. MHG D1924,3

Das Kontorhaus auf der Mönkebergstr. 11 -13 wurde für die Firma „Rappold und Söhne“ 1911 entworfen. Von hier pflegte die Unternehmerfamilie Kontakte in alle Welt. Inv. Nr. MHG D1924,3

Ernst Martin Rappolt wurde 1905 als jüngster von drei Söhnen geboren. Er wuchs in wohlhabenden Verhältnissen auf. Seit dem Vorjahr,1904, führte Vater Franz gemeinsam mit seinen Brüdern Arthur und Paul das Familienunternehmen. Die Familie war gut vernetzt: man pflegte Kontakte zu Kaufmannsfamilien, Banken und prestigeträchtigen Textilunternehmen in der Stadt. Seit 1911 befand sich das Unternehmen in einem eigens durch Fritz Höger entworfenen Kontorhaus in der Mönkebergstraße 11-13.

Ernst absolvierte das renommierte Johanneum, eine Privatschule für Jungen in Winterhude, und studierte dann Jura in verschiedenen deutschen Städten. Während Ernst studierte, wurde Vater Franz 1926 in das Plenum der Hamburger Handelskammer berufen - eine ausgezeichnete Stellung in der Stadt. Zwischen 1930 und 1933 war Ernst als Juniorpartner in einer Kanzlei als Rechtsanwalt tätig.

Seit 1933 verschlechterte sich die Lage für Ernst und seine Familie stetig. Jüdische Menschen und Andersdenkendende wurden schrittweise entrechtet und mussten ihre Geschäfte einschränken. Ernst wurde seine Lizenz als Rechtsanwalt im April 1933 entzogen und er stieg in die väterliche Firma als Prokurist, also als Vertreter des Unternehmens, ein. Vater Franz wurde im Juni 1933 von der Handelskammer ausgeschlossen.  Doch 1933 gab es auch glückliche Zeiten: Am 6. Mai 1933 heiratete Ernst die Aachenerin Hedwig Auerbach. Auch Hedwig kam auch einer Familie mit Verbindungen zum Textil und arbeitete in den Jahren nach ihrer Hochzeit immer wieder auch als Zeichnerin für Werbematerialien des befreundeten Modehauses Robinsohn. Das Paar bekam zwei Kinder: Susanne (*1935) und Annette (*1937)

Flucht in die USA

1938 spitzte sich die Lage zu. Jüdische Menschen wurden immer weiter beschränkt und verfolgt. Einige Familienmitglieder begannen, sich um eine Ausreise zu bemühen. Das Familienunternehmen stand kurz vor der „Arisierung“, was bedeutete, dass alle jüdischen Mitglieder des Unternehmens das Unternehmen verlassen mussten. Darunter auch Ernst, der im Mai 1938 seinen Antrag auf Ausreise stellte.

Um die Kosten für die Auswanderung tragen zu können, mussten die Eheleute Rappolt ihr Vermögen liquidieren. Sie verkauften zwei Häuser in Hamburg unter Marktwert und veräußerten Wertpapiere und Anlagen. Besonders kostspielig war die Entrichtung einer hohe „Reichsfluchtsteuer“. Diese Steuer wurde 1931 eingeführt, um  Steuerflucht angesichts der Weltwirtschaftskrise zu vermeiden. Dabei waren zunächst nur sehr wohlhabende Auswanderer mit einem Vermögen von mehr als 200 000 Reichsmark betroffen. Der NS Staat weitete die Steuer seit 1933 stark aus, um vor allem jüdische Auswanderungswillige zu treffen. Die Vermögensgrenze wurde herabgesetzt und die Bemessungsgrundlage geändert. 1938 alleine nahm der NS Staat so 342 Millionen Reichsmark ein.

Als Ernst und Hedwig Deutschland verließen, mussten sie eine hohe Reichsfluchtsteuer von 62090 Reichsmark bezahlen. Heute sind das etwa 260 000 €. Staatsarchiv: 351-11 Amt für Wiedergutmachung, Nr. 30535 [Rappolt, Ernest Martin, 1954-1981]

Staatsarchiv 351-11 Amt für Wiedergutmachung, Nr. 30535 [Rappolt, Ernest Martin, 1954-1981]

Am 28. Mai 1938 reiste Ernst aus Deutschland aus. Am 2. Juni 1938 bestieg er das Schiff „SS Nieuw Amsterdam“ in Rotterdam auf der Fahrt nach New York. Im Gepäck hatte er das Ensemble aus Hemd, Frack und Hose. Das Ensemble wurde kurz vor der Ausreise im März 1938 beim Hamburger Herrenausstatter „Ladage & Oelke“ in Auftrag gegeben, maßangefertigt und hochwertig verarbeitet. Die Objekte zeugen von Ernst Selbstverständnis' als Mitglied einer gehobenen Schicht kurz vor seiner Ausreise. Ein Frack war ein Luxusartikel, eher gedacht für die Abendunterhaltung als für den Alltag. Gleichzeitig war ein Frack eine hohe Wertanlage in dieser Zeit. Es ist uns nicht überliefert, warum Ernst sich das Ensemble anfertigen ließ und wieso er es in die USA - zumal im Handgepäck - mitnahm. Der Frack wurde aber augenscheinlich nie getragen.

Hedwig und ihre beiden Töchter folgten Ernst drei Wochen später in die USA. Auf ihrer Reise begleitete Hedwig ein Wettermantel der Marke Eres aus dem Hause „Rappolt und Söhne“, der sich auch im Besitz des Museums für Hamburgische Geschichte befindet.

Neuanfang in den USA

Auf den Juristen warte in den USA eine ungewisse Zukunft wie er selbst in seinem Antrag auf Wiedergutmachung von 1953 beschreibt:

„Nach meiner Ankunft in den Vereinigten Staaten hatte ich erhebliche Schwierigkeiten, eine Stellung zu finden. Erst 1 ½ Jahre später, im September 194,0 fand ich eine Stellung als „exterminator“ [deutsch: Schädlingsbekämpfer] […] in Plainfield, N.J, wo ich mit $15 in der Woche zu arbeiten anfing.[…]“ 

1940 wird Ernst verbliebenes Vermögen in Deutschland durch die Staatspolizei beschlagnahmt. Staatsarchiv 314-15 Oberfinanzpräsident (Devisenstelle und Vermögenswertungsstelle), Nr. F 1978

 

Ernst und seine Familie wohnten 1940 in Queens, New York City, wo auch viele andere Emigranten aus Europa ihr erstes Zuhause in der „Neuen Welt“ fanden. Währenddessen wurden in Deutschland die restlichen Finanzmittel Ernsts von der Staatspolizei beschlagnahmt. Erst langsam gelang es ihm, in den USA Fuß zu fassen, allerdings wurde aus dem Juristen aus der Oberschicht zunächst ein Kammerjäger. 1941 wurde er amerikanischer Staatsbürger und anglisierte seinen Vornamen. Der Frack begleitete ihn durch diese Phase seines Lebens.

Er musste sich nicht nur in ein neues Leben in den USA einfinden, sondern versuchte auch, bis zum Kriegseintritt der USA 1941, die Ausreise seines Vaters zunächst in die USA, später nach Kuba oder Uruguay zu organisieren. Er schrieb Briefe und Telegramme und wurde auch persönlich bei den Botschaften vorstellig, um eine Ausreisegenehmigung zu erwirken. Vater Franz bereitete sich auf eine Auswanderung vor, doch 1942 wurde er schließlich ins KZ Theresienstadt deportiert, wo er im November 1943 ermordet wurde.

Staatsarchiv: 351-11 Amt für Wiedergutmachung, Nr. 30535 [Rappolt, Ernest Martin, 1954-1981]

 

 

Zu diesem Thema:

Zu Kriegsende zog Ernst mit seiner Familie nach Connecticut, wo er seit 1944 wieder als Kaufmann, als „division manager“ und später „branch manager“ in einem Unternehmen für Schädlingsvernichter arbeitete.

Nach dem 2. Weltkrieg arbeitet Ernst weiter in seinem neuen Beruf. In Hamburger Akten tauchte er erstmals 1953 zusammen mit der „Erbengemeinschaft Franz Rappolt“ wieder auf, die Rückforderungen an den Nachlass seines Vaters einreichte. Im gleichen Jahr ging dann auch ein Antrag auf Widergutmachung für Ernst in Hamburg ein, um sein Vermögen und Ansprüche auf Grundstücke deutlich zu machen, die er als Folge der Auswanderung sehr günstig verkaufen musste. Der schwierige Rückerstattungsprozess dauerte bis 1965. Ernst starb 1980 in seinem neuen Zuhause Fairfield, Connecticut, im Alter von 75 Jahren.

Staatsarchiv: 351-11 Amt für Wiedergutmachung, Nr. 30535 [Rappolt, Ernest Martin, 1954-1981]