Museen und Filme erzählen Geschichte(n)

Ein Interview zum Internationalen Museumstag


Neben der Bewahrung und Archivierung des kulturellen Gedächtnisses, zählt auch deren Vermittlung als Museumsaufgabe. Filme stehen diesem in nichts nach: Als audiovisuelle Flaschenpost transportieren auch sie Geschichten zwischen Zeiten und Generationen. Im Kontext der Veranstaltung "Close-up auf 3 Perspektiven" erläutern uns die Filmemacherinnen Diana Sánchez und Zeynep Sıla Demircioğlu ihre Sicht auf die Dinge.

Welcher Stellenwert fällt dem Medium Film als Teil der Museumsarbeit zu?

Diana Sánchez
Filme, wie Musik, sind in der Lage in einer gegebenen Zeit die Zuschauer*innen oder Zuhörer*innen in ihrer eigenen Dimension zu transportieren. Dabei können Geschichten oder auch Emotionen nähergebracht werden. Im Rahmen der Museumsarbeit wären Film und auch Musik meiner Meinung nach wichtige Elemente, die die Narrative von Ausstellungen bereichern könnten und mich als Besucher*innen auf einer anderen Ebene erreichen könnten. In der Museumsarbeit sollte definitiv öfters damit gearbeitet werden. 

Zeynep Sıla Demircioğlu
Einige Filme geben uns die Möglichkeit, die Geschichte eines Ortes und der dort lebenden Menschen auf verschiedenen Ebenen zu erfassen. Wir sehen das Leben der Menschen in einem bestimmten Zeitraum und auch ihre Interaktion mit der Stadt. Auf einer anderen Ebene sehen wir Unterschiede in der Perspektive der Regisseur*innen für denselben Zeitraum. Es ist also eine wichtige Frage, wer Kameras besitzen konnte und ihre*seine Filme in dieser Zeit zeigen konnte. Sich als Publikum solche Fragen zu stellen, hilft dabei, neben dem Filminhalt auch über den geschichtlichen Kontext der Entstehung des Films zu lernen. Filmen in Museen zu nutzen, kann also die Museumsarbeit sinnvoll ergänzen.

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Die Filmemacherin Diana Sánchez

Filmstill Recordar (2017), Diana Sánchez

Diana Sánchez, worum geht in Ihrem Film "Recordar"?


In meinem Film Recordar geht es um die Beziehung dreier Frauen, Mutter, Großmutter und Tochter. Der Anfangspunkt waren die Erinnerungen meiner Großmutter, meiner Mutter und die unserer Beziehung. Wir sind in Bogotá, Kolumbien aufgewachsen und die politische und Sicherheitslage des Landes spielte eine große Rolle dahingehend, wie wir unsere Leben gestalteten und wie wir unsere Beziehung zueinander führten.

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Die Filmemacherin Zeynep Sıla Demircioğlu

Wohnt jedem Film ein „Bildungsauftrag“ inne? Welche Rolle spielt dabei die Perspektive der jeweiligen Filmemacherin, bzw. des jeweiligen Filmemachers?

Zeynep Sıla Demircioğlu
Ich denke, nicht alle Filme, aber einige Filme haben eine „Bildungsintention“. Ich persönlich bin mehr an Filmen interessiert, die sich mit realen Begebenheiten befassen und uns eine neue Perspektive bieten. Ich mache animierte Dokumentarfilme, das ist etwas anderes als ein traditioneller Live-Action-Dokumentarfilm. Manchmal verwende ich Sprachaufnahmen und Archivmaterial, aber die restliche visuelle Welt liegt ganz in meiner Hand. Und während ich das tue, versuche ich, meine Protagonist*innen in einer Form darzustellen, die ihren Eigenschaften und Emotionen entspricht. Das heißt, ich gebe meinen Protagonist*innen neue verschiedene Formen, aber mit demselben Geist. Bei der Gestaltung dieser imaginären Welt möchte ich vorsichtig sein, um keine Vorurteile, Traumata oder Gewalt zu reproduzieren.

Diana Sánchez
Bewegte Bilder haben großen Einfluss auf die Konstruktion und Wahrnehmung unserer Realität. In dem Sinne stoßen Filme in den Zuschauer*innen Gedankengänge oder auch Emotionen an, die mit Glück auf eine andere Perspektive der Realität aufmerksam machen oder gar einen Anreiz bieten, diese zu hinterfragen. Filme sind offene Türen, durch die die Welt noch einmal anders erfahren werden kann. Die Perspektive der Filmemacher*innen ist dabei der Rahmen, durch den die Zuschauer*innen hindurchschauen können.

Zeynep Sıla Demircioğlu, worum geht in Ihrem Film „My Mothers Hair“?


My Mother's Hair ist ein animierter Dokumentarfilm über eine Kindheitsgeschichte aus der Türkei. Sie handelt von den Schwierigkeiten eines Mädchens, das in einem kleinen Dorf ohne seine Eltern aufwächst, während diese als Gastarbeiter in Deutschland arbeiten.

Filmstill My Mothers Hair (2020), Zeynep Sıla Demircioğlu

Was verbindet Ausstellungs- und Filmemacher*innen miteinander? Was können sie ggf. voneinander lernen?

Diana Sánchez
Ich denke Austellungsmacher*innen wollen Informationen zu bestimmten Themen vermitteln, wie Filmemacherinnen in einer gewissen Weise auch. Der große Unterschied und gleichzeitig beste Gelegenheit für Museen ist das Zuschauer*innen in der Narrativen rein spazieren und interagieren können, die Zuschauer*innen in diesem Raum als Akteure mehr zu integrieren fände ich in der Museumsarbeit sehr interessant. Dies kann auch gleichzeitig ein Weg sein, um mehr inklusive Elemente in Ausstellungen einzubauen.

Zeynep Sıla Demircioğlu
Beide haben die Absicht, Einblicke in andere Leben zu geben. Vielleicht können Filmschaffende in Bezug auf die Filmfigur und die Verbindung zum Publikum inspirierend sein. Denn als Zuschauer*in sucht man nach einer Verbindung zwischen der Filmfigur und sich selbst. Und um diese Verbindung zu vertiefen, versuchen Regisseure, die Figuren zu verstehen und sie gut darzustellen. Vielleicht regen Ausstellungen die Besucher auch dazu an, die Verbindung zwischen sich selbst und den Objekten des Museums zu suchen.

Filmstill Bambirak (2020), Zamarin Wahdat

Der Besuch welches Museums hat Ihnen in letzter Zeit besonders gut gefallen? Woran lag das?

Diana Sánchez
Ich war arbeitsbedingt im MARKK Museum, dort fand ein Tanzworkshop statt. Das hat mir sehr gut gefallen, da die Besucher*innen die Ausstellung besuchen konnten und gleichzeitig für ein paar Stunden den Raum für sich einnehmen und aktiv Teil davon werden konnten. 

Zeynep Sıla Demircioğlu
Ich war im MARKK und mir hat die Ausstellung "Steppen und Seidenstraßen" gefallen. Mir gefiel, dass es verschiedene Medien gab. Und ich konnte einige Worte und musikalische Melodien aufschnappen, die ich vorher nicht kannte. Ich war erstaunt, wie eine Melodie auf diese Art und Weise reisen kann.

Vielen Dank! Ein Interview im Rahmen der Ausstellung "Close-up. Hamburger Film- und Kinogeschichten" im Altonaer Museum.