Hamburgs Weg zu einer modernen Großstadt Künstlerischer Akt oder Notwendigkeit?

Industrialisierung, Urbanisierung, Wohnungsfrage – Begriffe, die den Übergang vom 19. zum 20. Jahrhundert in vielen deutschen Städten beschreiben. Was aber bedeuteten sie für Hamburg und welche entscheidende Rolle spielte der Reformer Fritz Schumacher dabei?

 

Von Claudia Preiksch

Hamburgs Entwicklung zu einer Großstadt verlief rasant. Während die Hansestadt um 1800 noch 132.000 Einwohner*innen zählte, waren es 1880 bereits 290.000. Nur 30 Jahre später, im Jahr 1910, lebten schon um die 931.000 Menschen in der Stadt und im darauffolgenden Jahr überschritt Hamburg schließlich die Millionengrenze. Damit war sie nach Berlin die zweitgrößte Stadt Deutschlands. Der Hauptgrund für diese unglaubliche Dynamik war die europaweit voranschreitende Industrialisierung. Zwar setzte sie – im Vergleich zu beispielsweise dem Vereinigten Königreich – in Deutschland erst spät ein, aber das tat sie mit Nachdruck. Die damit in Zusammenhang stehende Ansiedlung von Fabriken, Industrien und die Inbetriebnahme von verschiedenen Großwerften, wie Blohm+Voss, machte die Stadt für viele Menschen, die auf der Suche nach einer neuen Perspektive waren, attraktiv. In der Hoffnung eine Arbeit zu finden, kamen sie in die florierende Handelsmetropole Hamburg und siedelten sich rund um das Hafengebiet an. Die mit der Industrialisierung einhergehende Urbanisierung ist kein Phänomen, das nur in Hamburg zu beobachten war, und es veranschaulicht, wie zwar die Verstädterung als neue Lebensweise gefeiert wurde, sie gleichzeitig aber auch zu immensen Problemen sozialer und wohnpolitischer Art führte. Man kennt das Bild der flanierenden Städter*innen über dem Jungfernstieg, der nicht umsonst diesen Namen trägt.

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"Hamburg. Alter Jungfernstieg", 1906, Verlag der Neuen Photogr. Gesellschaft A.-G. Berlin Steglitz, Verlag

Der Jungfernstieg in Hamburg im Winter, 1900-1913, Atelier Schaul, Hersteller/in; Fotograf/in: vermutlich Rosalowski

Der Jungfernstieg in Hamburg im Winter, 1900-1913, Atelier Schaul, Hersteller/in; Fotograf/in: vermutlich Rosalowski

Zwischen Realität und Romantik

Das Bild wirkt verlockend romantisierend und gleichzeitig ist es für einen Großteil der Bevölkerung hochgradig unrealistisch, da es tatsächlich nur einen marginalen Kreis betraf, der sich dieses Schaulaufen in eleganter Kleidung leisten konnte. Der wesentlich größere Teil der Hamburger Bevölkerung verbrachte die Zeit nämlich in muffigen, baufälligen Wohnungen, die für die Anzahl der Bewohnenden, meist Großfamilien, viel zu klein waren und zudem in keinem Maße den nötigen Hygienestandards entsprachen. Genau das war Hamburgs Achillesferse im späten 19. Jahrhundert: die Wohnungsfrage. Hamburg war so schnell gewachsen, dass es schier unmöglich war, allen Menschen geeigneten Wohnraum zur Verfügung zu stellen.

"Hof Brauerknechtgraben 31", "Sanierungsgebiet der Neustadt (Süderteil) östlich vom Schaarmarkt". 01.09.1904, Foto: G. Koppmann & Co.

Der Große Brand und die Choleraepidemie – Tragische Ereignisse oder Glücksfall für die Stadtplanung?

Es war also an der Zeit, Modernisierungen und Änderungen vorzunehmen, die dieser Entwicklung angemessen waren. Ein Ereignis, das sich Mitte des 19. Jahrhunderts in Hamburg zutrug, kann als erster Schlüsselmoment für die beginnende Neuausrichtung der Stadtplanung gesehen werden: der Große Brand von 1842. Es ist einer dieser Einschnitte, der Hamburg geprägt und für nachhaltige Veränderungen gesorgt hat. Bei dem Brand wurden große Teile der Innenstadt vernichtet: 2000 Häuser mit mehr als 4000 Wohnungen verschwanden über Nacht und 20.000 Menschen verloren ihr Zuhause. Gleichzeitig wurden durch diese verheerenden Verluste die Weichen für die Sanierung der Innenstadt gestellt. Innerhalb weniger Jahre folgten beachtliche Ergebnisse bezüglich verbesserter Verkehrsverbindungen und neuartiger Sanitäreinrichtungen, wie dem Schwemmklosett, der Schwemmkanalisation und der Druckwasserversorgung, die die Hamburger Bevölkerung dem britischen Ingenieur William Lindley zu verdanken hatten.

Blick von der Lombardsbrücke beim Großen Brand, 1894, Sammlung MHG

Ein anderes tragisches, nur wenige Jahrzehnte später stattfindendes, Ereignis in der Geschichte Hamburgs machte es unumgänglich weitere grundlegende Neuerungen in der Stadt vorzunehmen und sie so weiter auf den Kurs zu einer modernen Weltstadt zu bringen: die Choleraepidemie im Jahr 1892. Nachdem nämlich die Wohnungen im Hafenbereich für den Bau der Speicherstadt abgerissen werden mussten, verloren 20.000 Menschen ihre Unterkunft und fanden Ersatz im Gebiet zwischen den Kirchen St. Jacobi und St. Michaelis, den Gängevierteln. Dieser Wohnraum war allerdings geprägt durch unhygienische Verhältnisse aufgrund extremer Beengtheit sowie unzureichender sanitärer Einrichtungen. Diese Zone wurde zwangsläufig zur Brutstätte von Keimen und Viren. Schnell waren sich auch Mediziner einig, dass ein Zusammengang zwischen den schlechten Wohnverhältnissen und den nahezu explodierenden Opferzahlen bestehen musste. Schließlich bestätigte der Bakteriologe Robert Koch den Choleraerreger und zeigte sich vielmehr mit den Worten „Meine Herren, ich vergesse, dass ich in Europa bin“ schockiert im Hinblick auf die Wohnungssituation in Hamburg. Nicht umsonst wurde die Cholera auch als „Wohnungskrankheit“ bezeichnet. Im Zuge der Choleraepidemie bekam das Thema „Wohnen“ und die damit verbundene Beseitigung der unwürdigen Wohnverhältnisse eine neue Brisanz in der Stadt. Der Senat legte daraufhin im Jahr 1897 drei Gebiete fest, die saniert werden sollten. Diese beliefen sich auf eine Fläche von ungefähr 40 Hektar, welche zu diesem Zeitpunkt von ca. 50.000 Menschen bewohnt wurde. Nicht schwer nachvollziehbar ist, dass diese Menschen nun an anderen Stellen zusammenrücken mussten. So war es nicht zu verhindern, dass es erneut zu ähnlichen Problemen kommen musste, was aber als Opfer der Modernisierung gegenüber gebilligt wurde.

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"Inneres einer Cholerabaracke vor dem Marienkrankenhaus", Georg Koppmann & Co. Baudeputation (Hamburg), Foto: SHMH

Cholera in Hamburg

Die Cholera-Epidemie versetzte Hamburg 1892 in den Ausnahmezustand. Viele Themen, die aktuell während der Corona-Pandemie in aller Munde sind, waren auch 1892 bereits Thema. Das Geschehen in der Stadt wurde fotografisch festgehalten.

Die Sanierungsarbeiten wurden im Norden der Altstadt ab 1907 fortgeführt. Mit dem Rathaus und dem Hauptbahnhof beinhaltete der Bereich zwei bedeutende Anlaufstellen. Der Anschluss zwischen diesen beiden Punkten war jedoch bis dahin noch mangelhaft. Eine bessere Verkehrsanbindung sollte dementsprechend rasch geschaffen werden. Es gab daher Pläne für eine große Durchbruchstraße, die schließlich diese zwei zentralen Punkte verknüpfen sollte. Mit dem Bau der Mönckebergstraße – benannt nach dem damaligen Bürgermeister und Vorsitzenden des Sanierungsausschusses – wurde auch die Hoch- und Untergrundbahn gebaut.

Außenansicht des neuen Hamburger Rathauses. 1900-1912, Neue Photographische Gesellschaft, Verlag

Außenansicht des neuen Hamburger Rathauses. 1900-1912, Neue Photographische Gesellschaft, Verlag

Bau Hauptbahnhof von der Steintordammbrücke aus gesehen. 16.12.1905, G. Koppmann & Co.

Bau Hauptbahnhof von der Steintordammbrücke aus gesehen. 16.12.1905, G. Koppmann & Co.

Mehr als nur nebeneinander angeordnete Häuser: Fritz Schumacher stellt den Menschen in den Mittelpunkt und sieht die Stadt als lebendigen Organismus.

In dieser Zeit wurde schließlich der Architekt und Stadtplaner Fritz Schumacher vom Senat nach Hamburg zum Leiter des Hochbauwesens berufen. Mit dem gebürtigen Bremer hatten sie eine reflektierte Persönlichkeit bestellt, die Hamburg mit Systematik zu einer modernen Weltstadt transformieren sollte. Seine Denkweise war dabei nicht von Plänen oder Zahlen dominiert. Stattdessen stellte er den Menschen mit all seinen Bedürfnissen in den Mittelpunkt und schaute auf die Stadt als Ganzes.

Fritz Schumacher, Radierung von Leopold von Kalckreuth (1916), Sammlung MHG

Fritz Schumacher, Radierung von Leopold von Kalckreuth (1916), Sammlung MHG

Schumacher verstand die Stadt als einen Organismus, der lebte, sich entwickelte und veränderte. Diese Bewegung, hin zu einer Großstadt, war ein Prozess, den Schumacher aktiv begleitete, gestaltete und forcierte. Liest man in seinen zahlreichen Schriften, überkommt einen an manchen Stellen das Gefühl, als hätte man es nicht mit einem Architekten, sondern vielmehr mit einem Soziologen zu tun. Seine Sicht auf die Formen des Zusammenlebens, das gesamtgesellschaftliche Miteinander und die Notwendigkeiten der Stadtgestaltung in einer Zeit des Umbruchs, der eben nicht nur raumstrukturelle Veränderungen innerhalb der Stadt betraf, sondern auch kulturellen Wandel bedeutete, erkannte und deutete er mit sensiblem Blick. Eine Großstadt zu werden habe für ihn nicht nur etwas mit dem Bauen und Zusammenfügen von Häusern zu tun, sondern es verlange auch eine Form für die Lebensführung großer Menschenmassen zu finden. So beschreibt er es in seiner Abhandlung Das Werden einer Wohnstadt aus dem Jahr 1932. Hieraus wird deutlich, und damit definiert er gleichzeitig den Typus Großstadt, dass eine Verflechtung der systematisch erbauten Umwelt mit denen sich in dieser befindlichen Gesellschaft stattfindet. Diese große Masse der Gesellschaft besteht aus Individuen, die das Leben in einer Großstadt erst erlernen müssen. Die materiellen Formen und Infrastrukturen, in denen sie das tun, werden ihnen gegeben, für sie gebaut. Wichtig ist darum, dass sie so gestaltet sind, dass sie für die einzelnen Personen Sinn ergeben. Schumacher war ein großer Verfechter des Planens und Bauens mit System und Menschenverstand. Er spricht in seinem Buch Kulturpolitik (1920) von Rhythmen, in die sich die Bauten einordnen müssen, damit die Stadtgestaltung eine Einheit ergibt. An anderen Stellen nutzt er diesbezüglich auch das Wort „Harmonie“.

„Es war also gar nicht anders möglich, als das alte Hamburg zu zerstören“

(Schumacher in Wie das Kunstwerk Hamburg nach dem großen Brande entstand, 1920)

Das ist allerdings ein Zustand, den er zum Ende des 19. Jahrhunderts nicht in Hamburg wahrnehmen konnte. Er beschreibt die vorgefundenen Verhältnisse eher als planloses Zubauen jeder Winkel der Stadt. Den Großen Brand deklariert er daher provokativ als „erste wohnungspolitische Tat“ Hamburgs. Er spricht diesem schicksalhaften Ereignis eine Chance zu. Eine Chance, die es ermöglichte, die Stadt neu zu denken, neu zu gestalten und das nicht als hoffnungslosen Flickenteppich, sondern als durchdachten Neuanfang. Denselben Status verleiht er der Choleraepidemie und dem damit verbundenen Abriss der Gängeviertel. „Es war also gar nicht anders möglich, als das alte Hamburg zu zerstören“, lauten seine Worte in Wie das Kunstwerk Hamburg nach dem großen Brande entstand (1920). Die Hansestadt befand sich zu dieser Zeit auf dem Weg, eine der ersten Handelsstädte der Welt zu werden. Dieser Tatsache mussten Fakten folgen, und zwar hinsichtlich verschiedener Voraussetzungen, die technischer, verkehrsbedingter und wohnungspolitischer Natur waren. Diese Voraussetzungen wandelte er in eine greifbare Realität um. Schumacher reformierte Hamburgs Stadtbild, nachdem er am 1. September 1909 als Baudirektor in die Hansestadt berufen wurde. Der damals 40-Jährige hatte klare Vorstellungen von einer modernen Weltstadt. Die Wohnverhältnisse spielten dabei für ihn eine übergeordnete Rolle. Es ging ihm nicht nur „um die in Häusern zusammengeschlossenen Wohnungen, sondern vielmehr um den Zusammenhang dieser Bauten mit ihren gemeinsam benutzten Höfen, mit Kinderspielplätzen und Grünzügen, mit Sportplätzen, Wiesen und Wasserläufen“. So erklärt er es im Jahr 1932 in Das Werden einer Wohnstadt. Außerdem sollten die Häuser nicht mehr als fünf Geschosse und ausreichend Luft und Licht haben.

Blick auf den Anbau der Hamburger Kunsthalle, 1915-1920, Otto Reich

Blick auf den Anbau der Hamburger Kunsthalle, 1915-1920, Otto Reich

Die Liste der Bauten, Siedlungen oder anderer Projekte, die Schumacher nach diesen Leitgedanken geplant hat, ist lang. Die Umsetzungen innerhalb seiner Hamburger Schaffensperiode von 1909 bis 1933, mit einer kurzen Unterbrechung zwischen 1920 und 1923, sind zum Großteil, wenn sie nicht den Kriegen zum Opfer gefallen sind, noch heute begeh- und erlebbar, wie das Museum für Hamburgische Geschichte, der Erweiterungsbau der Kunsthalle oder das Holthusenbad.

Das Bestreben Schumachers, ein Gemeinschaftsgefühl im städtischen Raum zu schaffen, ist vielerorts spürbar und in dem von ihm und seinem Kollegen Fritz Sperber gestalteten Stadtpark wohl mit am deutlichsten wahrnehmbar.

„Nur wenn wir lernen, die Stadt […] als Gemeingut zu betrachten und zu behandeln, können wir künstlerisch und sozial die Probleme lösen beginnen.“

(Schumacher in Kulturpolitik, 1920)

Spätestens zu Beginn des 20. Jahrhunderts war Hamburg in seiner Entwicklung nicht mehr aufzuhalten. Viele Neuerungen mussten vorgenommen werden, damit die Stadt den aktuellen Herausforderungen standhalten konnte. Wahrscheinlich war die Hansestadt längst eine Großstadt, bevor es überhaupt in den Köpfen der Menschen angekommen war. Das neue Leben in einer Stadt, die sich innerhalb weniger Jahrzehnte so grundlegend veränderte, musste erlernt werden. Der Architekt Fritz Schumacher half dabei. Er tat es nicht nur, indem er Gebäude plante und bauen ließ. Vielmehr schuf er die Voraussetzungen für den sich neu entwickelnden Stadtmenschen, indem er die Bedürfnisse des Individuums aber auch der Gruppe mitdachte. Seine Werke schuf er in erster Linie für den Menschen und an zweiter Stelle für die Stadt. Dabei ging er behutsam und zugleich bestimmt vor. Als Ergebnis entstand das Kunstwerk „Moderne Großstadt“ und er entließ Hamburg damit in die Zukunft.