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Cholera in Hamburg

Die Cholera-Epidemie versetzte Hamburg 1892 in den Ausnahmezustand. Viele Themen, die aktuell während der Corona-Pandemie in aller Munde sind, waren auch 1892 bereits Thema. Das Geschehen in der Stadt wurde fotografisch festgehalten.

Von Sönke Knopp

Im 19. Jahrhundert gab es immer wieder – nicht nur in Hamburg – kleinere lokale Cholera-Ausbrüche, die zu der Zeit nichts Ungewöhnliches waren. Was sich allerdings im Sommer 1892 in Hamburg zutrug, ist durchaus mit dem Wort Katastrophe zu beschreiben. Der bis heute letzte große Ausbruch der Cholera in Europa hatte weitreichende akute und langfristige Folgen für die Stadt.

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"Inneres einer Cholerabaracke vor dem Marienkrankenhaus", Georg Koppmann & Co. Baudeputation (Hamburg), Foto: SHMH
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"Bei den Leichenhallen vor dem Holstentor während der Cholera-Epidemie 1892", Eduard Niese, Foto: SHMH

Todesopfer in Hamburg

Knapp 17.000 Menschen erkrankten, über 8.600 starben zwischen August und Oktober 1892 innerhalb kürzester Zeit an der Cholera, die höchstwahrscheinlich über in den Hamburger Hafen einlaufende Schiffe eingeschleppt wurde. Aufgrund der Tatsache, dass das Trinkwasser der Hamburgerinnen und Hamburger zu der Zeit noch immer der Elbe direkt entnommen und lediglich geklärt, nicht aber gefiltert wurde, konnte sich die Seuche sehr schnell ausbreiten – im Gegensatz bspw. zu Altona, wo es bereits eine Filtrationsanlage gab und nur recht wenige Cholera-Opfer zu beklagen waren. Des Weiteren waren in vielen, vor allem in dichtbevölkerten und in Hafennähe gelegenen Vierteln die Wohnverhältnisse äußerst beengt und insbesondere die hygienischen Bedingungen katastrophal.

Baracken vor den Krankenhäusern

Um die Krankenhäuser vor Cholera Infektionen zu schützen, wurden Baracken vor den Eingängen der Krankenhäusern errichtet, um den Kranken zu helfen und sie gleichzeitig zu isolieren.
"Cholerabaracken vor dem Vereinshospital", Georg Koppmann & Co. Baudeputation (Hamburg), Foto: SHMH

Robert Koch

Cholerahof im Großen Bäckergang in Hamburg, Unbekannter Fotograf, Foto: SHMH

Robert Koch, dessen Name in diesen Tagen 2020 oft fällt, da nach ihm das Institut der Bundesregierung auf dem Gebiet der Krankheitsüberwachung und -prävention benannt ist, kommt Ende August 1892 im Auftrag des preußischen Gesundheitsministers in die Hansestadt, was vom Hamburger Senat zunächst als übergriffige Einmischung aus Berlin empfunden wird. Sein Urteil über die Wohnsituationen vieler Menschen ist niederschmetternd, wie es später in der Hamburger Feien Presse zitiert wird: „Ich habe noch nie solche ungesunden Wohnungen, Pesthöhlen und Brutstätten für jeden Ansteckungskeim angetroffen wie in den Gängevierteln, die man mir gezeigt hat, am Hafen, an der Steinstraße, an der Spitalerstraße oder an der Niedernstraße. […] Ich vergesse, dass ich mich in Europa befinde.“


"Ich vergesse, dass ich mich in Europa befinde.“

Robert Koch, 1892, über die Hygienezustände in Hamburg


Die von Robert Koch umgehend empfohlenen kurzfristigen Maßnahmen sind dringend nötig und zeigen nach einiger Zeit auch ihre Wirkung (bspw. der ausschließliche Genuss und Gebrauch von zuvor abgekochtem Wasser). Manche der Maßnahmen weisen deutliche Parallelen zur Corona-Pandemie in 2020 auf: Aushänge zur täglichen Hygiene, Verhaltensregeln und Schulschließungen gehören dazu. Selbst Begriffe wie „Choleraferien“ sind analog („Coronaferien“).

Überall in der Stadt wurden Stationen eingerichtet, an denen die Bewohnerinnen und Bewohner Wasser abkochen können, damit sich die Hygienezustände in Hamburg bessern und um damit die Infektionen einzudämmen.

Folgen der Cholera-Epidemie

Hygiea-Brunnen zum Gedenken an die Opfer der Cholera-Epidemie in Hamburg, heute im Innenhof des Hamburger Rathaus
Langfristig hat die Cholera-Epidemie Folgen für das Stadtbild Hamburgs. Denn um zu verhindern, dass sich solch eine Situation wiederholt, verschwinden ganze Stadtviertel: Große Teile der sogenannten Gängeviertel werden abgerissen oder saniert, um die hygienischen Verhältnisse in den Wohnungen der Bewohnerinnen und Bewohner der Stadt zu verbessern. Die Stadterneuerungsmaßnahmen in Neu- und Altstadt dauerten bis in die 1930er Jahre an. Und auch die Trinkwasserversorgung wurde verbessert indem 1893 die Elbwasser-Filtrieranlage Kaltehofe in Betrieb genommen wurde. Eine weitere Verbesserung der Trinkwasserqualität wurde schließlich 1905 mit dem Grundwasserwerk Billbrook erlangt.