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Sechs Fragen

... an Regisseur und Künstler Yüksel Yavuz, der aktuell mit zwei Fokusfilmen in der Ausstellung „Close-up. Hamburger Film- und Kinogeschichten“ im Altonaer Museum vertreten ist und auch im Rahmen des Begleitprogramms im Metropolis Kino zu Gast sein wird.

Die Hamburger Filmgeschichte ist so facettenreich wie ihre Stadtgeschichte. Gibt es für Sie eine Besonderheit der Filme, die in Hamburg spielen bzw. in Hamburg entstanden sind?

In fast jedem der in Hamburg gedrehten Film sind die Elbe, der Hafen, die Kräne, die Docks, die Köhlbrandbrücke und natürlich die Reeperbahn nicht wegzudenken. Auch in meinen wenigen Filmen nicht. Das sind für mich gleichzeitig die Wahrzeichen der Stadt. Seit einigen Jahren ist die Elbphilharmonie hinzugekommen. 

 

Was macht Hamburg in Ihren Augen zu einem besonderen Drehort?

Bei meinen Filmen sind es die Geschichten der Zugewanderten, die mit fast all diesen Wahrzeichen der Stadt zu tun haben: mein Vater kam 1968 nach Hamburg, und arbeitete zuerst für ein Jahr in einer Fischfabrik an der Elbe in Altona. Von den Hundert Beschäftigten waren nur der Meister und die beiden Vorarbeiter Deutsche. Alle Anderen waren sog. „Gastarbeiter“, und ausser meinem Vater ausschliesslich junge Frauen aus der Türkei. Wenn von sog. „Gastarbeiter“ die Rede ist, dann denkt man nur an Männer. Dabei waren fast eindrittel der aus der Türkei stammenden „Gastarbeiter“ junge Frauen. 

Nach einem Jahr wechselte mein Vater zur Sietas-Werft in Neuenfelde auf der anderen Seite der Elbe, wo er bis zur seiner Rückkehr 1984 ununterbrochen als Schiffsbauhelfer arbeitete. Kürzlich habe ich die Werft besucht. Und es war für mich sehr traurig festzustellen, dass die Werft inzwischen pleite gegangen ist. Auf der Parkanlage der Werft sind Container für „Geflüchtete“ errichtet worden. Und die Barackensiedlung „Klein Istanbul“, wo ich Anfang der 80er Jahren zusammen mit meinem Vater und anderen „Gastarbeiter“ der Werft wohnte, wurde bereits 2008 abgerissen. Auf dem Gelände steht jetzt eine Lagerhalle für Nüsse und Trockenfrüchte.

 

An welchem Ort in Hamburg würden Sie gerne einmal drehen, der Ihnen bisher verschlossen geblieben ist?

Hamburg ist vor allem durch die Elbe, den Hafen und die dort angesiedelte Industrielandschaft ein besonderer Drehort. Auch wenn der Hafen sich stetig verändert und vergrößert, findet man noch Spuren aus verschiedenen Jahrhunderten, die aber allmählich verlorengehen, weil sie der unaufhaltsamen Modernisierung und Erweiterung weichen müssen.

Ich habe die ersten drei Jahre in Hamburg in Neuenfelde verbracht. Damals bin ich oft auf dem Deich spazieren gegangen. Und wenn es abends war, konnte ich die Lichter der Stadt beobachten. Diese gaben mir das Gefühl, dass ich zwar schon in Deutschland lebte, aber noch nicht angekommen war. Dieser Zustand war über Jahrzehnte ein elementarer Bestandteil im Leben der zugewanderten Menschen, selbst wenn sie mitten in Hamburg lebten, so wie Baran und Chernor in meinem Film „Kleine Freiheit“, die auf St. Pauli in der „Illegalität“ ihr dasein fristen. In meinem nächsten Filmprojekt, das ich gerne in Hamburg drehen möchte, wird sich die Handlung meist am Rande der Stadt abspielen. Die Stadt ist ein Ort der Hoffnung, wo man gerne ankommen möchte.

 

Welches der Hamburger Kinos ist Ihr Lieblingskino und warum?

Die Uraufführung meines ersten Films „Mein Vater, der Gastarbeiter“ fand im Kino Metropolis statt. Das war im Mai 1995. Daher ist Metropolis nicht nur deswegen mein Lieblingskino, sondern auch wegen des facettenreichen Programms mit Filmen aus der Filmgeschichte, die man sonst nirgendwo zu sehen bekommt. Als ich 1984 in die Stadt zog, befand sich in der Strasse, in der ich wohnte, das Holi Kino, das mit seinem besonderen Vorhang zu meiner ersten Kinoadresse wurde. Während meines ersten Studiums war es das Abaton. Später, als ich auf St. Pauli wohnte, waren es 3001 und Studio Kino, die hauptsächlich den Autorenfilm in ihrem Programm hatten.

 

Welcher der vielen Filme, die in Hamburg spielen, gefällt Ihnen am besten und warum? Welchen würden Sie cineastischen Neueinsteiger*innen empfehlen?

Ende der 80er kamen etwa zur gleichen Zeit zwei in Hamburg gedrehte Filme ins Kino. „Drachenfutter“ von Jan Schütte erzählte in schwarzweiss Bildern den Alltag der Rosenverkäufer, die allabendlich die Kneipen und Bars insbesondere im Schanzenviertel und auf St. Pauli aufsuchten und den Gästen ihre Rosen anboten. Jedesmal, wenn ich – auch Jahrzehnte später – Rosenverkäufer begegnete, erinnerten sie mich an diesen besonderen Film, der aus der Perspektive der „Zugewanderten“ die Stadt Hamburg sehnsuchtsvoll wiedergab. 
 
„Yasemin“ von Hark Bohm dagegen war unter uns Zugewanderten aufgrund seines missionarischen Haltung sehr umstritten. Die „guten“ Deutschen waren in dem Film die Retter des jungen türkischen Mädchens Yasemin, weil sie sich der familiären Traditionen nicht unterwirft und für immer in die Türkei soll. Dieser Film, der mit zahlreichen Preisen bedacht wurde, bestimmte über Jahrzehnte das Bild der Zugewanderten in den deutschen Medien als „Ausländer“, die nicht integrationsfähig sind. 
 
1982 wurden in Cannes zwei Filme gleichzeitig und - wie ich finde - zurecht mit der Goldenen Palme ausgezeichnet. Der Film „Vermisst“ von Costa-Gavras handelte von einem amerikanischen Journalisten in Argentinien der Militärdiktatur, der über die Rolle der CIA bei der Verschleppung und Ermordung tausender Oppositionelle recherchierte und dabei selbst zum Opfer wurde. Der Film „Yol“ von dem kurdischen Regisseur Yilmaz Güney handelte von mehreren, meist kurdischen Gefangenen, die einige Tage Freigang bekommen und ihre Familien besuchen bzw. Dinge erledigen wollen, für die sie sonst keine Möglichkeit haben. Beide Filme waren sehr mutig und humanistisch. Sie haben sich mit den Institutionen und Zuständen unter der Militärdiktaturen in den jeweiligen Ländern auseinandergesetzt.

 

Welcher Film entfachte Ihr Feuer für den Film? Welcher Film brachte sie dazu, selbst als Filmemacher tätig zu werden zu werden?

Auch wenn ich erst Anfang der 90er Jahre beschloss, Filme zu machen, waren auch die oben erwähnten Filme wesentlich ausschlaggebend für meinen künstlerischen Werdegang.

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Film Still: "Kleine Freiheit", DE 2004, Yüksel Yavuz, digital, 102 Min., mit Çağdaş Bozkurt, Leroy Delmar

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Film Still: "Mein Vater, der Gastarbeiter", Yüksel YavuzDeutschland, 1995, 52 Min.

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Film Still: "Kleine Freiheit", DE 2004, Yüksel Yavuz, digital, 102 Min., mit Çağdaş Bozkurt, Leroy Delmar

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Yüksel Yavuz

Geboren 1964 in Karakocan in der Türkei, kam Yüksel Yavuz 1980 nach Deutschland. Er studierte von 1986 bis 1989 an der Hamburger Hochschule für Wirtschaft und Politik. Anschließend studierte er von 1992 bis 1998 Visuelle Kommunikation an der Hochschule für Bildende Künste Hamburg. In dieser Zeit verwirklichte er die Filme 100 und ein Mark (1994) sowie Mein Vater, der Gastarbeiter (1994/95), der den Preis für den besonderen Dokumentarfilm auf dem Internationalen Dokumentarfilmfestival München erhielt.