Arbeit ist das halbe Leben - oder doch das ganze?

Welche Bedeutung hat Arbeit? Mario Bäumer, Kurator der Ausstellung "Out of office", auf der Suche nach einer Definition

„Arbeit ist das halbe Leben“ sagt ein Sprichwort, aber ist es heute nicht viel mehr als das? Die Formen der Arbeit prägen soziale Beziehungen auch über den Arbeitsprozess hinaus. Sie sind Ausdruck des Entwicklungsstandes von Gesellschaften, ihrer sozialen Strukturen, Organisations- und Kooperationsformen und Herrschaftsordnungen.

Die Bedeutung und der Sinn von Arbeit wurden im Laufe der Geschichte historisch unterschiedlich bewertet, aber auch in der Gegenwart gibt es ganz unterschiedliche Bewertungen von Arbeit. Für die einen ist sie Selbstverwirklichung, für die anderen reine Existenzsicherung und für wieder andere – nicht zuletzt auch Menschen ohne Arbeit – eine psychologische Belastung. So bestimmt Arbeit ganz unterschiedlich unseren Alltag. Gleichzeitig haben wir es mit einem Begriff zu tun, zu dem es etliche unterschiedliche Definitionen, aber auch Wortbedeutungen gibt. Die Vieldeutigkeit von Arbeit spiegelt sich eben auch etymologisch in einer Reihe von Bezeichnungen wider.

Die Griechen bezeichneten den Aspekt der Mühe als „ponos“ und den des Werks und der Leistung als „ergon“. Die Römer nannten die Arbeit der Sklaven „laborare“ – leicht erkennbar die Wurzel des englischen „labour“ (das Englische kennt bis heute die Unterscheidung von „labour“ und „work“). Als „tripalium“ bezeichneten sie eine Art Joch, das zur Bestrafung von Arbeitsunwilligen eingesetzt wurde, was wiederum die Wurzel des französischen „travail“ und des spanischen „trabajo“ ist. Der Aspekt des Werks wurde mit dem lateinischen Wort „opera“ erfasst, das zum französischen „oeuvre“ wurde. Den Aspekt des Hervorbringens benennen die lateinischen Begriffe „facere“ und „faber“, aus denen sich zum einen das Faktum, das Gemachte, und andererseits, leicht erkennbar, die Fabrik oder die Fabrikation herleiten. Das deutsche Wort „Arbeit“ leitet sich vom mittelhochdeutschen „arebeit“ ab, was mit „Mühe“ oder „Plage“ übersetzt werden kann. Eine der kürzesten Definitionen dürfte Gablers Wirtschaftslexikon liefern:

„Arbeit = Arbeitskraft x Arbeitszeit"

(Gablers Wirtschaftslexion)

Arbeitskraft und Arbeitszeit sind jedoch keine ökonomischen Begriffe oder Tatbestände, sondern haben ihre Wurzeln in der Physik, Physiologie, Soziologie, Psychologie etc. Der Brockhaus definiert Arbeit als bewusstes, zielgerichtetes Handeln des Menschen zum Zweck der Existenzsicherung wie der Befriedigung von Einzelbedürfnissen; zugleich sei Arbeit wesentliches Moment der Daseinserfüllung. Davon abgeleitet könnte man den Begriff Arbeit als „zielgerichtete, soziale, planmäßige und bewusste, körperliche und geistige Tätigkeit“ beschreiben. Zielgerichtet ist Arbeit deshalb, weil der oder die Arbeitende ein bestimmtes Ziel im Auge hat – sei es ein hergestelltes Produkt, ein geschriebener Text oder das Festdrehen einer Schraubenmutter. Sozial ist Arbeit, weil sie in den meisten Fällen in einer Beziehung zur Gesellschaft steht, und planmäßig, weil man einen Plan entwickeln muss, um sein Ziel zu erreichen. Daher kann Arbeit eben nur bewusst stattfinden.

Eine Unterteilung in geistige und körperliche Arbeit scheint ebenso logisch zu sein, aber auch diese Definition hat ihre Schwächen: Ist Sport eigentlich Arbeit, schließlich passen die genannten Kriterien auf jede körperliche Ertüchtigung? Und was ist mit anderen Tätigkeiten, wie zum Beispiel Verreisen, Lesen oder Puzzeln?

Am Ende hat jede Definition ihre Grenzen – hier aber noch ein letztes Angebot: Arbeit ist eine spezifisch menschliche – körperliche oder geistige – Tätigkeit, die vor allem dazu dient, die zur Existenzsicherung notwendigen Mittel zubeschaffen. Sie stellt aber auch immer eine technisch-kulturell geprägte Form der Auseinandersetzung mit der jeweiligen Umwelt dar. Arbeit ist insofern ein gestaltender, schöpferisch produzierender und ein sozialer, d.h. zwischen Individuen vermittelnder Akt. Arbeit ist von zentraler Bedeutung für die Verteilung individueller Lebenschancen, das Selbstwertgefühl und die Stellung der Individuen in der Gesellschaft.