We can do it - Frauen im MännerberufEin Interview mit zwei Architektinnen

Jutta Petersen-Glombek ist Mitglied bei PIA, einem Netzwerk von und für selbstständige Planerinnen, Ingenieurinnen und Architektinnen im Umkreis von Hamburg, und Sibylle Schenk ist Mitbegründerin von WIA, women in architecture Hamburg, eine Plattform für Architektinnen.

Was ist PIA?

Jutta Petersen-Glombek: Das PIA Netzwerk e. V. wurde im Jahre 2000 gegründet und ist ein norddeutsches Netzwerk von und für selbstständige und angestellte Planerinnen, Ingenieurinnen und Architektinnen im Umkreis von Hamburg. Unsere inzwischen mehr als 100 Mitglieder sind Architektinnen, Landschaftsarchitektinnen, Innenarchitektinnen, Lichtplanerinnen, Tragwerksplanerinnen sowie Designerinnen, die gemeinsame berufspolitische und berufliche Ziele verfolgen.

Unser Anliegen ist die  Gleichstellung von Frauen und ihrer Interessen in unseren Berufsfeldern zu fördern. Durch  fachübergreifenden Austausch, gegenseitige Unterstützung, Beratung, und berufliche Fortbildung verfolgen wir die Stärkung unserer Qualifikation und Wettbewerbsfähigkeit.

Unsere Veranstaltungen und Aktivitäten des PIA-Netzwerkes im Rahmen des diesjährigen Hamburger Architektursommer tragen dazu bei, dass Planerinnen, Ingenieurinnen  und Architektinnen mit ihren Arbeiten mehr Präsenz in der Öffentlichkeit erfahren. Über die Grenzen von Hamburg hinaus sind wir seit Jahren mit vielen bundesdeutschen Planerinnennetzwerken verbunden und veranstalten gemeinsame Aktionen. Seit einiger Zeit netzwerken wir auch auf europäischer  Ebene und haben daher vom 14.-16. Juni 2019 zum  Europäischen Netzwerktreffen in Hamburg eingeladen.

Was ist WIA?

Sibylle Schenk: women in architecture Hamburg ist eine Plattform für Architektinnen. Ziel ist der lokale und internationale Austausch innerhalb eines offenen Netzwerks von Frauen in der Baubranche.

WiA als Gruppe von vier Hamburger Architektinnen Anja Bremer, Beate Kirsch, Andrea Nolte und Sibylle Schenk ist inspiriert und 2012 ins Leben gerufen durch die gleichnamige Gruppe innerhalb des Royal Institut of British Architects (RIBA) und hier insbesondere durch die vorbildliche Arbeit von Angela Brady, der damaligen RIBA Präsidentin aus London.

Das Sichtbarmachen der Arbeit von Architektinnen ist uns ein wichtiges Anliegen. Mit Vorträgen, Ausstellungen und Diskussionen möchten wir in Hamburg die Aufmerksamkeit auf das Werk von ArchitekINNEN lenken und das nationale und internationale Architektinnen-Netzwerk ausbauen und pflegen.

Zuletzt ist durch unsere Initiative in der Hamburgischen Architektenkammer eine Projektgruppe für Gleichstellung entstanden, in der wir selber mitarbeiten.

Im diesjährigen Architektursommer planen wir gemeinsam mit dem Hamburger Netzwerk PIA, der Architektenkammer und dem Museum der Arbeit eine 3-tägige Veranstaltung bestehend aus Symposium, Ausstellung, Exkursion und europäischer Arbeitsgruppe.

Bild
Jutta Petersen-Glombek
Sibylle Schenk
Sibylle Schenk
Wie kam es zu der Ausstellung "Frau Architekt" im Museum der Arbeit?

Jutta Petersen-Glombek: Die Ausstellung habe ich zunächst im DAM in Frankfurt gesehen. Sie befasst sich mit den individuellen Werdegängen von Frauen in der Architektur, beginnend im frühen vorigen Jahrhundert. Sie zeigt auch die Hindernisse auf, die diese Pionierinnen zu überwinden hatten und wie sie auch gesellschaftlich für ihren Beruf gekämpft haben. Sie durften teilweise zwar an Vorlesungen zum Architekturstudium teilnehmen, aber wurden nicht zur Abschlussprüfung zugelassen, weil sie ja Frauen waren. Seit dieser Zeit ist gottseidank viel passiert und  die Gesellschaft hat sich weiterentwickelt. Das Ziel bis zur Gleichstellung ist aber noch lange nicht erreicht.  Da die Ausstellung als Wanderausstellung konzipiert ist, kamen wir auf die Idee, diese zum  Hamburger Architektursommer und als überaus passenden und lohnenden Rahmen für unser europäisches Netzwerktreffen nach Hamburg zu holen. Frau Dr. Müller und Frau Dr. Schürmann vom  Museum der Arbeit waren von Anfang an begeistert von der Idee und haben diese sehr unterstützt und aufgegriffen.

Sibylle Schenk: Im Februar vergangenen Jahres fand das letzte  europäische Architektinnen- Netzwerktreffen, veranstaltet von den Berliner Netzwerk-Kolleginnen im Rahmen der Ausstellung „Frau Architekt“ im Frankfurter Architekturmuseum statt. Da die Ausstellung als Wanderausstellung angelegt war, entstand die Idee in der Vorbereitung unserer Hamburger Netzwerkveranstaltung, diese um die Ausstellung zu ergänzen und so einem weiteren Publikum zu erschließen und um Hamburger Beiträge zu ergänzen. Wir sind sehr glücklich mit dem Ausstellungsort, da das Museum der Arbeit einen sehr passenden Rahmen hierfür darstellt.

Ist der Beruf der Architektin/des Architekten auch heute noch eine Männerdomäne? Wie nehmen Sie das in Ihrem Berufsalltag wahr?

Jutta Petersen-Glombek: Bauen ist noch immer ein sehr männliches Geschäft. Die meisten Bauherren sind Männer, weil nach wie vor der männliche Teil der Bevölkerung über größere Vermögen und Einfluss verfügt .Obwohl mehr Architekturstudierende  inzwischen weiblich sind, findet man immer noch zu wenige Büroinhaberinnen oder Partnerinnen in großen Architekturbüros. Auch reduzieren Architektinnen die Arbeitszeit häufiger für die Familie und arbeiten in Teilzeit, während die männlichen Architekten mit Kindern beim Vollzeitmodell bleiben.

Sibylle Schenk: Ja und Nein. Schaut man auf die Zahl der Studierenden und Absolvent*innen ist das Verhältnis ausgewogen. Auch auf Ebene der angestellten Architekt*innen ist hier zunächst kein Ungleichgewicht. Betrachtet man jedoch die Führungsebene und Büroinhaber sieht das deutlich anders aus, insbesondere bei größeren Büros mit  mehr als 10 Mitarbeiter*innen. Hier ist eine deutliche Dominanz männlicher Kollegen zu beobachten. Die Gründe hierfür zu finden und die Ursachen zu beheben ist das Ziel, was uns bewegt hat, vor einem Jahr innerhalb unserer Berufsvertretung, der Hamburgischen Architektenkammer eine Projektgruppe für Gleichstellung zu gründen, die seitdem intensiv arbeitet und so sogar eine Gruppe auf Bundesebene in der BAK(Bundesarchitektenkammer) angeregt hat und Beispiel für anderen Bundesländer sein soll.

Auch in der Lehre und auf Seiten der Auftraggeber wäre es schön und wichtig, mehr weibliche Kolleginnen anzutreffen!

 

 

Bild
Lotte Beese, Bauhaus classroom, Dessau 1926, Foto Bauhaus Archiv Berlin
Gibt es „weibliches oder männliches Bauen“? Schreibt sich ein eventueller Unterschied in den Stil ein?

Jutta Petersen-Glombek: Eine spezielle weibliche Handschrift in der Architektur erkenne ich nicht. Unterschiede in der Architekturauffassung werden durch  individuelle Biografien und ästhetische Vorstellungen deutlich, unabhängig ob es sich um das Werk eines Architekten oder einer Architektin handelt. Die immer noch gängige Vorstellung, dass Architektinnen hauptsächlich  im dekorativen Umfeld kreativ wirken, liegt vor allem daran, dass es so wenige weibliche Vorbilder in der Architektur gibt, bei denen Frauen ganz selbstverständlich die großen Büros führen und die großen Projekte bearbeiten.

Sibylle Schenk: Meiner Meinung nach nicht! Qualität von Architektur misst sich nicht am Geschlecht. Der ein oder andere neigt nach wie vor dazu, Architektinnen nur bestimmte Bauaufgaben, wie Schulen Kindergärten oder Innenarchitektur zuzuschreiben. Das Frauen alle Aufgaben im Hochbau bearbeiten, genau wie ihre männlichen Kollegen, ist noch immer nicht in Aller Bewusstsein.

Welche Auswirkung kann die Ausstellung auf (zukünftige) Architektinnen haben?

Jutta Petersen-Glombek: Die  Ausstellung ist wichtig für uns Architektinnen um zu erkennen was war, wo wir heute stehen und was wir für die Zukunft wollen. Ohne Vergangenheit keine Zukunft!

Die Architektinnen, die in der Ausstellung gezeigt werden, haben Großartiges in ihrer Zeit geleistet und waren trotz gesellschaftlicher Widerstände  erfolgreich. Für mich hat das großen Vorbildcharakter. Vorbilder sind der Schlüssel zur angestrebten Gleichstellung von Frauen in der Gesellschaft.

Sibylle Schenk: Wichtig für eine Veränderung, insbesondere der Selbsteinschätzung und des Selbstbewusstseins von Architektinnen sind Vorbilder. In dieser Hinsicht kann die Ausstellung einen wichtigen Beitrag leisten. Natürlich auch zur historischen Reflexion anregen und den Vergleich ermöglichen, wie Architektinnen in einem anderen politischen System – hier der DDR – erfolgreich gearbeitet haben.