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Hoffnungen und Träume in unsicheren Zeiten

Das Axensprung Theater findet seine Stoffe in der Geschichte: In ihren Stücken nimmt die Gruppe markante Phasen der deutschen Geschichte auf und verdichtet den politischen und gesellschaftlichen Zeitgeist in den handelnden Charakteren und eigens komponierten Liedern. Die Theatermacher Erik Schäffler, Oliver Hermann und Markus Voigt geben Einblicke in das aktuelle Stück "GIER".

Wo setzt "GIER" inhaltlich an?

Oliver Hermann: Das Stück erzählt von der Zerbrechlichkeit der Freiheit in der fragilen Weimarer Republik der 20er Jahre. Es macht die Anfänge der ersten deutschen parlamentarischen Demokratie in den Jahren 1919-1923 mit ihren Wirrnissen nacherlebbar. Und es lässt die Zuschauer spüren, wie Menschen in Zeiten rasender Veränderung träumen, hoffen und handeln. Fiktive Charaktere stehen sinnbildlich für die unterschiedlichen Denk- und Handlungsweisen in dieser politisch unsicheren Zeit.

Was bewegte die Menschen denn damals?

Oliver Hermann: Die Frühphase der Weimarer Republik war geprägt von gewaltiger Arbeitslosigkeit, Hyperinflation, der politischen Isolation Deutschlands und dem ungeheuren Druck durch den Versailler Vertrag. Es kam zu zahlreichen Umsturzversuchen und politischen Morden. Aber auch nach 1923 verbesserten sich die Zustände nicht. Der Staat war verschuldet, Massenarbeitslosigkeit und politische Radikalisierung das Ergebnis.

Es gab also praktisch nichts, was Sicherheit bot. Man musste zusehen, wie man wirtschaftlich zurechtkam, um sich und seine Familie zu versorgen. Rechtschaffene Bürger verloren ihr Geld, windige Spekulanten profitierten und machten ein Vermögen. Politisch musste jeder für sich Stellung beziehen - unter Gefährdung seiner beruflichen Existenz, seines privaten Umfelds oder sogar seines Lebens. So erfahren es unsere fiktiven Protagonisten, die aber - da das Setting ja real ist - auf historische Personen wie Matthias Erzberger, Walter Rathenau und der Hamburger Oberbaudirektor Fritz Schumacher treffen.

Unter den Protagonisten gibt es zwei starke Frauenfiguren: die kämpferische Martha und der wilde Freigeist Lucy. Welche Themen verhandeln Sie anhand dieser Figuren?

Erik Schäffler: Das Frauenwahlrecht war eine der zentralen Errungenschaften der Revolution von 1918/19. Frauen konnten sich erstmals von der traditionellen Rollenzuweisungen distanzieren. Viele von ihnen entwickelten, befreit von den starren Normen der Kaiserzeit, bis dahin unbekannte Lebensentwürfe. Martha, Mutter von drei Kindern, ist eine politische Frau: Sie verlässt ihren Ehemann und tritt der KPD bei.

Die Künstlerin Lucy hingegen ist gänzlich unpolitisch. Sie verkörpert all das, was den Menschen in den entbehrungsreichen Jahren des Krieges so lange vorenthalten wurde: Freiheit, Lebensfreude, Genuss, Eros. Die Kunst- und Unterhaltungskultur - erstmals frei von der Zensur - blühte Anfang der 20er Jahre auf und erlebte einen rasanten Aufschwung. Auf dieser Welle schwimmt auch Lucy und verkennt, dass ohne politisches oder gesellschaftliches Engagement jede Freiheit in Gefahr gerät.

Viele verbinden mit dieser Zeit die glamourösen "Rolling Twenties"…

Markus Voigt: Ja, natürlich. In der Erinnerungskultur stehen die darauf folgenden Jahre für Aufbruchsstimmung und kulturelle Experimentierfreudigkeit, für ausschweifende Partys und ungestillte Vergnügungssucht. Vor allem der Jazz infizierte die Vergnügungshungrigen. Revuen und Tanzlokale gehörten in den Städten zum Lebensstil der „Goldenen Zwanziger“, die allerdings so golden nur für wenige Reiche waren.

Was ist das Besondere an Ihren Stücken?

Erik Schäffler: Unser Markenzeichen sind historisch und gesellschaftlich relevante Themen, die intensiv recherchiert und als Theaterstücke neu entwickelt werden. Die Inszenierungen werden auch mit Unterstützung von großflächigen Hintergrundprojektionen aus Video- und Bildmaterial, sowie Klangcollagen, Eigenkompositionen und Livemusik sinnlich nacherlebbar. Und wir konzipieren unsere Bühnenbilder so, dass wir örtlich sehr flexibel sind. So können wir eben sogar auch ein Museum bespielen.

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DAS TEAM

OLIVER HERMANN Schauspieler, Theaterproduzent, Autor // ANGELINA KAMP | Schauspielerin, Sängerin // MIGNON REMÉ | Schauspielerin // ERIK SCHÄFFLER | Regisseur, Schauspieler, Autor // MARKUS VOIGT | Schauspieler, Musiker, Komponist, Autor // FRAUKE VOLKMANN | Kostümbildnerin // ANDREAS KARMERS | Maler, Zeichner, Filmemacher

Die Protagonisten

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Martha Knies

Die Mutter von drei Kindern ist auf der Flucht vor ihrem rechtsradikalen Ehemann in eine winzige Wohnung im „Gängeviertel“ gezogen. Sie hat sich  der KPD angeschlossen und studiert an der Kunstgewerbeschule. Martha verliebt sich in ihre Mitstudentin Lucy kommt darüber in Kontakt zur künstlerischen Avantgarde und zu einem Freundeskreis, wie er unterschiedlicher nicht sein könnte. Doch ihr politisches Engagement und die Angst vor ihrem Mann isoliert sie mehr und mehr.  Als die KPD unter immer stärkeren Einfluss der Sowjetunion gerät, muss Martha sich entscheiden.

 

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Lucy Lewin

Die Nichte eines bekannten Berliner Mäzens moderner Kunst, lernt Martha beim Studium kennen und wird deren beste Freundin. Lucy ist ein Freigeist: wild und impulsiv, nimmt sich das, worauf sie gerade Lust hat; auch in sexueller Hinsicht. Da sie politisch desinteressiert ist, Politik geradezu verabscheut, prallen die Wertesysteme der beiden Frauen mehr und mehr aufeinander. Martha versucht ihr klar zu machen, dass ohne politisches oder gesellschaftliches Engagement jede Freiheit in Gefahr gerät. Als Lucy dies endlich erkennt, ist es bereits zu spät.

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Paul Schätzing

Der Bauingenieur und überzeugter Anhänger der Republik wurde im Krieg schwer am Gesicht verwundet. Martha bewahrt ihn vor einer tiefen Depression und bringt ihn dazu, bei Oberbaudirektor Schumacher vorzusprechen. Dieser arbeitet gerade an den Plänen für den Abriss des südlichen Gängeviertels, um dort ein neues Kontorhausquartier aufzubauen. Da jedoch genau ihr Viertel abgerissen werden soll, gerät er in einen massiven Gewissenskonflikt. Er versucht Martha mit dem Versprechen einer bezahlbaren Neubauwohnung zum Auszug zu bewegen.

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Karl Otto („Karlo“) Rettmann

Der Musiker und Entertainer tritt in den großen Etablissements der Stadt auf. Als viele Tanzlokale und Kneipen in der Krisenzeit schließen müssen, gerät Karlo in finanzielle Abhängigkeit.

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Andersen

Der früherer Hilfskellner und Drogenhändler kommt durch krumme Geschäfte und geschickte Spekulationen während der Inflation zu einem Vermögen.

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Rudolf Knies

Marthas Ehemann war ein Freikorpsmann der ersten Stunde. Knies schließt sich der geheimen „Organisation Consul“, einer rechtsradikalen Terrororganisation an, die es auf vermeintliche Verräter an der „deutschen Sache“ abgesehen hat. Gegen Marthas Willen sucht er Kontakt zu seinem Sohn, um ihn in völkisch erziehen zu können und droht mit Marthas Entmündigung und Einweisung ins Irrenhaus.