Maritime Glücksbringer

Betritt man den Galionsfigurensaal des Altonaer Museums fühlt man sich in das Innere eines Schiffsbugs versetzt. In diesem Raum sind die bedeutendsten Einzelstücke aus den Sammlungen des Altonaer Museums zur maritimen Dekorationskunst versammelt.

Sofort fallen die von unten beleuchteten Galionsfiguren ins Auge, die im weitläufigen, fensterlosen Raum dramatische Schatten an die Wand werfen. Vor dem Hintergrund einer dunkel mit Holz vertäfelten Wand, die an Schiffsplanken erinnert, verleihen sie dem hohen Saal eine fast sakrale Atmosphäre, die vielen Besuchern nachhaltig im Gedächtnis bleibt. Mit insgesamt 40 Galionsfiguren besitzt das Altonaer Museum die größte Sammlung in ganz Deutschland.

Die Tradition, den Bug eines Schiffes mit Figuren zu verzieren, um Unglück abzuwehren und Feinde einzuschüchtern, reicht bis in die Antike zurück und umspannt zahlreiche Kulturen. Die Tradition der Galionsfiguren, wie man sie heutzutage vor Augen hat, ist jedoch erst rund 500 Jahre alt. Der Begriff „Galionsfigur“ leitet sich vom Galion ab. Diese Plattform mit Reling, die über den Bug des Schiffes hinausragte, diente vornehmlich der besseren Bedienbarkeit des Blinden, eines rechteckigen Segels, das unter dem Bugspriet gefahren wurde.

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"Dame mit Dekolleté"

Zu den wichtigsten Motiven überhaupt zählt die Figur einer leicht bekleideten Frauengestalt. Dies mag insofern überraschen, da Frauen über Jahrhunderte keinen Zugang auf Schiffe hatten. Ihre Anwesenheit lenke die Seemänner ab und gefährde dadurch den geregelten Ablauf an Deck und den glücklichen Ausgang der Reise. Andererseits waren Schiffe stets weiblich konnotiert. Es ist daher durchaus angemessen, die Schiffsseele durch eine weibliche Galionsfigur darzustellen. Zudem war die entblößte Frauengestalt Ausdruck dafür, dass die ausschließlich männliche Besatzung den Anblick einer Frau während der langen Fahrten vermisste. Die Gestalt einer schönen Frau kann auch als eine Gabe an das Meer interpretiert werden, die die Mächte der See beruhigen sollte. Dies erinnert an die antike Legende der schönen Andromeda, die an einen Felsen gekettet Opfergabe für ein Seeungeheuer war, das die Menschen mit Flutwellen plagte. Perseus auf dem geflügelten Pferd Pegasus rettete die in der Malerei für gewöhnlich zum Teil entblößte oder vollständig entkleidete Andromeda.

Blick auf die Details

Die „Dame mit tiefem Dekolleté“ ist eine originale Galionsfigur und stammt aus dem 19. Jahrhundert. Ungewöhnlich für eine weibliche Galionsfigur ist die Schulterpartie: Anstelle der Oberarme befinden sich hier geschnitzte Masken mit dem Gesicht eines bärtigen Mannes. Solche Verzierungen waren ursprünglich den Rüstungen römischer Soldaten vorbehalten. Sie erfüllten eine Funktion nicht unähnlich der einer Galionsfigur, da sie Schutz gewährten und der Abwehr dienten. Sie hatten den Blick dort, wo der Soldat ihn nicht haben konnte und wirkten zudem einschüchternd. Die Schulterplatten des Ares sind ebenfalls als Masken ausgearbeitet.

Interessante Galionsfiguren aus der Sammlung

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"Seemann"

Der „Seemann“ im Galionsfigurensaal wurde an der Westküste von Nordjütland aufgefunden und fand seinen Weg von dort ins Altonaer Museum. Er trägt die typische Kleidung eines Seemanns Ende des 18. bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts: eine lose Hemdbluse und ein Tuch, das unter dem Kragen um den Hals geschlungen wird. Der flache Hut wurde mit mehreren Schichten Lack überzogen, um ihn wasserabweisend zu machen. Sein Backenbart entspricht dem Geschmack der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

"Kybele"

Die Figur der Muttergottheit Kybele ist auf der Werft Ernst Dreyer am Reiherstieg entstanden. Die Figur hat eine annähernd horizontale Haltung, typisch für die Mitte des 19. Jahrhunderts. Zu jener Zeit war der in den USA entwickelte Schiffstyp des Klippers, eines schnellen Fracht-Segelschiffes, weit verbreitet. Das Bugspriet verlief bei diesen Schiffen nahezu parallel zur Wasseroberfläche14 und die Körperneigung der Galionsfiguren passte sich dieser Linie an. Kybele war eine kleinasiatische Mutter- und Fruchtbarkeitsgöttin. Als „Herrin der Tiere“ trägt sie als Attribut einen kleinen Löwen im Arm.

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"Leda"

Die Figur der Leda in der Sammlung des Altonaer Museums ist ein Beispiel für ein beliebtes erotisches Motiv aus der antiken Sagenwelt. Ledas Schönheit erregte die Aufmerksamkeit des Göttervaters Zeus. Er näherte sich ihr beim Bad in der Gestalt eines Schwanes und schwängerte sie. Bei der Galionsfigur wird Ledas Körper von zwei Schwänen eingerahmt, vermutlich eine gestalterische Entscheidung aus Gründen der Symmetrie. Die Schwanenhälse ziehen den Blick auf Schoß und Brüste der nackten Frau – ein Voyeurismus, der durch den mythologischen Kontext legitimiert wurde.

"Indianer"

Auffallend von Klischees bestimmt erscheint die Galionsfigur eines „Indianers“. Darstellungen amerikanischer Ureinwohner existierten seit dem 16. Jahrhundert und symbolisierten vornehmlich den amerikanischen Kontinent selbst sowie die verschiedenen Importwaren, aus Europa, allen voran Tabak. Diese Figuren wurden daher bevorzugt für den Bug von Handelsschiffen angefertigt. Die romantisierende Darstellung des Pfeife rauchenden Indianers wurde nach dem Ende der Galionsfiguren zur Werbefigur für Tabakwaren. Tatsächlich waren es oft ehemalige Galionsfigurenschnitzer, die angesichts der schwindenden Nachfrage im Laufe des 19. Jahrhunderts ihr Können den Tabakhändlern anboten.

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