Mein Lieblingsobjekt

"Die Kautschuk-Madonna"

Seit Ihrem Amtsantritt schwärmt Museumsdirektorin Prof. Dr. Rita Müller von der Heiligen Madonna - warum, wieso, weshalb wissen wir.

Eine Madonna? Aus welchem Jahrhundert stammt sie? Und aus welchem Material ist sie gefertigt? – Diese Fragen stellte ich mir bei meinem Amtsantritt und dem ersten intensiven Rundgang durch das Museum. Seither fasziniert mich die 58 cm große Madonnenfigur, nicht weil sie ein herausragendes Kunstwerk ist, sondern weil sie in einem Museum steht, das sich mit Arbeit, Technik und Industrie beschäftigt. Ebenso faszinierend ist ihre Geschichte, vor allem die Geschichte ihres Werkstoffs. Die Madonna wurde um 1875 von der Harburger Gummi-Kamm Compagnie aus Hartgummi hergestellt. Es handelt sich zwar um eine Einzelanfertigung, aber neben der Madonna wurden noch weitere Büsten, u.a. von Julius Caesar und Alexander von Humboldt produziert. Letzterer schaffte es 1873 sogar auf die Weltausstellung in Wien. Doch zurück zum Werkstoff. Mit der Entwicklung eines Verfahrens zur Herstellung von Hartgummi aus Kautschuk und Schwefel wurde der erste großindustriell verwendete Kunststoff geschaffen – er revolutionierte Industrie und Alltag. Die New-York Hamburger Gummi-Waaren Compagnie, in deren Gebäuden heute das Museum der Arbeit sein Domizil hat, wurde 1870 gegründet und fertigte ebenfalls Produkte aus Hartgummi, allen voran Kämme, aber auch Schmuck, Pfeifenspitzen oder Rasiermesser. Leider wissen wir nicht, für wen unsere Madonna gefertigt wurde, sicher ist aber, dass sie vor dem Zweiten Weltkrieg in der Berliner Vertretung der New-York Hamburger Gummi-Waaren Compagnie stand. Denn aus deren Kriegstrümmern wurde sie geborgen.

Kautschuk-Madonna, um 1875, Foto: SHMH/Elke Schneider
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Prof. Dr. Rita Müller, Direktorin des Museums der Arbeit

Die Direktorin

Prof. Dr. Rita Müller leitet seit 1. Januar 2014 das Museum der Arbeit und ist seit Mai 2018 im Vorstand des Deutschen Museumsbundes e. V. Seit 2001 war sie am Sächsischen Industriemuseum in Chemnitz für die Projektleitung großer Sonderausstellungen verantwortlich und bereitete die Neukonzeption der Dauerausstellung vor. Ab 2010 hatte sie zusätzlich die kommissarische Leitung der Außenstelle Tuchfabrik Gebr. Pfau (ehemals Westsächsisches Textilmuseum Crimmitschau) übernommen. Prof. Dr. Rita Müller war zudem Sprecherin der Fachgruppe Technikhistorische Museen im Deutschen Museumsbund (Mai 2008 bis Mai 2019).