Das sündige Geheimnis der Keramikhunde

Schon vor 200 Jahren wurden sie von Seeleuten aus England mitgebracht und zierten die Fenster von Kapitäns- und Lotsenhäusern. Aber warum nennt man sie ausgerechnet Puff-Hunde?

Von Nicole Tiedemann-Bischop

Beim Sonntagsspaziergang an der Elbe kann man nicht nur Menschen, sondern auch Hunden begegnen: vom Pudel bis zum Spaniel. Die Hunde sind nicht ausschließlich im Freien, sondern sitzen an den Fenstern und scheinen das Treiben vor den Kapitänshäusern in Övelgönne zu beobachten. Nur bewegen sie sich nicht, denn sie sind aus Keramik. Die ältesten von ihnen bewachen die Wohnungen ihrer Herrchen schon seit über 200 Jahren. Ursprünglich kommen sie aus England und wurden von den Seeleuten als Souvenir mit nach Norddeutschland gebracht. Man nennt die possierlichen Wesen Kapitäns-, Kamin-, Puffhunde oder Staffordshire Dogs.

Der letzte Name verrät, dass der Hauptproduktionsort eben diese Grafschaft in den Midlands Englands war. In der Hauptphase der Produktion von 1850-70 setzten sich zwei Typen durch, die massenhafte Verbreitung fanden: der sogenannte „comforter“ oder „spaniel’s gentle“ und der Pudel. Die Spaniel-Art geht zurück auf eine Mischung aus Malteser-Hund und King-Charles-Spaniel, benannt nach Charles II., der von 1660 bis 1685 regierte, und diese Hunde am englischen Hof züchtete. Die „comforter“-Figuren sind dargestellt in sitzender Haltung, der Kopf ist zur Seite gedreht, meist mit einem niedlichen Gesichtsausdruck, der allerdings auch als „silly“ beschrieben werden kann. Signierte Paare findet man außerordentlich selten. Dafür sind die Figuren häufig mit den Ziffern 1 bis 5 bezeichnet, die die Größe (10 - 39 cm) angeben.

Manche Hunde tragen Halsband und Kette oder haben kleine Blumenkörbchen in der Schnauze. Es gibt weiße, braune, schwarze und vor allem gefleckte Hunde. Bei der Bemalung wurden zuweilen Lüsterfarben verwendet, diese Exemplare stammen aus dem Sunderland-District. Die Gestaltung beschränkte sich seit den 1840er Jahren zumeist nur noch auf die Schauseite.

Die landläufige Bezeichnung der Keramiken als Kaminhunde verweist auf die Art ihrer Verwendung. Als Schaustücke zierten diese Mitbringsel vor allem Kaminsimse, aber auch Vertikos, Eckregale oder Kommoden in den Wohnstuben, dienten zuweilen als Türstopper und wurden auf dem Fensterbrett platziert.

Außer den Steinguthunden existieren auch Hunde mit Porzellananteilen. Dargestellt sind häufig in Löwenart geschorene Pudel. Die Fellpartien der Tiere bestehen aus aufgeschmolzenem Porzellangrus. Diese Hunde sind meist kleiner als jene aus Steingut. Sie sind weiß bis auf die gefärbten Augen und nehmen eine sitzende Position ein. Auch diese Figuren tragen zuweilen ein Halsband mit Schloss. Durch das Schloss als Symbol für die Liebe wurden die Kaminhunde in einen Zusammenhang mit dem Rotlichtmilieu gebracht: Da die Prostitution in England offiziell verboten war, erwarben die Dirnen ihren Liebeslohn, indem sie ihren Kunden diese Hunde mit kräftigem Profit verkauften. Zugleich dienten die Hunde, in den Fenstern der gewerblichen Wohnungen zur Schau gestellt, als Aushängeschild.

Kaminhunde, Typ Pudel mit geschmolzenem Porzellangrus, um 1855

Die Art, wie die Hundefiguren zueinanderstanden, gab Auskunft darüber, ob das Etablissement frei war. Ebenso sind die Seemannsfrauen vorgegangen. War der Mann zu Hause, drehten sie den Hund mit dem Rücken zur Straße. War er wieder auf See, schauten die Hunde aus dem Fenster – eine Botschaft, die Liebhaber zu deuten wussten.

In Fachkreisen gilt diese Geschichte zur Verwendung der Figuren als moderne Sage. Die zuständige Kustodin für die Steingutfiguren im Victoria and Albert Museum in London will jedenfalls auf Nachfrage so eine anrüchige Legende nicht in Zusammenhang mit ihren Hundefiguren sehen. Heute sind Staffordshire Dogs längst zum Sammelobjekt geworden. Im Handel und bei Ebay werden sie eher als Puffhunde bezeichnet. So verkaufen sie sich einfach besser.