Auf ein Wort mit Ole WittmannTattooexperte

Du forschst über den Tätowierer Christian Warlich, der in Hamburg quasi eine Ikone ist, wie kam es dazu, dass Warlich diesen Status erlangt hat?
Schon zu Lebzeiten war Christian Warlich (1891–1964) eine Leitfigur der globalen Tattoo-Kultur. Zu ihr wurde er durch die Qualität seiner Arbeiten und seine künstlerische Handschrift, die Tätowierer bis heute schätzen. Auch pflegte Warlich einen internationalen Austausch mit Tätowierern, aber auch mit Wissenschaftlern wie Adolf Spamer. Er vertrieb Tätowiermaterial und verkaufte es an Tattoo-Interessierte ebenso wie an Hautkliniken. Warlich vermarktete seine Arbeit und hob das Tätowiergewerbe in Deutschland auf eine neue, professionelle Ebene. Dies gelang ihm durch den branchenübergreifenden Austausch und sein fachkundiges Auftreten in der Presse, die ihm stets wohlgesinnt war. Ebenso entscheidend waren seine seriöse und bodenständige Art sowie der gekonnte Einsatz seiner Vorlageblätter und Werbekarten, sowohl am Ort des Geschehens, in der Tätowierstube, als auch in Form von Reproduktionen in wissenschaftlichen Publikationen und Medienberichten. Diese Faktoren trugen dazu bei, dass Warlich als Urvater der gewerblichen Tätowierung in Deutschland gilt.
Gibt es heute noch Tätowierer, die die Motive von Warlich auf der Haut verewigen?

Warlich ist nicht nur einer der relevantesten Tätowierer seiner, sondern auch der heutigen Zeit. Nach wie vor dienen Warlichs Zeichnungen – v.a. die aus seinem Vorlagealbum – als Vorlagen für zeitgenössische Tätowierungen. Der Instagram-Hashtag #inspiredbywarlich dokumentiert hunderte aktuelle Warlich-inspirierte Tattoos, die allein in den letzten Jahren gepostet wurden.

Weißt Du, welches das meist tätowierte Motiv auf der Welt ist?

Nein, das lässt sich nicht feststellen. Ich tippe aber darauf, dass das Herz und der Totenkopf in den obersten Rängen zu finden sind.

Sich ein Tattoo stechen zu lassen ist mit Sicherheit auch schmerzhaft, aber spürt man Unterschiede, ob ein Tattoo bunt tätowiert wird oder nur in schwarz?

Bei westlich-traditionellen Tätowierungen werden schwarze Outlines mit linern tätowiert, farbige Flächen mit shadern. Viele empfinden liner als unangenehmer, das Schmerzempfinden ist aber individuell. 

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Motiv aus dem Vorlagealbum Christian Warlich
Foto: SHMH/Museum für Hamburgische Geschichte

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Motiv aus dem Vorlagealbum Christian Warlich
Foto: SHMH/Museum für Hamburgische Geschichte

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Motiv aus dem Vorlagealbum Christian Warlich
Foto: SHMH/Museum für Hamburgische Geschichte

Sind Tattoos Kunst? Was macht ein Tattoo zu einem Kunstwerk?

Zunächst einmal ist das Tätowieren eine Technik. Es ist nicht jeder, der ein Ölgemälde fertigt, ein Künstler. Gleiches gilt für Tätowierungen. Kaum ein Tattoo fällt in den Gegenstandsbereich der bildenden Kunst. Grundsätzlich sind Tätowierungen eher dem Kunsthandwerk zuzuordnen.

Die Tätowierung wird seit den 1970er Jahren als Medium in der bildenden Kunst verwendet und ist entsprechend kunstinstitutionell verankert. Ob ein Tattoo ein Kunstwerk ist oder nicht, muss im Einzelfall untersucht werden. Es kommt darauf an, was in welchem Kontext tätowiert wurde.

Hast Du auch ein Warlich Motiv auf Deinem Körper tätowiert?

Ich habe zwei Warlich-inspirierte Tattoos. Von Steve Byrne eine Schlange, die sich um einen Dolch windet. Von Mick Tattoo aus der Schweiz einen Drachenkopf.

Dr. Ole Wittmann

Nach seinem Studium der Kunstgeschichte und der Promotion an der Universität Hamburg, war Ole Wittmann wissenschaftlicher Mitarbeiter am Museum für Kunst und Gewerbe (2014 - 2016). Seit 2015 arbeitet an dem Postdoc-Forschungsprojekt „Der Nachlass des Hamburger Tätowierers Christian Warlich (1891–1964)“.

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Dr. Ole Wittmann