Interview mit Katharina CordsenArchitektin aus Hamburg

Wollten Sie schon immer Architektin werden oder wann keimte in Ihnen die Idee?
Ich bin in einer ländlichen Umgebung mit schönen alten Bauernhöfen und vielen gleich aussehenden neuen Satteldach-Häusern aufgewachsen. Als ich ca. 13 oder 14 Jahre alt war, fiel mir ein Buch in die Hände, in dem Gebäude von Le Corbusier, Mies van der Rohe, Gottfried Böhm, Louis Kahn und Bienefeld abgebildet waren. Das Betrachten der Häuser löste in mir tatsächlich eine Art Sehnsucht nach etwas mir bis dahin Unbekannten aus. Das Interesse dafür blieb - und da ich in der Schule Kunst und Mathematik liebte, dachte ich nach dem Abitur: Passt ja vielleicht!
Ist der Beruf der Architektin/des Architekten eher eine Männerdomäne? Auch heute noch? Wie haben Sie das in Ihrem Studium und in der Praxis wahrgenommen?
In der Vergangenheit war der Beruf eindeutig eine Männerdomäne. Heute spielt es aus meiner Sicht keine Rolle, ob ich als Frau oder als Mann Architektur studiere. Es hängt allein vom Typ der Person ab, ob sie oder er es schafft, sich durchzusetzen und erfolgreich ein Büro zu führen. Sobald eine Architektin Kinder bekommt, muß sie sich natürlich, wie alle anderen Frauen in jedem anderen Beruf auch, entscheiden, wo ihr Schwerpunkt liegen soll. Gute Entwürfe/Gebäude erforden sehr viel Zeit. Natürlich gibt es „klassische“ Momente: Ein bekannter Autohersteller hatte das Büro, in dem ich arbeitete, für den Neubau eines Autohauses beauftragt. Bei dem ersten Termin hatte ich als Projektleiterin einen jüngeren männlichen Kollegen dabei. Bei der Begrüßung von den männlichen Vertretern des Bauherrens, wurde wie selbstverständlich zunächst mein Kollege als Projektleiter begrüßt. ;)
Gibt es „weibliches oder männliches Bauen“? Schreibt sich ein eventueller Unterschied in den Stil ein?

Nein.

Als Architektur-Illustratorin sind Sie in einem ganz besonderen Bereich tätig, ist dies für die Vermittlung bei u.a. Kunden einfacher Gebäude o.ä. darzustellen als am Computer erstellte Visualisierungen?
Zunächst waren Computer Visualisierungen in den 90/00er Jahren wirklich faszinierend: Schon im Entwurf konnte man eigene Ideen 
geradezu realistisch darstellen. Tagelang setzte man sich mit der Stimmung des Bildes auseinander: Herbstlich-bunt? Stürmisch-trist? Sommerlich-freundlich? Es ist unvorstellbar wieviele Stunden und Klicks man mit der Optimierung des Fassadenmaterials und der Spiegelung im Glas verbringen kann. Und verloren hat man, wenn das Ergebnis aussieht, wie die 1000 anderen Visualisierungen, die den Immobilienmarkt fluten.
 
Die Handskizze im Vergleich dazu ist wirklich sehr rudimentär und mit etwas Übung unschlagbar schnell hergestellt - und individuell. In schwarz/weiß kann sie innerhalb von Minuten fertig sein und dem Kunden eine Idee vermitteln. Eben weil sie nicht realistisch sein will, lässt sie jedem Betrachter seinen persönlichen Interpretationsspielraum. 
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Quartiersentwicklung Ottensen
Straßenperspektive
Auftraggeber: Quantum

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Built.in.Barmbek
VogelflugIsometrie
Auftraggeber: STEG

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WBW Oberbillwerder
Vogelflugisometrie
Auftraggeber: coido architects

Welche Auswirkung kann die Ausstellung auf (zukünftige) Architektinnen haben?
Generell ist es ideal, wenn ein Beruf in einer Ausstellung vorgestellt wird: Sie vermittelt hoffentlich wie außergewöhnlich spannend und vielseitig dieser Beruf ist. 
 
Ich arbeite überwiegend in den frühen Entwurfsphasen- und die sehen ganz anders aus als die letzen Phasen der Ausführungsplanung und Baubegleitung. In allen Phasen spielen Bauordnungen, DIN-Normen, Bauprüfdienste etc.etc. ein Rolle, doch ist der Maßstab anders. Am Anfang darf man grob zeichnen, zum Schluß kommt es auf 1-2 cm an. 
Jede neue Aufgabe, ob Innenraum, Gebäudehülle oder Städtebau stellt jedes Mal ein neu zu lösendes Rätsel dar. Sie bezieht sich natürlich auf die Zukunft und gleichzeitig sollen und können wir uns im Lösungsprozess auf all das, was schon gebaut wurde, beziehen. Was für ein Spannungsfeld! (Erst durch das Fach Baugeschichte habe ich persönlich Bezug zur allgemeinen Geschichte gefunden.)
 
Ich glaube nicht, dass bei den heute 16-18jährigen das Geschlecht bei der Berufswahl eine große Rolle spielt. Die Bandbreite an Möglichkeiten, wenn man den Schulabschluss in der Tasche hat, ist einfach unendlich groß. Da fällt es zunächst sicherlich schwer, sich genau für eine Sache zu entscheiden. Dennoch wird es für jeden interessant und bestenfalls motivierend sein, die Profile verschiedener Architektinnen aus der Nähe kennenzulernen.

Katharina Cordsen

Nach dem Architekturstudium in Kaiserslautern, Barcelona und Dresden (1997-2004), hat Katharina Cordsen in Architekturbüros in Barcelona, Berlin, Amsterdam und schließlich Hamburg gearbeitet. Im Laufe der Zeit manifestierte sich ihr Arbeitsfeld: Studien und Entwürfe. Nebenbei erschloß sie außerdem für sich das Feld der „Architektur-Illustration“. Die räumliche Darstellung der Perspektive als Handzeichnung (Stift und Papier) ist noch stets das einfachste Mittel um Ideen dritten Beteiligten zu veranschaulichen. Da Computer den Arbeitsalltag des Architekten heute dominieren, steht diese nicht mehr im Mittelpunkt - erfährt jedoch als Reaktion eben darauf, eine ganze neue Anerkennung.

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Katharina Cordsen