Hamburgs erste Künstlergruppe mit Frauen

Nicole Tiedemann, Leiterin des Jenisch Hauses, und Kuratorin Maike Bruhns über die Künstlergruppe Hamburgische Sezession - ihre Motivation, ihre Errungenschaften und vor allem: ihre legendären Partys.

Was ist das Besondere an der Künstlergruppe Hamburgische Sezession?

Nicole Tiedemann: Die Künstler und Künstlerinnen – es war neu für Hamburg, dass auch Frauen offiziell in einer Künstlergruppe vertreten waren – wollten sich nicht wie die Mitglieder anderer Sezessionsgruppen von der etablierten Künstlerschaft abgrenzen, sondern es sollte in Hamburg erstmals eine Kunstszene geschaffen werden. Da es in der Hansestadt lange Zeit keine Kunstakademie gab, sind viele Maler zur Ausbildung in die unterschiedlichen Kunstzentren Deutschlands oder ins Ausland abgewandert. Dadurch existierte hier in Hamburg keine ausgeprägte Bohème.

Maike Bruhns: „Tanz des Lebens“, ein expressionistischer Holzschnitt von Heinrich Steinhagen (1919), reflektiert die Stimmung der Zeit auf schöne Weise. Wir fanden ihn als Ausstellungstitel sehr geeignet: leicht, animierend, zeitverpflichtet.

Was vereint die Künstler? Was war ihr Antrieb?

Maike Bruhns: Dass sie sich der neuen Kunst (Moderne) verpflichtete und das über 14 Jahre durchhielt. Weil sie nicht nur Visionen hatten, sondern auch die Nachbarkünste (Musik, Theater, Publizistik, Grafik) in die Kunstszenen integrierten und ein kulturelles Netzwerk schufen, außerdem Kunstförderung im weiteren Sinne durchsetzten. Sie dachten weltläufig und international, so bildeten sie sich auch aus.

Nicole Tiedemann: Es ging um Qualität. Das war das Aufnahmekriterium. Es war egal, ob die Künstler aus der bildenden Kunst oder aus dem Kunsthandwerk kamen, auch Architekten und Literaten gehörten dazu. Aber die künstlerischen Produkte mussten ein hohes Niveau haben. Natürlich verband die Künstler auch die Nähe zum Spätimpressionismus und Expressionismus. Viele Sezessionisten knüpften an die Kunst aus dem Brücke-Kreis an, die noch vor 1910 in Hamburg unter der Förderung engagierter Protagonisten sowie einer privaten Sammlerschaft viele Anhänger gefunden hatten. Dabei ging es nicht um Adaption, sondern um das Begreifen der Kunst und um das Transformieren zum eigenen Stil, wobei es anfänglich keinen spezifischen Hamburgischen Sezessionsstil gab. Er entwickelte sich erst im Laufe der 1920er Jahre.

Sezession

lateinisch secessio = Absonderung, Trennung, zu: secedere = beiseitegehen, sich entfernen; sich trennen

Der Begriff bezeichnet die Absonderung einer Künstlergruppe von einer älteren Künstlervereinigung. In Österreich steht 'Sezession' gleichbedeutend für den Jugendstil. Ferner wird unter dem Begriff geopolitisch auch die Verselbstständigung von Staatsteilen verstanden.

Was ist das Besondere an der Künstlergruppe Hamburgische Sezession?

Maike Bruhns: Sie nannten sich „Sezession“, weil sie den Aufbruch in die Moderne beabsichtigten, nicht eine Abspaltung von einer bestehenden Künstlergruppe.

Nicole Tiedemann: Sie wollten sich hier in Hamburg nicht vom elitären Kunstgeschmack bzw. von der etablierten Kunstszene abspalten, sondern von dem durchschnittlichen Kunstgewerbe. Nicht nur Malerei, Kunst-Zeitschriften und modernes Theaterleben, Künstlerfeste, Formierungen von Künstlergruppen und eine enge Vernetzung der Kunstszene um Künstler, Historiker, Galeristen und Museumsdirektoren war die Devise. Die Hamburgische Sezession wollte das Umfeld für die Kunstwelt in Hamburg, in der es keine Kunstakademie gab, verbessern und eine Kunstszene etablieren. Es ging nicht um die Abspaltung von einer konservativeren Künstlergruppe, wie bei anderen Sezessionen, sondern um eine Absage gegen das Althergebrachte insgesamt. Man verstand sich als Elitevereinigung, wobei der einzige Maßstab die künstlerische Qualität sein sollte.

 

 

Künstlerfest Die gelbe Posaune der Sieben,1920, Curiohaus, Foto Sammlung Rüdiger Schütt, Kiel
Welche Themen wurden künstlerisch verarbeitet?

Nicole Tiedemann: Infolge von Reformbewegung und unter der Erfahrung des Ersten Weltkrieges entstand eine Kunst, die ein ganz neu empfundenes Menschenbild im Zuge der gesellschaftlichen Veränderungen zeigte: Sinnsuche nach sich selbst und der individuellen Freiheit, der Mensch als archetypisches Wesen, Eros und Sinnlichkeit, die Rolle von Religion, aber auch die Aufarbeitung von Krieg, Hungersnot und Chaos der Stadt. Landschaften, Nachtleben, Porträts und Reisen wurden auch thematisiert.

Maike Bruns: Stilistisch waren es die zeitgenössischen Stile: Expressionismus, „westliche Fraktion“ (Orientierung nach Frankreich), Neue Sachlichkeit, später Sezessionsstil. Immer gegenständlich, am Ende dann auch Übergänge zu Abstraktionen.

Künstlerfest Die Götzenpauke, 1921, Plakat von Emil Maetzel, Sammlung Maike Bruhns, Hamburg
Künstlerfest Curioser Circus, Foto 1927, Sammlung Maike Bruhns, Hamburg
Was hat es mit den legendären Künstlerfesten der Gruppe auf sich?

Nicole Tiedemann: Nach dem Schrecken des Krieges war der Hunger nach Lebensfreude groß. Künstlerfeste im Curiohaus, an denen auch u.a. Gustav Gründgens teilnahm, waren sehr beliebt. Die Partys hatten Mottos wie "Götzenpauke" oder "Dämmerung der Zeitlosen" – es wurden auch politische Themen auf die Schippe genommen. Menschen, exotisch kostümiert, in wilden Tänzen, nahmen an den teilweise tagelangen Festen teil. Man wäre gerne dabei gewesen!

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Dr. Nicole Tiedemann-Bischop studierte Kunst- und Kulturwissenschaft in Bremen. Nach Tätigkeiten im Historischen Museum Verden, Kulturbahnhof Vegesack und Design Zentrum Bremen übernahm sie ein Volontariat im Altonaer Museum. Seit 2007 leitet sie das Jenisch Haus und die Abteilung für Gemälde und Grafik im Altonaer Museum.


Dr. Maike Bruhns studierte Germanistik und Kunstgeschichte an den Universitäten München und Hamburg. 1986 promovierte sie mit einer Arbeit über die Hamburger Künstlerin jüdischer Abstammung Anita Rée. Ihre Forschungsschwerpunkte umfassen unter anderem die Themen Hamburgische Sezession, Kunst im Dritten Reich, Kunst im Exil, Kunst im Zweiten Weltkrieg sowie Kunst nach 1945. Ferner schrieb sie über die Kunsthistorikerin Rosa Schapire und künstlerische Arbeiten in Bauten Fritz Schumachers. Im Dezember 2013 erhielt Maike Bruhns für ihr Forschungswerk das Bundesverdienstkreuz am Bande. Sie ist Kuratorin der Ausstellung "Tanz des Lebens" im Jenisch Haus.

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