Der ehrbare Kaufmann

Was ist ein „ehrbarer Kaufmann“? Schon vor 500 Jahren haben sich Hamburger Kaufleute zum „Gemeene Kopmann“ zusammengeschlossen, um gemeinsam im internationalen Handel und in der Stadt erfolgreicher zu sein.

Hamburg entwickelte sich seit dem 10. Jahrhundert von einem kleinen Missionsstützpunkt an der Grenze der christianisierten Welt zu einem wichtigen norddeutschen Handelsplatz. Entscheidend dafür war seine Lage, die es ermöglichte, sowohl über die Elbe sehr weit das Hinterland zu erschließen, als auch am Nordseehandel teilzunehmen. Trotzdem war Hamburg lange Zeit nur eine mittelgroße Hansestadt, die weit hinter Lübeck, Köln und den großen Handelsplätzen Süddeutschlands zurückstand. Hamburger Kaufleute, die klug und weitsichtig enge Beziehungen zu Lübeck knüpften, machten Hamburg zum „Nordseehafen Lübecks“, so dass vor allem der Handel nach Westen und Nordwesten aufblühte.

Hamburg

Lübeck

Hamburgische Schiffe dehnten ihre Fahrtgebiete nach England, Irland, Norwegen, Schweden und bis zur südlichen Atlantikküste Europas aus. Schon im 14. Jahrhundert waren in Bergen, London und Brügge Kontore entstanden, in denen die Hamburger Kaufmannschaft vertreten war. Die Hamburger Kaufleute, die maßgeblich den Handel trugen, etablierten sich als Oberschicht, die als Folge der stetig wachsenden Geschäftstätigkeit immer kapitalkräftiger wurde. Teilweise erlangten sie dadurch die Position eines Kapitalgebers für andere Bevölkerungskreise und die Stadt selbst. Die daraus resultierende wirtschaftliche und gesellschaftliche Stärke setzten die erfolgreichsten Kaufleute auch ein, um politisch an Macht zu gewinnen. So vermochten sie es, allein die Ratsherrenstellen zu besetzen, obwohl der Mittelstand, der im Wesentlichen auf handwerkliche Berufe ausgerichtet war, zahlenmäßig bedeutender war. Trotzdem gelang es dieser Gruppe nicht, Sitze im Rat zu gewinnen. Folglich war Hamburg eine Handelsstadt, in der zu allen Zeiten die Kaufleute das Wort angaben.

 

Merchant Bankers

Merchant Bankers war zu Zeiten der Hanse die Bezeichnung für Kaufleute, die aufgrund ihres Kapitals dazu in der Lage waren, anstelle von Banken die Abwicklung des Geldverkehrs zu übernehmen.

Im Wirtschaftsraum der Hanse gab es im Spätmittelalter noch keine Banken. Die Abwicklung des Geldverkehrs lag in den Händen reicher Kaufleute, sogenannter Merchant Bankers, die mehrheitlich im Fernhandel tätig waren. Selbst große Rechnungen mussten in Bargeld bezahlt werden. Da zudem auch Versicherungen fehlten und die kaufmännische Buchführung noch nicht voll entwickelt war, spielte das persönliche Vertrauen bei Geldkreditgeschäften eine große Rolle. Nur wenn man als Gruppe handelte und sich gegenseitig aufeinander verlassen konnte, war man als Kaufmann dauerhaft erfolgreich.

 

In der Börse, 1960. Foto: Janke
In der Börse, 1960. Foto: Janke

 

Hamburger Börse

Die Hamburger Börse entstand 1558 und war die erste Börse auf deutschem Boden. Sie war Treffpunkt von hamburgischen und auswärtigen Kaufleute, Makler und Kommissionäre, die hier Verhandlungen führten und Abschlüsse tätigten.

 

 

Der Hamburger Rat im Mittelalter

Der „Hochedle und hochweise Rat“ bestand aus Männern der führenden Familien Hamburgs, die sich gegenseitig auf Lebenszeit wählten und bis 1712 ausnahmslos aus der Kaufmannsschicht kamen. Er hatte ab 1216 das absolute Sagen in der Stadt.

Sicherung der Handelswege

So ist es kein Wunder, dass von den Hamburger Kaufleuten, die sich schon seit jeher zu Fahrergesellschaften zusammengefunden hatten, ein Zusammenschluss gegründet wurde: 1517, also genau vor 500 Jahren, entstand „de gemeene Kopmann“, also „Der Gemeine Kaufmann“. Die Bezeichnung „gemein“ hat hier nichts mit Niedertracht zu tun, sondern das Wort bezeichnet ursprünglich eine Eigenschaft, die mehrere Menschen gemeinsam besaßen. Es bedeutet „für alle oder die überwiegende Mehrheit geltend“. „Der Gemeine Kaufmann“ war ein Organ, das der kaufmännischen Selbstverwaltung diente und in erster Linie die Aufgabe hatte, die Sicherung der Handelswege über See zu gewährleisten. Der Zusammenschluss erhielt vom Rat der Hansestadt das Recht, einen Vorstand aus sechs Kaufmannsälterleuten als Vertretung zu wählen. Die Vereinigung sollte „alles Notwendige zu des Kaufmanns Nutzen fördern und Nachteile verhüten“. Bereits 1523 erhielt die Interessenvertretung eine eigene Satzung. Bedeutende Hamburger Institutionen gehen auf die Initiative des „gemeenen Kopmanns“ zurück.

Commerzdeputation

Die Commerzdeputation war ein Gremium, das 1665 vom Ehrbaren Kaufmann gegründet wurde und als Interessensvertretung diente. 1710 erhielt sie Sitze und Stimmrechte in der erbgesessenen Hamburger Bürgerschaft. 1867 wandelte sich die Commerzdeputation zur Handelskammer Hamburg. 1933 verlor diese im Zuge der Gleichschaltung durch die Nationalsozialisten das Wahlrecht für die Hamburger Bürgerschaft. Erst durch das Bundes- und Landesgesetz erhielt die Kammer 1955/1956 wieder den Status einer öffentlich-rechtlichen Körperschaft. Heute ist die Handelskammer Hamburg die Industrie- und Handelskammer für die Freie und Hansestadt Hamburg und vertritt etwa 160.000 Pflichtmitglieder.

So entstand 1558 – als erste auf deutschem Boden – die Hamburger Börse. Sie war der Treffpunkt der hamburgischen und auswärtigen Kaufleute, Makler und Kommissionäre, die hier Verhandlungen führten und Abschlüsse tätigten. Bald darauf baute man ein eigenes Boten- und Postwesen auf. Im 17. Jahrhundert wandelte sich der Begriff des „gemeenen Kopmanns“ zum „Ehrbaren Kaufmann“. In vielen mittelalterlichen Städten hatte sich bis zum 15. Jahrhundert die sogenannte „Ehrbarkeit“ als städtische Oberschicht herausgebildet. Die Ehrbarkeit setzte sich aus den reichsten Familien und angesehenen Geschlechtern zusammen. Ihr Vermögen hatten sie aus dem Handel, dem Handwerk, aber auch aus Landbesitz erworben. Ehrbar war man also, wenn man zu dieser Schicht gehörte. Die „Ehrbarkeit“ findet ihre Nachfolge noch im 19. Jahrhundert im sogenannten „Geldadel“ in den Hansestädten Hamburg, Bremen und Lübeck. Literarische Erwähnung fand sie u.a. 1901 in Thomas Manns Familienroman Buddenbrooks. Verfall einer Familie. Das Adjektiv „ehrbar“ (= ehrenhaft, achtbar) leitet sich von dieser „Ehrbarkeit“ ab und wird heute mit einer allgemein ethisch-moralischen oder juristisch-politischen Eigenschaft einer Person oder Personengruppe verbunden.

 

In der Börse, 1960. Foto: Janke
In der Börse, 1960. Foto: Janke
In der Börse, 1960. Foto: Janke
In der Börse, 1960. Foto: Janke

Wachsendes Selbstvertrauen

Der Wandel vom „gemeinen“ zum „ehrbaren“ Kaufmann drückt ein wachsendes Selbstbewusstsein aus, denn man stellte sich indirekt dem „Hochedlen und hochweisen Rat“ an die Seite. Dieser hatte seit 1216 das absolute Sagen in der Stadt und bestand aus Männern der „führenden“ Familien Hamburgs, die sich gegenseitig auf Lebenszeit wählten und bis 1712 ausnahmslos aus der Kaufmannsschicht kamen. 1665 wählten die „alhie zu Hamburg zur See handelnden Kaufleute“ die aus sieben Männern bestehende „Commerz-Deputation“, ein Gremium, das ihre speziellen Interessen vertreten sollte und aus dem 1867 die Handelskammer Hamburg hervorging.

Welche wichtige Position die „Commerz-Deputation“ für die Stadtgesellschaft erlangte, wird aus der Tatsache deutlich, dass ihre Deputierten im Jahr 1710 Sitze und Stimmrechte in der erbgesessenen Hamburger Bürgerschaft erhielten. Damit wurde der „Ehrbare Kaufmann“ die Wahlkörperschaft der „Commerz-Deputation“ bzw. nach 1867 der Handelskammer Hamburg. Im Zuge der Gleichschaltung durch die Nationalsozialisten ging allerdings 1933 das Wahlrecht verloren. Erst durch das Bundes- und Landesgesetz erhielt die Kammer 1955/1956 wieder den Status einer öffentlich-rechtlichen Körperschaft. Heute ist die Handelskammer Hamburg die Industrie- und Handelskammer für die Freie und Hansestadt Hamburg und vertritt ca. 160.000 Pflichtmitglieder.

Handelskammer, 1965. Foto: Janke

“Mir ist sehr wichtig, durch mein persönliches Engagement essentielle soziale, gesellschafts- und umweltpolitische Vorhaben anzustoßen und voranzubringen. Und ich möchte auch die Sensibilität der Menschen für bestimmte Themen wecken. Nur Geld zu spenden reicht einfach nicht.”            

Michael Otto, Unternehmer und engagierter Bürger

Ethik unter Kaufleuten

Der Verein „Versammlung Eines Ehrbaren Kaufmanns“ zu Hamburg e. V. (VEEK) ist heute eine Institution der kaufmännischen Selbstverwaltung in Hamburg. Er gilt als die größte wirtschaftsethische Vereinigung Deutschlands und hat derzeit ungefähr 1.100 persönliche Mitglieder, meist Unternehmer oder leitende Angestellte der Hamburger Wirtschaft. Die Mitglieder der Versammlung streben danach, die Grundsätze des Ehrbaren Kaufmanns in den Hamburger Unternehmen zu leben und sie in Wirtschaft und Gesellschaft zu verbreiten.

Die Voraussetzungen dafür sind nicht einfach: In einer global vernetzten Welt entstehen weltweit agierende Firmen mit komplizierten und verflochtenen Organisationsformen. Der Druck der Investoren, die möglichst hohe Dividenden erwarten, wächst. 

Finanzkrisen, waghalsige Spekulationen von Bankern und Korruptionsaffären bei Siemens und Volkswagen haben den Glauben weiter Bevölkerungskreise an die Ethik von Kaufleuten erschüttert. So ist es sicherlich für den einzelnen Unternehmer immer schwerer, sich nach diesen Idealen zu richten. Mehr denn je ist die Erkenntnis nötig: Rücksichtsloses Verhalten von Unternehmern oder Managern wird von der Gesellschaft nicht akzeptiert. Dauerhafte Anerkennung erfährt die Unternehmerschaft nur dann, wenn der individuelle Gewinn im Einklang mit der Leistung für Unternehmen und Gesellschaft steht. Damit ein „Handschlag“ – wie schon vor 500 Jahren – eine gültige Abmachung besiegelt.