Die Schlacht von Waterloo

...und warum Hamburger gegen Napoleon in den Krieg zogen

Von Ortwin Pelc

Der "Hamburger Correspondent" meldete am 15. März 1815 aufgeregt:

"Bonaparte im südlichen Frankreich. Ganz unerwartet erhalten
wir die Nachricht, daß Bonaparte mit bewaffneter Hand
in dem Var-Departement erschienen ist."

Ein Jahr zuvor war er auf die Insel Elba verbannt worden, nun marschierte er mit wachsendem Zulauf von Soldaten und Unterstützung eines Teils der Bevölkerung nach Paris. Der französische König Ludwig XVIII. floh nach Belgien. Napoleon konnte am 20. März in einem Staatsstreich wieder die Herrschaft in Frankreich übernehmen.

Zu dieser Zeit berieten in Wien die Vertreter der europäischen Staaten über die Neuordnung der Verhältnisse nach den Befreiungskriegen. Für Hamburg, Bremen und Lübeck ging es dabei um die Anerkennung ihrer Selbständigkeit. Als die auf dem Wiener Kongress versammelten Diplomaten von Napoleons Rückkehr hörten, erklärten sie ihn sofort für rechtlos, gründeten eine neue Koalition und beschlossen ein schnelles militärisches Vorgehen gegen ihn. Die Hamburger erholten sich damals noch von den verheerenden Folgen der Besetzung, denn erst seit dem Abzug der französischen Truppen am 30. Mai 1814 normalisierte sich das Leben, der Wiederaufbau begann und der wichtige Seehandel belebte sich langsam wieder.

Am 3. April 1815 beschlossen der Hamburger Senat und die Bürgerschaft, "auch hier zur Beschützung Deutschlands die kräftigsten Anstrengungen zu machen", die Garnison aufzustocken und in marschfertigen Zustand zu versetzen. Als der Senat diese Entscheidungen traf, sammelten sich bereits seit zwei Wochen patriotisch gesinnte Freiwillige. In den folgenden Wochen gab es nun heftige Diskussionen in der Stadt über die zögerliche Haltung des Senats einerseits und der patriotischen Kampfbegeisterung von Männern mit bekannten Namen wie Perthes, Beneke, von Heß, Mettlerkamp, Sieveking, Heckscher und Mönckeberg andererseits.

Ende April forderte der Senat dann mit pathetischen Worten auf:

"Kein Teutscher darf es dulden, daß die heiligen Fluren unsers Vaterlandes
aufs neue von fremden Schaaren mit Krieg überzogen werden.
Auf dann zum Kampfe, Söhne Hamburgs, sobald die Kriegstrompete erschallt!
Ein Corps regulairer Truppen steht gerüstet da. Durch Freywillige muß das
Contingent Hamburgs vollzählich gemacht werden."

Es hieß, nur unbescholtene Bürger und Einwohner Hamburgs und seines Landgebiets würden aufgenommen, sie müßten unverheiratet sein oder nachweisen können, dass für ihre Familien gesorgt würde, sie müssten sich auf eigene Kosten einheitlich ausrüsten und bewaffnen und würden sie durch den Kriegsdienst verkrüppelt oder siech, würden sie eine Pension von der Stadt erhalten. Der Aufruf schloss mit den Worten:

"Unsre Sache ist gerecht, daher ist Gott mit uns! Jeder Teutsche
thue seine Pflicht, und das schöne Vaterland ist gesichert.
Einigkeit sey unsre Loosung!"

Dem Chef der Hamburger Infanterie, Major Delius, unterstand die militärische Organisation des Hamburger Kontingents. Am 8. April forderte er die verabschiedeten Unteroffiziere und Soldaten der ehemaligen Hanseatischen Legion auf, dem Freiwilligenkorps beizutreten.

In Wien verhandelten die Vertreter der Hansestädte mit den Großmächten über die Beteiligung der Städte an dem Krieg gegen Napoleon. Gleichzeitig berieten die Städte untereinander, wie sie sich verhalten sollten. Der Bremer und der Lübecker Senat plädierten für ein eigenes hanseatisches Heer, Hamburg dagegen wünschte eher den Anschluss an einen anderen deutschen Staat, um dadurch vielleicht günstigere Bedingungen zu erhalten. Die drei Hansestädte einigten sich am 7. Mai, dass Hamburg 1710, Bremen 750 und Lübeck 540 Soldaten für die neue "Hanseatische Legion" übernehmen würde. Über die Kriegsvorbereitungen in Frankreich sowie die Rüstungen und Truppenbewegungen in ganz Europa waren die Hamburger, sofern sie eine der vielen Zeitungen lasen, sehr gut informiert. Eine Verordnung des Senats legte eine Kriegssteuer durch jeden Bürger und Einwohner, je nach Vermögenslage, fest. Sie war ab Juni jeden Monat und für die Dauer des Krieges fällig.

Am 8. Juni 1815 wurde auf dem Wiener Kongress der Deutsche Bund gegründet. In ihm waren Hamburg, Bremen und Lübeck selbständige Mitglieder. Drei Tage später weihte Pastor Tönnies in der Michaeliskirche feierlich die drei neuen Fahnen des Hamburger Kontingents, die von Hamburger Frauen angefertigt worden waren. Am 12. und 15. Juni marschierten die einzelnen Bataillone Richtung Belgien ab, wo sie sich den Truppen Wellingtons anschließen sollten.

Aus dem englischen Hauptquartier sollte der hamburgische Verbindungsoffizier Karl Sieveking vom Kriegsschauplatz berichten, die Ernennung eines Befehlshabers für das Kontingent betreiben und vor allem mit Wellington klären, wie hoch die englischen Unterstützungsgelder für die hanseatischen Truppenleistungen sein würden. Am 15. Juni begannen die Kampfhandlungen, als die französischen Truppen die belgische Grenze überschritten. Sieveking schrieb in dem allgemeinen Durcheinander von den Kämpfen am 18. Juni seinen ersten Bericht nach Hamburg. Es gelang ihm nicht, in das Hauptquartier Wellingtons nach Waterloo zu kommen, da es keine Pferde gab.

 

Dankesfest in Hamburg

Die erste Nachricht von der Schlacht bei Waterloo erreichte Hamburg wohl am 22. Juni 1815. Am folgenden Tag meldete die Zeitung "Privilegirte Liste der Börsenhalle":

"Hier ist die höchsterfreuliche und offizielle Nachricht eingegangen,
daß der Herzog von Wellington und der Fürst Blücher am 18. dieses
Monats einen vollständigen Sieg über Bonaparte erfochten haben."

Nun folgten in den Hamburger Zeitungen täglich ausführliche und immer konkretere Berichte über den Schlachtverlauf sowie den Fortgang des Krieges aus verschiedenen Städten. Nicht ohne Pathos und Heldenverehrung wurden Schlachtberichte, Briefe von Teilnehmern und Jubelgedichte gedruckt. Aber auch über die Toten und Verwundeten der Schlacht wurden die Nachrichten immer genauer: Es waren Bremer, Lüneburger und Hannoveraner darunter – in preußischen und englischen Diensten –, von Hamburgern ist jedoch nichts bekannt. Hamburger waren aber, wie der Arzt Dr. Georg Hartog Gerson, z. B. in englischen Truppenteilen an der Schlacht von Waterloo beteiligt.

Am 2. Juli fand ein Dankesfest in Hamburg statt, an dem die Glocken aller Kirchen läuteten, Messen gehalten wurden und die Kanonen Salut schossen. Eine Illumination der Stadt war erlaubt, jedoch wurde das Schießen in der Stadt wie immer verboten. Mittags fand eine große Parade des Bürger-militärs auf dem Heiligengeistfeld statt. Für die Verwundeten wurde gesammelt, denn man könne seine Dankbarkeit nicht würdiger zeigen,

"als wenn wir des Elends uns erinnern, das durch Erkämpfung
von Siegen über einzelne Individuen verbreitet wird.“

Nachdem die regulären Hamburger Truppen Richtung Belgien aufgebrochen waren, dauerte es noch einige Tage, bis auch das Hamburger Freiwilligencorps marschbereit war, es fehlten nämlich noch Waffen. Am 31. Juli marschierten die Jäger ab.

"Zahllos war das Gedränge des Volks. Auf der Brücke nach Harburg
war ein belaubter Ehrenbogen errichtet, das Bürger-Militair im Spalier
längs der Brücke aufgestellt, und die schöne Feld-Musik dieses Corps
begleitete sie bis über den ersten Arm der Elbe."

Den Freiwilligen war bewusst, dass die wichtigste Schlacht wahrscheinlich schon geschlagen war; der Krieg war aber noch nicht zu Ende. Über Bremen, Nordhorn, Deventer, Antwerpen, Brüssel und Mons kamen sie dann Ende Juli 1815 in die Gegend östlich von Amiens an der Somme, wo sie in dem kleinen Ort Mericourt stationiert wurden; die regulären Truppen des Kontingents hatten ihr Quartier in Cateau-Cambrésis. Die hanseatischen Truppen waren bei weitem nicht die einzigen, die erst spät auf dem Kriegsschauplatz erschienen, dänische Truppen marschierten z.B. erst Mitte Juli nach Frankreich. Tatsächlich war die Hauptstreitmacht der alliierten Streitkräfte aus ganz Europa noch fern, als bei Waterloo am 18. Juni die Schlacht stattfand. Das übrige norddeutsche Bundeskorps befand sich an der Mosel, die österreichische Hauptarmee zwischen Mannheim und Basel, die russische Armee und das preußische Garde-Corps im Anmarsch zum Rhein und die österreichische Armee von Oberitalien marschierte über die Alpen heran.

Die Bemühungen Sievekings um englische Geldzahlungen für die hanseatische Unterstützung, die Bestallung eines Kommandanten für das Kontingent und Anweisungen für die Marschroute zogen sich hin, da Wellington keine Zeit für Verhandlungen fand. Sieveking berichtete nach Hamburg vom Waffenstillstand am 3. Juli und seinem Einzug mit Wellington in Paris am 7. Juli. Am 14. Juli ernannte Wellington den Schotten Oberst Neil Campbell zum Kommandeur des hanseatischen Kontingents, ohne dass dieses darauf Einfluss nehmen konnte. Campbell stieß auf Ablehnung bei den Soldaten, da er nur französisch mit den Hamburgern sprach und als der galt, der Napoleon von Elba hatte fliehen lassen. Erfolgreich war Sieveking beim Abschluss eines Unterstützungsvertrags mit den Engländern am 21. Juli. Ab 1. April 1815 und für ein Jahr wurden den Hansestädten 11 Pfund und 2 Shilling pro Mann und Monat bewilligt. Aus seinen Berichten wird deutlich, wie unsicher die militärische Lage in Frankreich im Juli und August noch war: Napoleon war zwar seit dem 15. Juli in englischer Gewalt und die französische Armee befand sich in Auflösung, zugleich kämpften jedoch noch versprengte Truppenteile und es war unklar, wer zukünftig die politische Macht in Frankreich ausüben würde. Am 2. Oktober wurde zwischen den Alliierten und Frankreich der Friedensvertrag geschlossen.

 

Schlacht von Waterloo, Suhr, Rückkehr Freiwillige, 1912
Schlacht von Waterloo, Suhr, Rückkehr Freiwillige, 1912

Die Rückkehr der Soldaten

Die Stimmung bei den Hamburger Soldaten in Nordfrankreich war schlecht. Es gab Reibereien mit der Führung und den Quartierswirten und Ärger wegen der Versorgung. Sieveking schrieb am 6. September:

"Unsere Freiwilligen müssen wir loseisen. Die bessern verlieren
ihre Zeit, die schlechten ihre guten Sitten".

Am 16. Oktober befahl Wellington ihren Rückmarsch, der dann am 22. Oktober begann. Am 30. November erreichte das freiwillige Jägerkorps die Heimatstadt und wurde begeistert begrüßt. Auf der Elbbrücke und dem Domplatz stellte sich das Bürgermilitär auf, musste aber lange warten, da Eisgang die Fährüberfahrt behinderte. Abends waren die Straßen extra erleuchtet und Blumen wurden gestreut. Auf dem Domplatz wurden 'Nun danket alle Gott' und das Lied 'Auf Hamburgs Wohlergehn' gesungen, bevor die Soldaten

„in die Arme ihrer Angehörigen eilten. Der Jubel der Volksmenge war
ungemein und macht diesen Tag der herzlichsten Freude unvergessen."

Nicht alle Zurückkehrenden hatten eine Familie und ein Quartier. Der Senat rief deshalb zur Bereitstellung von Unterkünften auf. Am 4. Dezember wurde von den Jägern die Rückkehr noch einmal richtig gefeiert, und zwar am Jungfernstieg und in den Wiedemannschen Festsälen in der Mühlenstraße. Die regulären Truppen des Hamburgischen Kontingents begannen ihren Rückmarsch aus Frankreich erst am 6. Dezember 1815. Ihr Empfang in Hamburg war aber weit weniger enthusiastisch als für die freiwilligen Jäger. Sie kamen über Winsen, den Zollenspieker und Bergedorf anmarschiert. Als der Senat vom vorausreitenden Kommandeur „von der üblen Stimmung und dem exaltierten Geiste unserer Truppen" hörte, erwartete sie am 27. Januar 1816 eine Senats-Delegation am Berliner Tor und vor dem Steintor das Bürgermilitär mit Musik. Trotz des schlechten Wetters säumten viele Menschen die Straßen. Auf dem Großneumarkt fand die Verabschiedung der Soldaten statt, die nun in der Kaserne bewirtet wurden und je ein halbes Pfund Fleisch und eine halbe Flasche Rotwein erhielten. Für die Offiziere wurde am folgenden Tag vom Militär-Departement ein Essen im Gasthaus "Alte Stadt London" spendiert. Ihnen wurde von der Stadt auch für acht bis vierzehn Tage ein Quartier zur Verfügung gestellt, bis sie sich eigene Unterkünfte gesucht hatten.

Die Erinnerung an die Schlacht von Waterloo und den Kriegshelden Blücher blieb 1816 in Hamburg wach. Auf Einladung von Freunden kam er vom 12. bis zum 22. September 1816 in die Stadt. Eine Abordnung des Bürgermilitärs ritt ihm bis Schiffbek entgegen und zahlreiche Menschen jubelten ihm beim Einzug in die illuminierten Straßen zu. Am 16. September nahm er auf dem Heiligengeistfeld eine Parade des Bürgermilitärs ab und besuchte am 21. September die erste Hamburger Turnanstalt. Bedeutender mag vielleicht sein, dass Blücher anlässlich seines Aufenthalts in Hamburg vom Senat – als zweiter nach General von Tettenborn – das Ehrenbürgerrecht verliehen erhielt.