Die Hamburgische Sezession

Die Gründung der Hamburgischen Sezession im Jahr 1919 – als eine der letzten künstlerischen Sezessionsgruppen in Deutschland – gilt als die Geburtsstunde der Kunstszene in Hamburg. Ihre Bedeutung hallt bis heute nach, reicht über die Grenzen der Hansestadt hinaus und steht gleichzeitig für einen besonderen Aspekt der Hamburger Geschichte und Identität.

von Dr. Nicole Tiedemann-Bischop und Prof. Dr. Anja Dauschek

1919 vollzog sich in der Kaufmannsstadt ein gesellschaftspolitischer Wandel. Entbunden von Regeln und Konventionen, die mit dem Zerfall des Kaiserreichs ausgedient hatten, bahnten sich die Künste neue Wege. Die Gründung der Universität fand im selben Jahr statt, es entstanden Kunstzeitschriften und ein modernes Theaterleben, Künstlerfeste fanden statt und Künstlergruppen formierten sich. Insgesamt vernetzten sich Künstlerinnen und Künstler mit Historikern, Galeristen und Museumsdirektoren. Erklärtes Ziel der Hamburgischen Sezession war, das Umfeld für die Kunstwelt in Hamburg zu verbessern und eine Kunstszene zu etablieren. Denn eine Kunstakademie gab es nicht. Nicht die Abspaltung von einer konservativeren Künstlergruppe war, wie bei anderen Sezessionen, Triebkraft, sondern eine Absage an das Althergebrachte insgesamt. Man verstand sich als Elitevereinigung, deren einziger Maßstab die künstlerische Qualität sein sollte.
Dorothea Maetzel-Johannsen, Junge mit rotem Ball, 1919, Öl auf Leinwand, Privatbesitz Hamburg, Foto Helge Mundt

Als die Hamburgische Sezession 1931 zum ersten Mal im neuen Gebäude des Kunstvereins ihre Jahresausstellung eröffnete, sagte Gustav Pauli, der damalige Direktor der Hamburger Kunsthalle, in seiner Ansprache: »Eine Schwalbe, heißt es, macht noch keinen Sommer, aber angesichts so vieler Schwalben darf man wohl von einem Hamburger Kunstfrühling sprechen.« Pauli sollte Recht behalten.

Beeinflusst von der Reformbewegung und den Erfahrungen des Ersten Weltkriegs entstand eine Kunst, die ein im Zuge der gesellschaftlichen Veränderungen ganz neu empfundenes Menschenbild zeigte mit Themen wie der Suche nach Lebenssinn und individueller Freiheit, dem Menschen als archetypisches Wesen, Eros und Sinnlichkeit, der Rolle von Religion, aber auch der Aufarbeitung von Krieg, Hungersnot und urbanem Chaos. Inspirationsquelle war die zeitgenössische Kunst – sowohl der französische Nachimpressionismus, der Fauvismus, der Kubismus und die Kunst um 1900 als auch und vor allem die expressionistische Malerei. Viele Sezessionisten knüpften an die Kunst aus dem Brücke-Kreis an, die schon vor 1910 in Hamburg – gefördert von engagierten Kunsthistorikern und Sammlern – zahlreiche Anhänger gefunden hatte. Ebenso war Edvard Munch für viele Maler Vorbild. Dabei ging es nicht um Adaption, sondern um vorurteilslose Betrachtung, das Begreifen dieser Kunst und ihrer Bildideen und um die Transformation in einen eigenen Stil. Anfänglich gab es keinen spezifischen Hamburgischen Sezessionsstil, dieser entwickelte sich erst im Laufe der 1920er Jahre.
Emil Maetzel, Titelholzschnitt des Katalogs der ersten Ausstellung der Hamburgischen Sezession, 1919, Sammlung Bruhns Hamburg
Emil Maetzel, Titelholzschnitt des Katalogs der ersten Ausstellung der Hamburgischen Sezession, 1919, Sammlung Bruhns Hamburg

Mitglieder

Die Hamburgische Sezession bestand bis 1933, sie hatte insgesamt 52 Mitglieder, darunter auch Architekten und Literaten. Vom NS-Regime wurde die Gruppe zum Ausschluss der jüdischen Mitglieder aufgefordert, woraufhin sie sich am 16. Mai 1933 auflöste.

Mitglieder (Auswahl)

Friedrich Ahlers­Hestermann
Alma del Banco
Karl Ballmer
Euard Bargheer
Carl Blohm
Franz Breest
Willy Davidson
Lore Feldberg-Eber
Arnold Fiedler
Otto Fischer-Trachau
Fritz Flinte
Willem Grimm
Paul Hamann
Erich Hartmann
Ivo Hauptmann
Paul Kayser
Karl Kluth
Richard Emil Kuöhl
Fritz Kronenberg
Ludwig Kunstmann
Reinhard Lentz
Kurt Löwengard
Emil Maetzel
Dorothea Maetzel-Johannsen
Rolf Nesch
Karl Opfermann
Alexandra Povòrina
Anita Rée
Otto Rodewald
Hans Martin Ruwoldt
Martin Schwemer
Paul Schwemer
Heinrich Steinhagen
Otto Tetjus Tügel
Friedrich Wield
Albert Woebcke
Gretchen Wohlwill
Johannes Wüsten

»Tanz des Lebens« war der Titel der ersten Sezessionsausstellung, die am 14. Dezember 1919 in der Hamburger Kunsthalle eröffnet wurde. Der Titel war einer Grafik von Heinrich Steinhagen entlehnt, die als Plakatmotiv diente. Neben einer Ausstellungsreihe gab es Vorträge und Künstlerfeste. Für die Ausstellung im Jenisch Haus 100 Jahre später haben wir auf diesen Titel zurückgegriffen. Der 1919 gewählte interdisziplinäre Ansatz, der die Trennung freier und angewandter Künste aufhob, entsprach dem des Bauhauses, das zeitgleich in Weimar gegründet wurde. Entsprechend ist die Ausstellung 2019 auch ein Beitrag zum Jubiläum 100 jahre bauhaus. Sie zeigt auf 400 qm Gemälde, Grafiken und Plastik zu einer Fülle von Themen: Porträt, Frühe Sezession und Expressionismus, Tiere, Feste, Stadt Hamburg, Krieg, Soziale Frage, Nachtleben, Späte Sezession und Zeitwende. In einer Medieninstallation sind zahlreiche Fotografien zu den Künstlerfesten zu sehen. Insgesamt geht es nicht nur um die Präsentation der Werke unterschiedlicher Künstlerinnen und Künstler, sondern um das kulturelle Leben Hamburgs in den 1920er Jahren. Die Ausstellung wird begleitet von verschiedenen Führungen und Vorträgen.

Anita Rée, Filomena Stupefatta, 1926, Gouache, Sammlung Bruhns Hamburg
Anita Rée, Filomena Stupefatta, 1926, Gouache, Sammlung Bruhns Hamburg
Otto Fischer-Trachau, Mond über der Vorstadtstraße in Bahrenfeld, 1920, Sammlung SHMH
Otto Fischer-Trachau, Mond über der Vorstadtstraße in Bahrenfeld, 1920, Sammlung SHMH
Ivo Hauptmann, Liegender Akt, 1920, Oel auf Leinwand, Sammlung SHMH, © Harriet Hauptmann, Foto Helge Mundt
Ivo Hauptmann, Liegender Akt, 1920, Oel auf Leinwand, Sammlung SHMH, © Harriet Hauptmann, Foto Helge Mundt