Die Klassik der Nachbarn

Der Dänische Klassizismus bestimmt ganze Straßenzüge und Viertel: Von Altona bis Schleswig-Holstein finden sich die epochentypischen Bauten und verraten uns viel über die Entstehung des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens am Wasser.

Von Ullrich Schwarz

Die Personalunion der dänischen Krone und der Herzogtümer Schleswig und Holstein besteht für mehr als 400 Jahre – von 1460 bis 1864. Ganz so weit in die Geschichte zurück geht die Beziehung Altonas zu Dänemark zwar nicht, aber immerhin: Altona erhält 1664 das Stadtrecht, steht anschließend für 200 Jahre unter der Verwaltung Dänemarks und wird im Zuge dessen die zweitgrößte Stadt nach Kopenhagen im dänischen Gesamtstaat. In dieser Zeit entstehen viele Bauten des Dänischen Klassizismus im heutigen Hamburger Raum – bis der deutsch-dänische Krieg 1864 die Bindung Altonas an Dänemark beendet. Und weil die Beziehung zu Hamburg zuvor stets von (ökonomischer) Rivalität geprägt ist, wird Altona auch erst 1937 ein Teil der Hansestadt.

Die historischen Schwierigkeiten beginnen schon mit Blick auf Dänemark und Deutschland: Ersteres vereint auch Norwegen, Island, Grönland, die Faröer Inseln und einige Kolonien an der afrikanischen Westküste unter sich. Und „Deutschland“? Das existierte vor Bismarcks Reichsgründung 1871 überhaupt nicht. So können wir uns hier mit vollem Recht auf die Beziehung Dänemarks zu Altona und den Herzogtümern Schleswig und Holstein konzentrieren, denn das war in der Zeit des Dänischen Klassizismus die „deutsche“ Seite. Die Blütezeit des deutsch-dänischen Austausches beginnt Mitte des 18. Jahrhunderts und endet im frühen 19. Jahrhundert mit der englischen Bombardierung Kopenhagens im Jahr 1807. Das Ende des goldenen Zeitalters Dänemarks wird vom dänischen Staatsbankrott 1813 schließlich endgültig besiegelt.

 

Die deutsche Kultur in Dänemark

Die intensivsten kulturellen und politischen Beziehungen zwischen Dänemark und „Deutschland“ finden also im 18. Jahrhundert statt und die „deutschen“ Einwirkungen auf Dänemark waren stärker als umgekehrt. So ist das dänische Königshaus deutschen, genauer: oldenburgischen Ursprungs und auch die Führungsschicht des Hofes in Kopenhagen damals überwiegend deutsch und auch in der Verwaltungssprache in Kopenhagen ist die Deutsch gleichberechtigt neben Dänisch (es galt als das „Latein der Ostsee“). Dieser Einfluss der deutschen Kultur auf Dänemark wird insbesondere durch Friedrich Gottlieb Klopstock verdeutlicht, der 1751 vom dänischen König Friedrich V. mit einem festen Gehalt an den Kopenhagener Hof berufen wird, wo der deutsche Dichter fast zwei Jahrzehnte bleibt.

Diese Klopstock-Zeit prägt Dänemarks geistiges Klima sehr: Pietismus und Empfindsamkeit bestimmen dort den Nerv dieser Zeit, das Weltbürgertum und auch das eigentümliche Phänomen eines aufgeklärten Absolutismus, der auf Rousseau, Montesquieu, Kant und die Ideale der Fanzösischen Revolution rekurriert. Klopstocks Stern erlischt zwar an der Radikalität der Jakobiner, weil er sich offensichtlich nicht klar genug positioniert, doch die tiefempfundenen Gruppenlektüren von Klopstocks Messias finden fortan nicht nur in Kopenhagen, sondern auch in den Häusern des schleswig-holsteinischen Familienkreises statt. Er schafft die soziale Verbindung von Dänemark und den Herzogtümern und wird unter anderem von den Adelsfamilien Reventlow, Bernstorff, Stolberg, Schimmelmann, Baudissin, Holck, Rantzau getragen. Deren Häuser, weniger der Kopenhagener Hof, sind demzufolge die Zentren und Agenturen eines kulturellen deutsch- dänischen Transfers.

Altona und Dänemark

Altona, das 1664 das Stadtrecht erhielt, befand sich über 200 Jahre unter dänischer Verwaltung. Nach Kopenhagen war es die zweitgrößte Stadt des dänischen Gesamtstaates. Ab Mitte des 18. Jahrhunderts kam es zu einer Blütezeit des deutsch-dänischen Kulturaustausches, der sich unter anderem auch in der Architektur niederschlug. Es entstanden in Altona zahlreiche Bauten im Stil des Dänischen Klassizismus‘. Der Deutsch-Dänische Krieg 1864 beendete die enge Verbindung zwischen der holsteinischen Stadt und dem nordischen Königreich.

Christian Frederik Hansen, Landhaus Gebauer in Othmarschen. Foto: Oliver Heissner, 2002.
So ist gelegentlich von einer dänischen Germanophilie in dieser historischen Phase die Rede. Es gibt aber einen kulturellen Bereich, in dem die Impulse in der Gegenrichtung verlaufen: gemeint ist die Baukunst. Sie geht aus von der 1754 gegründeten Königlich Dänischen Kunstakademie in Kopenhagen, deren Pendant man in den Herzogtümern, in Altona und in Hamburg man damals vergeblich sucht. Daher kann es auch kaum verwundern, dass die Schüler der Kopenhagener Akademie zwischen 1780 und 1830 insbesondere in Holstein und Altona die bis heute bemerkenswertesten Architekturzeugnisse hervorbrachten.
Der Dänische Klassizismus zeichnet sich durch einfache, strenge Baukörper mit weitgehend undekorierten glatten Wänden und häufig kräftigen dorischen Säulen aus. Die Formen sind reduziert und doch monumentalisiert. Als Vorbilder werden unter anderen Palladio und Ledoux genannt. Doch die Bauten von Hansen, Arens, Bundsen und Lillie verkörpern keinen gemeinsamen Stil mehr. Der Dänische Klassizismus hat gemeinsame Wurzeln, entfaltet sich aber jeweils sehr individuell. Insofern erleben wir hier sowohl den Abschluss einer Epoche als auch die Vorboten einer anderen Zeit.

Die Architekten des dänischen Klassizismus

Die Ausstellung im Jenisch Haus wird sich auf vier Absolventen der Kopenhagener Akademie konzentrieren: C. F. Hansen (1756–1845), J. A. Arens (1757– 1806), J. C. Lillie (1760–1827) und A. Bundsen (1768–1832). Diese vier Architekten sind die Hauptvertreter des sogenannten Dänischen Klassizismus in Altona und den Herzogtümern, in Lauenburg, Lübeck und zum Teil auch in Mecklenburg. In dieser Region wird bis etwa 1830 dänisch gebaut. Danach werden eher die Einflüsse des Berliner Klassizismus (F. K. Schinkel) wirksam – prominentes Beispiel dafür ist das Jenisch Haus in Altona (erbaut von 1831 bis 1834).

Von keinem der vier ausgestellten Architekten sind im heutigen Hamburger Westen so viele Bauten erhalten, wie von C. F. Hansen: Als Ensemble sind insbesondere die Gebäude an der Palmaille hervorzuheben sowie die eindrucksvollen weißen Landhäuser in Blankenese. In altem Glanz erstrahlt hier vor allem das Landhaus Baur (1804–1806) in der Elbchaussee 372, heute Sitz der Hermann Reemtsma Stiftung. Der einzige noch erhaltene Wohnbau von J. A. Arens ist das berühmte Landhaus Voght (1794– 1798) in der Baron-Voght-Straße 63 in Klein Flottbek. Axel Bundsens wichtigster Bau in Altona ist das auffallende Landhaus Brandt (1817–1818) in der Elbchaussee 186, heute als Säulenhaus bekannt. J. C. Lillie hat nie in Altona gebaut, dafür aber umso mehr Herrenhäuser in Holstein, Lauenburg, Mecklenburg und nicht zuletzt in Lübeck. Hier ist insbesondere das heute als Museum genutzte Behnhaus in der Königsstraße zu nennen. All diese Bauten offenbaren vor allem eines: die beeindruckende architektonische Varianz im Dänischen Klassizismus.

Und allein schon die historische Tatsache, dass es in einem Zeitraum weniger Jahrzehnte nicht nur nacheinander, sondern auch parallel offenbar verschiedenartige Klassizismen gab, führt zu der grundlegenden Frage: Was ist Klassizismus in der Baukunst?

Christian Frederik Hansen, Rotunde im Landhaus Johann Heinrich Baur. Foto: Cynthia Kehoe.
Wohnhaus Joh. Dan. Baur an der Palmaille, Federzeichnung, Heinrich Lehmkuhl, 2. Drittel 19. Jahrhundert.
Plan und Facade zu einem Eckhaus in der Palmaille (Haus Willinck Palmaille 29), Radierung, um 1800, Christian Frederik Hansen.
Wohnhaus in der Palmaille in Altona (Haus Salomon Dehn Palmaille 118), um 1804, Zeichnung, Christian Frederik Hansen.

Was ist Klassizismus?

Klassizismus bezeichnet keinen einheitlichen Stil, sondern eher eine Haltung, die sich am Vorbild der Klassik, der Antike orientiert. Da eine vertiefte archäologische Erforschung der griechischen, römischen und auch ägyptischen Stätten erst im 18. Jahrhundert einsetzt, ging diese Orientierung bis dahin im Wesentlichen von Lehrbuchwissen aus, das letztlich immer die zehn Bücher über Architektur des Römers Vitruv zur Grundlage hatte – verfasst zur Zeit des Kaisers Augustus, kurz vor unserer Zeitrechnung. Symmetrie, Harmonie, Proportionen und die drei klassischen Säulenordnungen dorisch, ionisch und korinthisch stehen hier im Mittelpunkt und werden in klare Regeln gegossen. Sie sind jedoch nicht etwa Ausweis des guten Geschmacks, so die Auffassung von der Antike bis ins späte 17. Jahrhundert, sondern erscheinen einfach als absolut gültig, weil sie dem Vorbild der Natur folgen. So herrschte in der europäischen Architektur de facto bis Ende des 18. Jahrhunderts eine Regelästhetik, die als Vitruvianismus bezeichnet wird und die das historische Vorbild der Antike immer als Nachahmung der Natur verstehen will. Die Autorität der Natur ist hier noch unbestreitbar und jeder Diskussion entzogen. 

Doch der berühmte Streit zwischen dem Alten und dem Modernen in der französischen Bauakademie setzte diesem Absolutismus im ausgehenden 17. Jahrhundert ein Ende. Ergebnis des Streits ist, dass auch in der Architektur die Regeln nicht absolut, sondern relativ seien – relativ zu ihrer geschichtlichen Epoche und ihrem kulturellen Kontext. Das Vorbild des Alten wird damit zwar nicht schlagartig aufgehoben, aber es ist nicht mehr sakrosankt. Ästhetische Normen auch in der Baukunst sind seither historisch variabel und nicht ein für allemal gegeben. Die Geschichte entwickelt sich und sie kann sogar die Antike übertreffen: Wenn man so will, war das der Beginn der Moderne in der Architekturdiskussion.