Aufstieg und Fall der Orient-Zigarette

… und warum ein Hamburger Unternehmen die entscheidende Rolle spielte. Von den einst über 1200 Orient-Zigarettenfabriken in Deutschland hat kaum eine überlebt.

Von Stefan Rahner und Sandra Schürmann

„Ada Kalé, Ägyptische Zigarettenfabrik, allerfeinste Mischungen aus Xanthi, Cavalla, Samsun und Smyrna, echt Handarbeit“ Mit diesen exotischen Versprechen bewarb eine Fabrik aus Altona in den 1920er Jahren ihre Marken mit Namen wie „Exohon“, „Telion“ oder „Mossul“. Die Fabrik war 1915 von E. Angelin in Hamburg gegründet und 1923 nach Altona verlagert worden. Er gehörte zu einer Reihe osmanischer Zigarettenunternehmer, die in der Hansestadt ansässig waren.

 

Orientalisches Disneyland

Im Fall der Zigarettenfabrik Ada-Kalé war der Bezug zum Osmanischen Reich schon im Namen erkennbar, und er verband das Unternehmen an der Elbe mit einer Insel in der Donau: Ada Kale(h) war der Name einer osmanischen Enklave, die aus den Wirren des russisch-türkischen Krieges 1878 im Grenzgebiet von Ungarn, Serbien und Rumänien hervorgegangen war. Völkerrechtlich gehörte sie noch zum weit entfernten Osmanischen Reich, und selbst nach dessen Auflösung nach dem Ende des Ersten Weltkriegs blieb sie in vielerlei Hinsicht ein Überbleibsel der Türkenherrschaft in Ungarn. Die Flussinsel mit ihrer Moschee und dem traditionellen Basar, in dem der in der Türkei inzwischen verbotene Fez noch selbstverständlich getragen wurde, bildete eine Attraktion für bürgerliche Touristen aus Wien und Budapest, ein „orientalisches Disneyland“.

 

Orient-Zigaretten-Fabriken

Ende des 19. Jahrhundert kamen in Deutschland Zigaretten mit Orient-Tabak auf. Sie erfreuten sich großer Beliebtheit. Neben Dresden und Berlin wurde vor allem Hamburg zum Zentrum der Zigaretten-Fabrikation. Kurz nach Ende des Ersten Weltkriegs verzeichnet das „Tabak-Adreßbuch des Deutschen Reiches“ für Hamburg, Altona und Wandsbek 43 Hersteller.

Wir wissen nicht, warum Angelin, der Gründer der Hamburger Zigarettenfabrik, sein Unternehmen nach dieser exotischen Kuriosität benannte. Vielleicht gab es familiäre Bindungen dorthin, vielleicht hatte er auch nur von ihr gehört oder gelesen.
Auf alle Fälle verstärkte er mit ihrem Namen die „orientalische“ Anmutung seiner Produkte, und damit entsprach er dem Trend dieser Zeit: Damals waren weit über 90 Prozent aller Zigaretten in Deutschland „orientalisch“, was bedeutete, dass sie meist nach dem Vorbild „ägyptischer Art“ mit ovalem Querschnitt gefertigt waren und die so genannten „Orient-Tabake“ enthielten.

 

Blechdose (um 1910) des Herstellers Hadges Nessim, der auch eine Zweigfabrik in Hamburg betrieb. Nach 1909 gab es eine regelrechte Welle von Filialgründungen osmanischer Zigarettenfabriken in Deutschland.

 

Letztere kamen allerdings nicht aus der Gegend, die wir heute als „Orient“ bezeichnen würden, sondern hauptsächlich aus der Provinz Mazedonien (im heutigen Griechenland), der Westtürkei und von der Schwarzmeerküste. Von dort stammten auch viele der Fabrikanten mit griechisch, türkisch oder armenisch klingenden Namen, die hier an der Elbe Orientzigaretten produzierten: Panagiotis Avramikos, Selim Chelala, Mitzi Hussameddin, Damianos und Constantinos Kyriazi, Hadges Nessim, Nicolas und Athanase Sossidi, Haik Türkian oder Karabet Tchilinghiryan, der Vater des späteren Tchibo-Gründers.

Sie brachten die intime Kennerschaft des Tabaks, seiner verschiedenen Sorten und unterschiedlichen Anbaugebiete mit in die Hansestadt und waren oft auch mit weiteren Niederlassungen in Deutschland und international vernetzt. Überdeutlich zeigen diese Akteure – genau wie die Markennamen, die Provenienzen des Tabaks oder die exotischen Bilderwelten der Werbung – den transnationalen Charakter der deutschen Zigarette: Sie war weltläufig im wahrsten Sinne des Wortes, hatte Beziehungen weit über die deutschen Grenzen hinaus und war zu dieser Zeit ganz selbstverständlich orientalisch.

 

Sortieren der verschiedenen Sorten und Qualitäten in einem Tabaklager in Drama, Griechenland 1938.

Orient-Erfolg im 19. Jahrhundert

Schon die Zigarette selbst, also das Rauchen von Tabak in einer Papierhülse (statt als Zigarre oder in einer Pfeife), war transnational, weil auf verschlungenen Wegen von der Neuen Welt nach Deutschland gekommen: Erste Versuche zu Anfang des 19. Jahrhunderts, „spanische“ Zigaretten aus dunklen Zigarren- oder Pfeifentabaken hier zu vertreiben, waren noch von wenig Erfolg gekrönt. Erst die helleren Orient-Tabake, die im 17. und 18. Jahrhundert ihren Weg über Spanien und den Mittelmeerraum ins Osmanische Reich und ans Schwarze Meer gefunden hatten, waren Ende des 19. Jahrhunderts in Deutschland erfolgreich. Sie kamen über Osteuropa oder Ägypten nach Deutschland, erste Zentren der Zigarettenfertigung entstanden in Dresden und Berlin. Bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges bildete sich so eine Vielzahl meist sehr kleiner Betriebe heraus, die oft nur einen lokal begrenzten Markt bedienten. Kurz nach Ende des Ersten Weltkriegs verzeichnet das „Tabak-Adreßbuch des Deutschen Reiches“ für Hamburg, Altona und Wandsbek immerhin 43 Hersteller. Es gab in Deutschland auch bereits einige Großbetriebe wie Jasmatzi, Sulima, Garbaty und Manoli in Dresden und Berlin.

 

Eine der meistverkauften Marken während der 1930er Jahre: „Salem, rund, ohne Mundstück“ von der Yenidze Zigarettenfabrik in Dresden, die seit 1926 zum Reemtsma Konzern gehörte.

 

Der steile Aufstieg von Reemtsma

Mit dem Umzug der Reemtsma Cigarettenfabriken von Erfurt nach Bahrenfeld begann 1923 ein Konzentrationsprozess, der Altona zum neuen Zentrum machte. Mitte der 1930er Jahre kontrollierte der Reemtsma-Konzern schließlich fast 70 Prozent der deutschen Zigarettenindustrie, und daneben existierten nur noch wenige der ursprünglich fast 1.200 Hersteller aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. So ging mit dem Aufstieg Reemtsmas auch die Ära der „osmanischen“ Zigarettenfabriken zu Ende. Für die Branche bestimmend waren jetzt nicht mehr die traditionellen „Tabak-Kenner“, oft ehemalige Tabakhändler, die selbst aus den Anbauländern ihres Rohstoffs stammten oder enge, persönliche Bindungen dorthin hatten. Ihre Stellung übernahmen nun die Experten für rationelle, industrielle Fertigung und professionelle Markenführung. Auch die überbordende romantische Bilderwelt des fi ktiven Orients mit Haremsdamen, Pyramiden und Bazaren, die auch der Inhaber der kleinen Ada Kalé-Fabrik in Altona so selbstverständlich genutzt hatte, verblasste allmählich und wurde durch sachliche, ethnologische Bildmotive vom Anbau und von der Veredelung des Tabaks in Griechenland und der Türkei ersetzt. Um Bilder für diese neuen Werbestrategien zu bekommen, schickte Reemtsma eigens Fotografen in die Anbaugebiete, die dort Land und Leute fotografierten. Auch in anderer Hinsicht blieb der „Orient“ noch für zwei weitere Jahrzehnte im Fokus: Der hier gerauchte Tabak kam weiterhin überwiegend aus Mazedonien und Bulgarien; die deutsche Zigarette blieb bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges eine Orientzigarette.

Lastträger mit Tabakballen von Reemtsma, Entwurf eines Werbeplakats. Vorlage war eine Aufnahme, die David Schnur 1924 in Konstantinopel fotografierte.