Tierpark Hagenbeck

„Der König der wilden Tiere“

Er schickte seine Expeditionen in aller Herren Länder, importierte Elefanten, Tiger & Co., handelte weltweit mit ihnen, gründete einen Zirkus, ließ Löwen auf Elefanten reiten und als er 1913 starb, nannte die „New York Times“ ihn den „König der wilden Tiere“: Carl Hagenbeck. Aber sein Lebenswerk war und ist der Tierpark in Hamburg, damals eine zoologische Sensation.

Von Klaus Gille

Die Anfänge waren übersichtlich – zwei Holzbottiche mit Seehunden. Der Überlieferung nach präsentierte der Fischgroßhändler und Räuchereibesitzer Carl Claes Gottfried Hagenbeck (1810 –1887) dem Hamburger Publikum 1848 auf dem Spielbudenplatz auf St. Pauli einige Seehunde. Elbfischer hatten die Tiere als „Beifang“ abgeliefert. Die Ausstellung war ein Erfolg und Hagenbeck erkannte, dass auf diese Weise ein gutes Geschäft zu machen sei. Für Carl Claes Hagenbeck blieb der Tierhandel eine Nebensache. Ganz anders bei seinem Sohn Carl (1844–1913), der bereits früh ein Faible für Tiere mit großem kaufmännischem Talent verband.

Ab 1866 übernahm der 22-Jährige die Leitung des Tierhandels und brachte die Firma innerhalb weniger Jahre an die Weltspitze. Die Voraussetzungen waren gut. 

Der Fischhändler Claes Carl Hagenbeck stellt um 1850 Tiere aus.
Tiertransport per Schiff, 1966. Foto: Zoch

Über den Hafen ließen sich die Importe abwickeln, für den Weitertransport gab es die Eisenbahn und per Telegraf ließ sich schnell weltweit kommunizieren – und das Wichtigste: die Nachfrage nach exotischen Tieren stieg. Der Boom bei den Zoogründungen im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts versorgte Hagenbeck mit Kunden.

Im Frühjahr 1874 verlegte Carl Hagenbeck sein Geschäft vom Spielbudenplatz an den Neuen Pferdemarkt 13 und eröffnete hier „Carl Hagenbecks’ Thierpark“. Der Hinterhof von rund 6.200 Quadratmetern zwischen den Wohnblöcken wurde in den nächsten Jahrzehnten zu einem Knotenpunkt des internationalen Tierhandels. Der Handel stand zwar weiterhin im Mittelpunkt, es kamen jedoch immer mehr Besucher, die Tiere nur anschauen wollten. Hamburg erhielt so neben dem 1863 am Dammtor eröffneten Zoo unverhofft einen zweiten Tierpark.

Die „Schaulust“ des Publikums

Große Bekanntheit erlangte Hagenbeck seit 1874 mit den sogenannten „Völkerschauen“ – Schauveranstaltungen mit Menschen aus damals fernen Ländern und Kulturen, die „authentische“ Szenen aus ihrem Alltag präsentierten. Da die „Schaulust“ des Publikums noch nicht mit täglichen Bildern und Filmen bedient wurde, waren solche Schaustellungen damals überaus populär. Seinen Erfolg verdankte Hagenbeck nicht zuletzt dem Bemühen, die Völkerschauen vom Geruch des Jahrmarkts zu befreien und sie zu einem respektablen Angebot zu machen. Ihren Höhepunkt erlebten diese Shows im späteren Stellinger Tierpark in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg, wo sie auf einem besonderen Areal aufwendig inszeniert wurden. Die Konkurrenz durch Kino und illustrierte Presse brachte dann ab den 1920er Jahren das Ende der Völkerschauen.

Eine indische Völkerschau bei Hagenbeck am Neuen Pferdemarkt 1878.

Ein „Tierparadies“ vor den Toren der Stadt

Im Mai 1907 eröffnete Carl Hagenbeck im damals preußischen Stellingen seinen neuen Tierpark – in Hamburg hatte sich kein passendes Gelände gefunden. Es war ein Tierpark der besonderen Art, der internationale Standards setzte. Seit den 1890er Jahren hatte sich Hagenbeck mit neuen Formen der Tierausstellung beschäftigt. Als guter Beobachter hatte er erkannt, dass Besucher Gitter vor den Tieren als störend empfanden. Hagenbeck setzt dagegen auf die Inszenierung schöner „Bilder“, die dem Publikum zahlreiche Tiere innerhalb einer passenden Landschaft in möglichst großer Freiheit präsentierten. Anstelle von Gittern grenzten jetzt verdeckte Gräben die Tiere untereinander und von den Besuchern ab.
Aus Hagenbecks Tierpark, Lichtdruck, Otto Lauffer, 1927. Foto: Museum für Hamburgische Geschichte
Nach und nach entstand ab 1902 zwischen den Feldern eine vielfältige Parklandschaft mit Seen und Inseln. Künstliche Felspartien brachten einen Hauch von Gebirge in die norddeutsche Landschaft. Verantwortlich für die Kunstfelsen war der Schweizer Bildhauer Urs Eggenschwyler (1849 –1923). Er ließ Holzkonstruktionen errichten, die mit Drahtnetzen überspannt und dann von innen und außen mit Zement überzogen wurden. Mittelpunkt des neuen Tierparks waren eine nordische und eine afrikanische Landschaft mit den entsprechenden Tieren: das „NordlandPanorama“ und das „Afrika-Panorama“. Die Sensation aber war die Löwenschlucht, die weltweit erste gitterlose Raubtier-Freianlage. Nur getrennt durch einen tiefen Wassergraben standen sich jetzt hier Besucher und Löwen gegenüber.

Der Kaiser besucht Hagenbeck

Der Tierpark war ein Erfolg: Von 1907 bis 1914 kamen 7,4 Millionen Besucher. In diesen Jahren stand Carl Hagenbeck auf dem Höhepunkt seiner Popularität. Viel Aufmerksamkeit brachten die mehrfachen Besuche Kaiser Wilhelms II. in Stellingen. 1911 schuf Lovis Corinth auf Anregung des Hamburger Kunsthallen-Direktors Alfred Lichtwark ein großformatiges Portrait, das Hagenbeck mit dem Walross „Pallas“ im Stellinger Nordland-Panorama zeigte. Carl Hagenbeck starb am 14. April 1913. Seine Nachfolger, die Söhne Heinrich (1875 –1945) und Lorenz Hagenbeck (1882 –1956), gingen schwierigen Zeiten entgegen. Den Ersten Weltkrieg überstand der Tierpark nur, da der 1916 gegründete „Circus Carl Hagenbeck“ mit Gastspielen im neutralen Ausland Geld verdiente. Angesichts der schweren Wirtschaftskrise schloss der Park aber doch von Oktober 1920 bis Mai 1924.

Mitte der 1920er Jahre ging es dann endlich aufwärts, der Tierhandel konnte wieder aufgenommen werden, der „Circus Carl Hagenbeck“ begeisterte im In- und Ausland seine Gäste und im Tierpark erlebten die Besucher ganz besondere Tiere, wie die mächtigen See-Elefanten oder ab 1930 das indische Panzernashorn „Nepali“, damals eine absolute Rarität in europäischen Zoos. Der Kriegsbeginn 1939 stoppte alle geplanten Ausbauten und wenig später drohte das Ende: Bomben zerstörten im Juli 1943 fast 70 Prozent aller Gebäude und Gehege. Neun Mitarbeiter starben während der Angriffe, mehr als 100 Großtiere wurden durch Bombensplitter oder Feuer getötet oder mussten aus Sicherheitsgründen erschossen werden. Trotz alledem konnte der Tierpark bereits im Mai 1944 wieder provisorisch öffnen.

 

Führer Carl Hagenbeck ́s Tierpark, 1929. Foto: Brzoska
Haupteingang, Carl Hagenbeck um 1930. Foto: Museum für Hamburgische Geschichte

Das Ende von „Circus Hagenbeck“

Nach schwierigem Wiederaufbau begann man ab den 1950er Jahren wieder mit dem Bau neuer Gehege. Im Mai 1953 wurde der neue „Tigerdschungel“ fertiggestellt, 1960 öffnete das neue Troparium. Und endlich konnten Besucher auch mit der U-Bahn kommen: 1966 ging die Haltestelle „Hagenbecks Tierpark“ in Betrieb.

Die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg brachte für Hagenbeck, bis heute ein privat geführtes Unternehmen, zahlreiche Herausforderungen. Bislang wichtige Geschäftsbereiche mussten eingestellt werden. Der „Circus Carl Hagenbeck“ schloss 1953 aus wirtschaftlichen Gründen und die internationalen Artenschutzabkommen beendeten allmählich den kommerziellen Tierhandel. Auch das Freizeitverhalten änderte sich. Das Auto eröffnete neue Möglichkeiten und das Fernsehen machte Konkurrenz. 

Elefantengehege in Hagenbeck's Tierpark, 1966-1967. Foto: Zoch

Der Tierpark brauchte neue Attraktionen. 1971 eröffnete man im Tierpark ein Delfinarium (in Betrieb bis 1995) mit Platz für 1.000 Besucher. Auch in Deutschland hatte die Fernsehserie „Flipper“ Delfine populär gemacht.

Was dabei herauskommt, wenn moderne Technik mit den Ideen Carl Hagenbecks verbunden wird, ist bei den erfolgreichen Projekten der letzten Jahre zu beobachten. Angefangen vom neuen Orang-Utan-Haus (2004) über das Tropen-Aquarium (2007) bis zum neuen Eismeer (2012) entstanden moderne Anlagen, die für die Besucher vielfältige Möglichkeiten eröffnen, sich mit der „wilden“ Tierwelt intensiv zu beschäftigen. Holzbottiche braucht es nicht mehr.