Bild

St. Georg

Kein anderer Stadtteil Hamburgs hat eine solch bewegende Geschichte wie St. Georg: Um 1200 wurden hierher noch Leprakranke verbannt und heute gilt er als lebendes Beispiel für bunte Vielfalt – nicht immer ohne Spannungen.

Von Ulrike Sparr

Hinrichtungsplatz und Schweinezucht

Seit Jahrhunderten genießt St. Georg einen widersprüchlichen Ruf als Zufluchtsort für Unangepasste aller Art, aber auch als beliebter Wohn- und Freizeitort. Das Gegensätzliche dieses Stadtteils hat historische Wurzeln, die bis ins frühe 13. Jahrhundert reichen. 

Um 1200 wurde außerhalb der östlichen Mauern Hamburgs das St. Georgs-Hospital gegründet, das der Aufnahme von Leprakranken diente. Wer von dieser ansteckenden und unheilbaren Krankheit befallen wurde, verlor sein bürgerliches Leben lange vor dem Tod und wurde aus seiner Stadt verbannt. Auch in den darauffolgenden Jahrhunderten verlegte Hamburg alles, was anrüchig war, in sein östliches Vorfeld zwischen Alster und Geestrand: Mitte des 16. Jahrhunderts befanden sich dort der Pestfriedhof, der Hinrichtungsplatz und die Schweinezüchter, es folgten bald die Abdeckerei und der Müllabladeplatz. Auch Schnapsbrenner ließen sich in der Nähe nieder, weil deren Abfälle ein begehrtes Schweinefutter waren.

1616 wurde an einem Teich auf der Weide vor dem Steintor, Borgesch genannt, eine Pulvermühle errichtet. Auch die Gerber mussten im 17. Jahrhundert Hamburg verlassen und ihre Lohmühle an der Alster errichten, nahe dem „Neuen Werk“, dem zweiten Stadtwall, der St. Georg seit ca. 1680 in die Stadtbefestigung mit einbezog. Mit diesem Wall entstanden das „Berliner“ und „Lübecker“ Tor und wiesen so auf St. Georgs Funktion als Durchreiseort hin.

Flucht vor der "stinkenden Stadt"

 St. Georg war jedoch in diesen Zeiten auch ein Ort ländlichen Idylls. Viele Hamburger Familien hatten hier von der Stadt ein Stück Gartenland gemietet. Dort wurde das eigene Gemüse angebaut, und man genoss es, für einige Stunden der engen und stinkenden Stadt zu entfliehen. Vor Sonnenuntergang mussten allerdings alle wieder in die Stadt zurückkehren, denn danach wurde niemand mehr durch das Steintor, die einzige Verbindung von und nach Hamburg, gelassen. Im Laufe der Zeit entstanden darum immer mehr feste Sommerhäuser und wer es sich leisten konnte, legte einen „Lustgarten“ mit besonderen Bäumen und womöglich exotischen Pflanzen an. Legendär war in dieser Hinsicht der Garten des Hamburger Barockdichters Barthold Heinrich Brockes (1680 - 1747) am Besenbinderhof. Der stolze Besitzer hat ihn in einigen Gedichten verewigt. 

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts begann Hamburg seine Wallanlagen zu entfestigen, da sie zeitgemäßen Waffen nicht mehr standhalten würden. So entstanden freundliche Spazierwege auf den Wällen, während die Torsperre weiter beibehalten wurde. Von 1806 - 1814 stand Hamburg unter französischer Besatzung und litt unter der Kontinentalsperre gegen England und unter den Kontributionen, die an die Besatzer zu entrichten waren.

Nach seiner Niederlage 1813 vor Moskau gab Napoleon Befehl, auch Hamburg wieder stärker zu befestigen. Für St. Georg bedeutete dies, dass Häuser niedergebrannt und Menschen vertrieben wurden, um ein freies Schussfeld zu erhalten. Nach der endgültigen Niederlage Napoleons 1814 zogen zahlreiche in der Besatzungszeit Verarmte aus Hamburg in das ausgeplünderte St. Georg, um einen Neuanfang zu versuchen. 1826 hatte St. Georg 8400 Einwohnerinnen und Einwohner.

Eines der ältesten Wohnhäuser Hamburgs: Lange Reihe 30 - 32. Foto: Max Dondrup
Eines der ältesten Wohnhäuser Hamburgs: Lange Reihe 30 - 32. Foto: Max Dondrup

Revolution am Steintor

1830 wurde St. Georg offiziell in den Rang einer Hamburger Vorstadt erhoben. Damit konnten seine Bürger auch das Hamburger Bürgerrecht erwerben, was die Bindung an die Stadt verfestigte. Umso mehr störte die Torsperre. Sie störte so sehr, dass es im Revolutionsjahr 1848 einen Aufstand am Steintor gab, bei dem aufgebrachte Revolutionäre die Wachhäuser niederbrannten, bevor das Hamburger Militär eingriff. Die Torsperre fiel erst 1860, gleichzeitig wurde St. Georg zu einem Stadtteil Hamburgs erklärt. 

Schon in den Jahren zuvor hatte sich St. Georg zu einem Gemeinwesen entwickelt, das weiter gegensätzliche Pole in sich vereinte. Zentrum blieb noch lange das Hospital, dessen Kapelle Mitte des 18. Jahrhunderts durch die größere Dreieinigkeitskirche ersetzt wurde. Von 1821 - 1823 entstand das Krankenhaus St. Georg in den ehemaligen Wallanlagen des „Neuen Werks“. Gleichzeitig wurde neue Wohn- und Gewerbebauten errichtet, es siedelten sich Handwerker und Arbeiterfamilien an. Nicht alle konnten sich auskömmlich ernähren, die soziale und materielle Verwahrlosung stieg an. Nur Gutsituierte konnten ihre Kinder in die Schule schicken. Die von Pastor Johann Wilhelm Rautenberg gegründete Sonntagsschule bot nur dürftige Bildungsmöglichkeiten für Kinder, die in der Woche hart arbeiten mussten. Zwar existierte an der Langen Reihe von 1806 - 1845 die renommierte private Unbehagen-Schule, die auch weniger wohlhabende Kinder aufnahm, aber nur 40 - 60 Mädchen und Knaben Platz bot. Erst nachdem Hamburg 1870 die allgemeine Schulpflicht einführte, besserte sich die Bildungssituation durch den Bau mehrerer Volksschulen. Später kamen neben Gymnasien auch zahlreiche Fach- und Berufsschulen hinzu, bis hin zur Hochschule für angewandte Wissenschaften, die heute in Gebäuden am Steindamm residiert. 

Seit 1900 ist das Schauspielhaus ein Hort der Hochkultur - und mit 1200 Plätzen Deutschlands größtes Sprechtheater. Foto: Kristijan Balun
Seit 1900 ist das Schauspielhaus ein Hort der Hochkultur - und mit 1200 Plätzen Deutschlands größtes Sprechtheater. Foto: Kristijan Balun

Der Amüsierbetrieb beginnt

Im 19. Jahrhundert entwickelte sich auch der Amüsierbetrieb in St. Georg. Es entstanden Wirtshäuser, Theater und Ausflugslokale wie, seit 1817, das Tivoli am Besenbinderhof, dessen Hauptattraktionen eine Sommerbühne und eine große Rutschbahn waren, auf der man in hölzernen Wagen hinabpoltern konnte. Am Freitag vor Pfingsten fand bis 1919 der Lämmermarkt statt, der sich im Laufe der Jahrhunderte immer mehr zu einem Jahrmarkt entwickelt hatte. Als 1842 in Hamburg der Große Brand tobte, wurden zahlreiche Stadtbewohner obdachlos. Für sie wurden vor dem Steintor einfache Häuser errichtet, die nur wenige Jahrzehnte dort standen. Hier zogen auch einige Prostituierte ein und betrieben ihr Gewerbe. Um der weithin grassierenden Armut etwas entgegen zu setzen, wurden im 19. Jahrhundert zahlreiche mildtätige Stiftungen gegründet, oft waren die Stifter jüdischer Religion. Als Erster in St. Georg erhielt der Kaufmann Hartwig Hesse im Jahr 1824 vom Senat einen kostenfreien Bauplatz für 12 Freiwohnungen für arme Witwen und zwei Wohnhäuser, deren Mieteinnahmen die Freiwohnungen mitfinanzieren sollten. Weitere Stiftungen folgten und bieten bis heute günstigen Wohnraum für ältere oder verarmte Menschen an.

Seit 1878 wacht die Figur auf dem Hansabrunnen über den Stadtteil und sieht alles. Foto: SHMH

Hier kam Hans Albers zur Welt

Die Aufhebung der Torsperre hatte auch in St. Georg einen Bauboom und in dessen Folge ein starkes Bevölkerungswachstum ausgelöst. An der Langen Reihe und am Hansaplatz wurden große Mehrfamilienhäuser errichtet, unter anderem das Haus Lange Reihe 71, in dem 1891 Hans Albers zur Welt kam, der später wie kein zweiter als Schauspieler und Sänger mit Hamburg verbunden wurde. Am Steintorplatz wurde 1877 das Museum für Kunst und Gewerbe eröffnet. Im Jahr 1900 begann man, im alten Wallgraben die Gleise für den Hauptbahnhof zu verlegen. Dafür mussten die Friedhöfe der Jacobi-Gemeinde und der Dreieinigkeitskirche weichen. Es entstanden zeitgleich die Kirchenallee, das Schauspielhaus und, in der attraktiven Alsterlage, das luxuriöse Hotel Atlantic. Dahinter befanden sich weiter überwiegend dicht bebaute, ärmere Quartiere. Mit der Fertigstellung des Hauptbahnhofs 1906 wurde St. Georg endgültig zum Bahnhofs- und Ausgehviertel, mit allen positiven und negativen Begleiterscheinungen. Aus dem Hauptbahnhof strömten Zugpassagiere, Straßenbahnen quälten sich neben Pferdefuhrwerken und ersten Autos durch die enge Lange Reihe, den Steindamm und die „Große Allee“, die heutige Adenauerallee. Das Schauspielhaus, die 1918 am Besenbinderhof gegründeten Kammerspiele, das Museum, das Hansa-Theater, Kinos wie das Savoy, Tanzlokale und Kneipen boten Vergnügen und Genuss für alle Geschmäcker. 

Gedenktafel am Haus Lange Reihe 71. Foto: Max Dondrup
Gedenktafel am Haus Lange Reihe 71. Foto: Max Dondrup

Theater, Kneipen und Moscheen

Bis heute ist St. Georg ein Stadtteil mit vielfältiger Bewohnerschaft und das Zusammenleben gestaltet sich nicht immer konfliktfrei. Verkauf und Konsum von Drogen, Prostitution und andere soziale Probleme sind sichtbar. Gleichzeitig ist die Lange Reihe mit ihren Restaurants und Kneipen eine beliebte Ausgehmeile nicht nur für’s Theaterpublikum. Einwanderer gründen oder erwerben Firmen, St. Georg verfügt mittlerweile auch über mehrere Moscheen. Die Diskussion zwischen Stadtteil und Politik über den Umgang mit Lärm, Verkehr, sozialen Schieflagen ist lebhaft. Dennoch: am Ende wohnen viele Menschen dort sehr gern und oft jahrzehntelang.

St. Georgs Highlights

Anziehungspunkt für Künstler

Die katholische Kirche St. Marien bot seit 1893 geistlichen Beistand. Die Bewohnerschaft des Stadtteils war und ist bis heute vielfältig: In Hammerbrook, das bis 1938 zu St. Georg gehörte, lebten bis zur Zerstörung 1943 überwiegend Arbeiterfamilien, im Bereich um die Lange Reihe bis zur Großen Allee wohnten mittelständische Handwerker und Gewerbetreibende. Daneben wurde der Stadtteil aber auch zum Anziehungspunkt für Menschen, denen das gesellschaftliche Korsett ihrer Zeit zu eng war: Künstlerinnen und Künstler, Homosexuelle, Jugendliche „auf Trebe“, Prostituierte. Zuwanderer aus dem Umland oder ferneren Ländern fanden und finden hier eine erste, manchmal auch dauerhafte, Bleibe. In der NS-Zeit war den Behörden das bunte Treiben im Stadtteil ein besonderer Dorn im Auge. Zahlreiche „Stolpersteine“ im Viertel dienen heute nicht nur dem Andenken der Ermordeten jüdischen Glaubens, sondern auch dem von Homosexuellen, Widerstandskämpfern und Opfern der Euthanasiepolitik.