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Operationen am Herzen der Stadt

Wo liegt das Herz einer Stadt? Einer Hafen- und Handelsstadt, einer freien Stadt – wie man hier immer wieder gerne betont – einer Bürgerstadt, deren Bevölkerung Könige und Kaiser eher zur Kenntnis genommen als bejubelt hat. Kurz: Einer Stadt wie Hamburg? Die Baugeschichte der Börse in Hamburg.

Von Olaf Bartels

Der Hafen ist der Motor dieser Stadt. Ihn haben die Bürger in Jahrhunderten mit unermüdlicher Arbeit und großem diplomatischen Geschick zu einemwichtigen Handelsplatz ausgebaut. Im Mittelalter setzen sie ein umfassendes Stapelrecht für ihre Stadt durch und verteidigten es hartnäckig gegen so manchen Konkurrenten im Unterelberaum. Denn Hamburg liegt, anders als viele glauben, nicht direkt an der Nordsee. Bis zur Elbmündung sind noch etwa 100 Kilometer zurückzule-gen. Dies bietet damals allerdings auch einigen Schutz gegen Angreifer, die bis in moderne Zeiten gerne den Seeweg nehmen, um Hamburg seine Position streitig zu machen. Auch der Hafen liegt weit ins Innere der Stadt zurückgezogen am heutigen Nikolaifleet in der Nähe der Trostbrücke und den mittlerweile verlassenen Gebäuden der Commerzbank, die hier ihren Gründungsort hat. Heute tobt der Verkehr auf der Ludwig-Erhard-Straße über diesen Hafen, in dem einst die stolzen Handelsschiffe der Hansestadt Hamburg liegen. 

Hier ist seit dem 12. Jahrhundert der zentrale Umschlagplatz für Waren aus aller Welt, steht die Stadtwaage, handeln die Kaufleute den Wert ihrer Waren untereinander aus – hier ist auch der Gründungsort der Hamburgischen Börse und hier steht auch das erste Rathaus dieser Bürgerstadt. Man kann sie fast eine Bürgerrepublik nennen, denn auf die Unabhängigkeit vom Heiligen Römischen Reich deutscher Nation – die ihnen Kaiser Friedrich I. Barbarossa in seinem berühmten Freibrief 1189 zugesteht – legt man in Hamburg damals großen Wert. Ihre damit verbundene Selbstverwaltung können die Hamburger bis in die Napoleonischen Kriege und die Gründung des Deutschen Reiches 1871 verteidigen. Und noch heute ist man hier auf das kleine Wort „und“ im Titel der Stadt stolz: Freie und Hansestadt Hamburg. 

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Die alte Hamburger Börse um 1730. Abbildung der alten Börse, links Commercium, linker Bildrand der alte Kran. Foto: SHMH

Hafen, Markt und der Rat der Stadt

Deshalb bilden Börse und Rathaus in Hamburg zu dieser Zeit eine Einheit: 1290 ist am Nikolaifleet ein neues Rathaus errichtet worden, das zuvor genutzte Gebäude liegt nicht weit davon entfernt. 1558 richtet die Stadt hier an der Trostbrücke den ersten festen Versammlungsort für ihre Kaufleute ein, an dem diese ihre Verhandlungen abhalten – noch unter freiem Himmel. Zwischen 1577 und 1583 folgt dann der Bau des ersten Gebäudes nach den Plänen des niederländischen Architekten Jan Andresen. Es ist eine große Halle mit einem Obergeschoss, die die unterschiedlichen Handels­plätze für Getreide, Gewürze, Tücher und andere Waren unter einem Dach vereint und Witterungsschutz bietet. Ein großer Lastenkran und die Stadtwaage sind Nachbarn der Börse, in der auch die Commerzdeputation, die „Versammlung Eines Ehrbaren Kaufmanns“ (seit 1867 die Handelskammer) residiert. Das Gebäude der Hamburger Börse ist das erste seiner Art in ganz Deutschland. 

Zur Zeit der Renaissance und in den darauffolgenden Jahrhunderten etabliert sich der Ort an der Trostbrücke zum Handels- und Finanzzentrum, aber eben auch zum politischen Zentrum Hamburgs. War der Grundbau der Börse noch aus den Spenden der Kaufleute finanziert worden, bemüht man sich für den weiteren Ausbau des Bauwerks auch mithilfe der Commerzdeputation nun um die Finanzierung durch die Stadt. Die sollte daran doch ein gesteigertes Interesse haben, denn dort wo die Börse steht, da schlägt auch das Herz der Stadt, angetrieben durch den Motor des Hafens. Hier treffen sich Kaufmanns- und Bürgerschaft und sie machen Rathaus und Börse zum politischen und ökonomischen Forum der Stadt. Die logische Konsequenz: 1619 gründet sich genau hier die Hamburger Bank. 

Hamburg als Handelsplatz im Mittelalter

Hamburg entwickelte sich ab dem 10. Jahrhundert von einem kleinen Missionsstützpunkt an der Grenze der christianisierten Welt zu einem wichtigen norddeutschen Handelsplatz. Entscheidend dafür war seine Lage, die es ermöglichte, sowohl über die Elbe weit das Hinterland zu erschließen, als auch am Nordseehandel teilzunehmen. Trotzdem war Hamburg lange Zeit nur eine mittelgroße Hansestadt, die hinter Lübeck, Köln und den großen Handelsplätzen Süddeutschlands zurückstand.

Die Hamburger Kaufleute besaßen eine enge Beziehungen zu Lübeck und machten ihre Stadt damit zum „Nordseehafen Lübecks“, wodurch der Handel aufblühte. Die Hamburger Kaufleute schickten ihre Schiffe nach England, Irland, Norwegen, Schweden und bis zur südlichen Atlantikküste Europas.

Abbildung des Commerciums (Alte Börse) an der Trostbrücke. Foto: SHMH
Abbildung des Commerciums (Alte Börse) an der Trostbrücke. Foto: SHMH

Die Commerzdeputation

Die Commerzdeputation war ein Gremium, das 1665 vom Ehrbaren Kaufmann gegründet wurde und als Interessensvertretung diente. 1710 erhielt sie Sitze und Stimmrechte in der erbgesessenen Hamburger Bürgerschaft. 1867 wandelte sich die Commerzdeputation zur Handelskammer Hamburg. 1933 verlor diese im Zuge der Gleichschaltung durch die Nationalsozialisten das Wahlrecht für die Hamburger Bürgerschaft. Erst durch das Bundes- und Landesgesetz erhielt die Kammer 1955/1956 wieder den Status einer öffentlich-rechtlichen Körperschaft. Heute ist die Handelskammer Hamburg die Industrie- und Handelskammer für die Freie und Hansestadt Hamburg und vertritt etwa 160.000 Pflichtmitglieder.

Napoleons Macht und Erbe

Der erste große Einschnitt in der Entwicklung Hamburgs als Handelsmetropole ist die Besatzung durch napoleonische Truppen 1803. Die Geschäfte laufen am Ende des 18. Jahrhunderts gut, „Hamburg besitzt den Credit der ganzen Welt“ heißt es 1798 noch lapidar in einer Chronik – doch kurz danach erfasst die Stadt eine harte Wirtschaftskrise. Noch härter trifft die Stadt die Besatzung durch die französischen Soldaten. Die Hamburger Bank wird ausgeplündert, Kirchen und Klöster säkularen Zwecken zugeführt, wenn sie diesen nicht schon seit dem Dreißigjährigen Krieg dienten. Das Johanniskloster und seine Kirche beispielsweise, die in der Nähe des heutigen Rathauses liegen, werden jetzt zu einem Pferdestall und zu einer Turnhalle umfunktioniert. In den Klosterräumen residiert allerdings weiter die dort bereits 1529 gegründete Gelehrtenschule des Johanneums. Auch die Börse wird 1814 zum Pferdestall und aus der Commerzdeputation wird kurzzeitig die Chambre de Commerce (die Handelskammer). Zehn Jahre hält die Besatzung an, dann wird Hamburg befreit, aber noch weitere zwei Jahre belagert. Für die Entwicklung der Stadt ist dies die bislang schwerste Zeit in ihrer Geschichte und umso befreiender wird ihr Ende empfunden. Nach dem Rückzug der französischen Truppen müssen sich die deutschen Staaten wieder neu konstituieren. Hamburg schließt sich daraufhin zwar 1815 dem Deutschen Bund an, erlebt aber auch eine Hochzeit der Freistaatlichkeit. Die Wirtschaft wächst wieder – und mit ihr reifen die Pläne für eine neue Börse. Ab 1819 trägt Hamburg dann den Staatstitel „Freie und Hansestadt Hamburg“. 

Jedoch: Je stärker die deutschen Länder in den folgenden Jahrzehnten zusammenfinden und Bündnisse wie den Norddeutschen Bund schließen, desto mehr verliert die Stadt wieder an Eigenständigkeit, bis sie in den deutschen Zollverein und 1871 in das Deutsche Reich eingegliedert wird. Dem fällt letztendlich das Privileg der Steuerfreiheit zum Opfer, aber mit dem Freihafen gibt es immerhin noch ein Zollausland, mit dem Hamburg international handlungsfähig bleibt. Es ist den Stadtoberen wohl auch deutlich geworden, dass sie die Sicherheit der Stadt nicht mehr allein gewährleisten konnten. 

Neubaupläne

Das alte Renaissancegebäude am Nikolaifleet ist den Kaufleuten schon lange zu klein geworden. Bereits Ende des 18. Jahrhunderts hatten sie Überlegungen zu einer Vergrößerung der Börse und auch zu ihrer Verlagerung angestellt, doch die Besatzungszeit hatte dieses Vorhaben ausgebremst. Umso heftiger entbrennt die Diskussion in der Zeit danach: Zwischen 1821 und 1841, im Jahr der Einweihung des neuen Gebäudes am Adolphsplatz, entwickelt sich ein­ aus heutiger Sicht spannender Wettstreit der Ideen, in dem sich Bürger, Kaufleute, Architekten und Baubeamte zu Wort melden, aufgefordert oder nicht, Pläne vorlegen, Standorte abwägen. Zur Debatte stehen neben dem Ursprungsort auch jene Standorte der verlassenen oder umgewidmeten Kirchen und Klöster. Der Hamburger Dom ist bereits 1804 abgebrochen worden. Hier klafft eine Brache, die geschlossen werden soll. Die Johanniskirche, aber auch das Maria-Magdalenenkloster stehen zur Disposition, wogegen einige Diskutanten Denkschriften als kleine Druckwerke auflegen und sie in Umlauf bringen. Einige dieser Flugschriften sind noch erhalten und werden in den Bibliotheken der Hansestadt verwahrt. Die Autoren bleiben gerne anonym, nannten sich „ein Bürger“ oder „ein Nicht-Kaufmann“. Die rege Anteilnahme verwundert nicht, es ist die Zeit der Aufklärung, in der die heute oft zitierte Zivilgesellschaft immer mehr Mut fasst und sich zu Wort meldet. Schließlich geht es um das Herzstück der Stadt, um ihr Forum, wenn auch zunächst um das Handelsforum. Es geht sozusagen um die räumliche Verfassung der Hamburger Stadtgesellschaft. Die Nähe der Börse als Handelsforum zum Rathaus, dem politischen Forum, waren kein Zufall. Sie hatte im Gegenteil Tradition und war ein Produkt der Hamburger Gesellschaft aus Bürgern und Kaufleuten. Als ein Autor der anonymen Schriften lässt sich der Architekt Alexis de Chateauneuf identifizieren, der im weiteren Verlauf des 19. Jahrhunderts erheblichen Einfluss auf die Gestalt seiner Heimatstadt nehmen wird. Allerdings: Dies dürfte ihm im Jahr 1827, als er sich zunächst anonym in die Diskussion einbringt, noch nicht bewusst sein. 

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Alexis de Chateauneuf, gemalt von Robert Schneider-Otto Speckter.

Alexis de Chateauneuf

Chateauneuf wird 1799 in Hamburg als Sohn französischer Emigranten geboren, lernt hier das Zimmererhandwerk und studiert Architektur bei Friedrich Weinbrenner in Karlsruhe, einem renommierten Vertreter des Klassizismus. Zu Beginn der 1820er Jahre kommt er nach ausgedehnten Studienreisen nach Hamburg zurück. Ehrgeizig bemüht er sich um die großen Bauaufgaben der Stadt, beteiligt sich 1825 am Wettbewerb um den Bau eines Hamburger Schauspielhauses, macht Vorschläge zur neuen Bebauung der Stadtplätze. Er hat Talent und entwirft für Senator Hudtwalcker ein Stadthaus an der ABC-Straße. Der nur etwa 13 Jahre ältere Hamburger Baudirektor Carl Ludwig Wimmel kann den ungestümen, vor Ideen sprühenden und vorwärtsdrängenden jüngeren Kollegen nur knapp im Zaum halten. Mit dem Bau der Stadtpost am Neuen Wall gelingt ihm um 1830 schließlich der Durchbruch, der allerdings nicht nachhaltig bleibt. 

Alte Börse, Jes Bundsen um 1820. Foto: SHMH
Alte Börse, Jes Bundsen um 1820. Foto: SHMH

Umstrittener Architektenwettbewerb

1821 - 1837:

Etwa 30 Entwürfe werden eingereicht, u.a. von Alexis de Chateauneuf, Axel Bundsen und Ole Jørgen Schmidt. Neben der Debatte um den Bauplatz geht es auch um die Art des Gebäudes: Soll es eine komplett überdeckte Börsenhalle geben oder soll die Kaufmannschaft auch teilweise unter freiem Himmel verhandeln? Soll die Halle beheizt sein oder nicht? Die Debatte scheint uferlos und kleinteilig geworden zu sein.

Der Senat entscheidet sich zwar für einen Neubau der Börse am Adolphsplatz in der Nähe der Hamburger Bank, kauft dafür private Grundstücke auf und lässt die Gebäude des Maria-Magdalenenklosters abreißen.

1837:

Baudirektor Carl Ludwig Wimmel und Franz Gustav Forsmann schreiben einen Architektenwettbewerb aus. Innerhalb von drei Monaten sollen die Teilnehmer ihre Arbeiten abliefern und auch alle Rechte an den Plänen abgeben.

Boykott der Hamburger Architekten wegen Betrugsvorwurf: Wimmel und Forsmann sind nicht nur Jurymitglieder, sondern selbst Architekten. Sie reichen einen eigenen Vorschlag ein, der als zulässig erklärt wird.

1837:

Wimmel und Forsmann werden mit dem Bau der Börse beauftragt.

November 1841:

Fertigstellung des Baus

Der große Brand

Im Hamburg nimmt die neue Börse nach den Entwürfen von Carl Ludwig Wimmel und Franz Gustav Forsmann nun schnell Form an. Mit zwei großen Feiern wird Anfang Dezember 1841 die neue Börse eingeweiht und zwei Tage später die alte Börse verabschiedet. Der Neubau besitzt nun eine große zentrale, über beide Geschosse reichende Halle, die frei von Stützen ist und bekrönt von einer umlaufenden Reihe großer Rundbogenfenster, die sie beleuchtete. Hinter den Arkaden sind die Büros der Commerzdeputation und die Commerzbibliothek untergebracht. Es ist ein schlichter und solider, in seiner Architektur zurückhaltender Bau, keine architektonische Sensation. 

Das neue Börsengebäude nach den Plänen von Carl Ludwig Wimmel und Gustav Forsmann, eingeweiht am 2. Dezember 1841. Ein  architektonisch solider Bau im Gegensatz zu den kühnen Plänen Chateauneufs.
Das neue Börsengebäude nach den Plänen von Carl Ludwig Wimmel und Gustav Forsmann, eingeweiht am 2. Dezember 1841. Ein architektonisch solider Bau im Gegensatz zu den kühnen Plänen Chateauneufs.

Doch sein Schicksal währt nicht lange: Gerade ein halbes Jahr nach der Eröffnung bricht am 5. Mai 1842 in der Hamburger Deichstraße ein verheerendes Feuer aus – der große Hamburger Brand, der einen großen Teil der damaligen Stadt in Schutt und Asche legt. Die alte Börse wird ein Raub der Flammen. Die Hamburger versuchen, dem Feuer die Nahrung zu nehmen und opfern ihr Rathaus. Sie sprengen das Gebäude, doch das Feuer aufhalten können sie damit nicht. Wie durch ein Wunder aber übersteht die neue Börse diesen Brand, wohl auch durch den unermüdlichen Einsatz der Hamburger Bevölkerung, die um ihre Börse kämpft indem sie den Funkenflug eindämmt und so das Dach schützt. Viele von ihnen, deren Häuser abgebrannt sind, suchen und finden in der großen Börsenhalle Schutz. Der Commerzdeputierte Theodor Dill tut sich dabei besonders hervor: Als das Feuer am 8. Mai gelöscht werden kann, steht die Börse wie ein Phönix in der Asche. Ringsumher hat das Feuer gewaltig gewütet. Abgesehen von den vielen Verletzten, Getöteten, Obdachlosen und den zerstörten Existenzen, die das Feuer mit sich bringt, ist eine ganze Stadt wieder aufzubauen und diese Aufgabe ist gewaltig. Eine Stadt, die für Deutschland und in Europa mit ihrem Hafen und als Handelsplatz eine große Bedeutung hat, ist buchstäblich am Boden zerstört. 

Gemälde
Gemälde "Die vom Feuer bedrohte Neue Börse während des Hamburger Brandes von 1842" von Hermann Kauffmann für Theodor Dill als Erinnerung an sein Verdienst bei der Verteidigung des Gebäudes vor den Flammen. Von einer Gruppe Hamburger Kaufleuten geschenkt. Links im Bild rafft das Feuer ein Gebäude nieder, dessen dach schon einstürzt, während die Neue Börse von diesem noch verschont bleibt. Foto: SHMH

Wie das Kunstwerk Hamburg entsteht

1917 blickt der damalige Baudirektor und spätere Oberbaudirektor Fritz Schumacher bewundernd auf die Planungs- und Wiederaufbauleistungen seiner älteren Kollegen zurück und fasst seine Forschungen und Eindrücke in einem kleinen Büchlein zusammen. Er gibt ihm den Titel: „Wie das Kunstwerk Hamburg nach dem grossen Brande entstand“. Bereits am 21. Mai wird der englische Ingenieur William Lindley beauftragt, einen Entwicklungsplan für die Stadt an der Elbe zu erarbeiten. Etwa zur gleichen Zeit wird eine „Technische Kommission“ zusammengestellt, der beamtete Architekten und Ingenieure angehören – darunter selbstverständlich auch Carl Ludwig Wimmel. Aber auch einige Privatarchitekten, unter ihnen: Alexis de Chateauneuf. Aus Dresden meldet sich Gottfried Semper zu Wort. 1803 in Hamburg geboren, wächst Semper zunächst in der damals noch dänisch verwalteten­ Nachbarstadt Altona auf, wo auch seine Familie lebt. In dieser schweren Zeit fühlt er sich Hamburg verbunden und steuert ein ums andere Mal Vorschläge für den Wiederaufbau bei. Fritz Schumacher schildert in seiner kleinen Schrift recht eindrücklich, wie sich insbesondere zwischen Semper, der nur zeitweise in Hamburg weilte, und Chateauneuf ein Schlagabtausch und Ideenwettstreit um ein neues Forum in der Hansestadt entwickelt. Die Börse wird dafür zu einem Dreh- und Angelpunkt. Jetzt soll das politische Forum dem Handelsforum folgen und mit ihm wieder eine Einheit bilden. Bis sich der heute noch gut nachvollziehbare Verbund aus Binnenalster, Kleiner Alster, Rathausmarkt (der sich in etwa auf dem alten Johannisplatz befindet), Rathaus, Börse, Adolphsplatz und dem Neubau der abgebrannten Nikolaikirche ergibt, sind einige Dispute und streitbare Briefe notwendig. Aber am Ende entsteht, wie Schumacher es formuliert, ein Kunstwerk in der Abfolge der städtischen Plätze und dem Zusammenwirken von Gebäuden und Innenhöfen.

"Das 'Kunstwerk Hamburg' ist das Hamburger Staatsforum mit dem Adolphsplatz als Vorplatz und Zentrum der darum entstandenen Banken im räumlichen Verbund mit dem Staatsforum, dem Rathaus. Der Gebäudekomplex aus Rathaus und Börse soll sozusagen die gebaute Verfassung der Stadt abbilden. Im Zentrum dieses Ensembles steht noch immer die 1841 eröffnete neue Börse."

Baustelle bis 1912

1851:

Ergänzung um einen zweiten Börsensaal

1882 - 1884:

Ergänzung um einen westlichen Flügel  mit einem dritten im Gegensatz zum östlichen zweigeschossigen Börsensaal.

Nachfolgend:

Zum Adolphsplatz hin werden die einzelnen Abschnitte der Erweiterung mit einer neuen Sandsteinfassade und einem umfassenden Figurenprogramm zusammengefasst.

1896:

Das Rathaus mit seiner prächtigen bis schwülstigen Neorenaissancearchitektur tritt als „politisches Forum“ in den Vordergrund. Es beherbergt mit der Hamburgischen Bürgerschaft, dem verfassten Stadtparlament und dem Senat alle Institutionen der politischen Macht. Die Börse als „Forum der Handelsmacht“ bildet den Hintergrund, denn mit dem Rathaus ist es räumlich und baulich direkt verbunden.

1907:

Abbrucharbeiten am Ostflügel, der für den Bau der ersten U-Bahn in Hamburg weichen muss.

1909 - 1912:

Ergänzung eines neuen, größer bemessenen Anbau an der Ostseite - die letzte Ausbaustufe des Gebäudekomplexes ist erreicht. Insgesamt ist das Gebäude nun um drei große Säle erweitert und beherbergt die Commerzdeputation (seit 1867 Handelskammer) und die Commerzbibliothek.

In der Börse (1960). Foto: SHMH/Horst Janke
In der Börse (1960). Foto: SHMH/Horst Janke
In der Börse (1960). Foto: SHMH/Horst Janke
In der Börse (1960). Foto: SHMH/Horst Janke

Das Ende der Börse als Forum der Stadt

Fast genau 100 Jahre nach der Katastrophe des Großen Brandes trifft während des Zweiten Weltkriegs im Sommer 1943 Hamburg ein weit umfassenderes Unglück: Die englischen und amerikanischen Bomberflotten bombardieren die Stadt und hinterlassen vor allem im Osten verheerende Zerstörung. Die Börse wird in ihrem Mittelbau und im Westflügel getroffen und zum Teil schwer beschädigt. Direkt nach der Währungsreform beginnt der Architekt Georg Wellhausen mit der Wiederherstellung des Gebäudes und fängt bei den Börsensälen an, wobei er nicht jedes Detail in den Vorkriegszustand zurückversetzt und auch moderne Elemente wie den Albert-Schäfer-Saal ergänzt. Zum 150. Geburtstag der Börse wird das Gebäude 1991 grundsaniert und bekommt in Anpassung an ein Corporate Design ein umfassendes Facelifting.

Zum 150. Geburtstag bekam die Hamburgische Börse 1991 ein umfassendes Facelifting. Die beim Wiederaufbau absichtlich nur in Ansätzen wieder hergestellten Ornamente wurden nicht nur rekonstruiert, sondern auch farblich differenziert. Foto: Handelskammer Hamburg
Zum 150. Geburtstag bekam die Hamburgische Börse 1991 ein umfassendes "Facelifting". Die beim Wiederaufbau absichtlich nur in Ansätzen wieder hergestellten Ornamente wurden nicht nur rekonstruiert, sondern auch farblich differenziert. Foto: Handelskammer Hamburg

Den größten Einschnitt in ihrer Geschichte erlebt die Hamburger Börse 2002 mit der weitgehenden Einstellung des Börsenhandels auf dem Parkett, denn der Handel wird nun vor allem im Internet geführt und nur vereinzelt treffen sich noch Börsenmakler für Verhandlungen von Angesicht zu Angesicht. Die Wertpapierbörse verlässt das Gebäude und bezieht Büroräume in der Nachbarschaft. Nach fast 500 Jahren Börsenhandel ist es in Hamburg, dem Ort der ältesten Börse Deutschlands, sehr ruhig geworden und die großen Börsenhallen stehen fast leer da. 2003 zieht die Handelskammer daraus Konsequenzen und schreibt einen Architektenwettbewerb um „ein Haus im Haus“ aus, das den westlichen Börsensaal füllen solle. Behnisch Architekten gehen damals siegreich daraus hervor und bringen in dem neuen Gebäudeteil mit eigener „Innenfassade“ ein Gründerzentrum, großzügige Ausstellungsflächen für Kunstausstellungen und eine Dauerausstellung zur Börsengeschichte unter, Teile des Saals kann aber auch die Commerzbibliothek nutzen. Außerdem gibt es ein Restaurant sowie Clubräume für die Mitglieder der Handelskammer Hamburg. 2007 wird das „Haus im Haus“ bezogen. Damit bleibt die Hamburger Börse der Treffpunkt der Hamburger Kaufleute, auch wenn sie nicht mehr das Handelsforum der Stadt ist. Diese Öffentlichkeit hat wie so vieles eine neue, virtuelle Realität bekommen.

In der Börse (1960). Foto Horst Janke/SHMH
In der Börse (1960). Foto Horst Janke/SHMH
Der Börsenhandel im Internet löste den öffentlichen Parketthandel 2002 weitgehend auf. Damit verlor die Stadt nach fast 500 Jahren ein wichtiges öffentliches Forum. Das 2007 neu errichtet Haus im Haus konnte diese Lücke mit seinen neuen Einrichtungen nur ansatzweise schließen.
Der Börsenhandel im Internet löste den öffentlichen Parketthandel 2002 weitgehend auf. Damit verlor die Stadt nach fast 500 Jahren ein wichtiges öffentliches Forum. Das 2007 neu errichtet Haus im Haus konnte diese Lücke mit seinen neuen Einrichtungen nur ansatzweise schließen.