Melbye - Maler des Meeres

Für seine Zeitgenossen in Europa war der dänische Künstler Anton Melbye (1818–1875) eine Berühmtheit. Dies verdankte er einzigartigen Seestücken: emotional aufgeladenen „Meereslandschaften“, die zwischen Naturalismus und Symbolismus oszillieren. Lichterfüllte Kohlezeichnungen zeigen den Maler des Meeres sogar als virtuosen Landschaftsmaler. Anton Melbyes Karriere führte quer durch Europa, geprägt von den wechselvollen deutsch-dänischen Beziehungen.

1839–1847

Kopenhagen – Absolute Naturtreue

Anton Melbye studierte von 1838 bis 1839 als Privatschüler bei Christoffer Wilhelm Eckersberg (1783–1853). Mit seiner sachlich-nüchternen Natur- und Kunstauffassung prägte Eckersberg ab 1818 eine neue „Kopenhagener Schule“. Der Akademieprofessor forderte ein intensives Naturstudium und führte seine Schüler zum Malen und Zeichnen in die freie Natur. Das Gesehene sollte jedoch nicht frei und spontan, sondern mathematisch erfasst und perspektivisch exakt dargestellt werden. Melbye zählte zu seinen begabtesten Schülern. Er folgte Eckersbergs Lehren, emanzipierte sich jedoch früh.

Anton Melbye, Dänische Ostseelandschaft, 1843
Anton Melbye, Dänische Ostseelandschaft, 1843 Öl auf Papier auf Leinwand, Hamburger Kunsthalle, Inv.-Nr. HK-5592

1838–1847

Gefühlvolle Naturwahrnehmung

Anton Melbye löste sich früh von der sachlichen Kunstauffassung seines Lehrers Christoffer Wilhelm Eckersberg (1783–1853). Er nahm romantische Impulse auf und entwickelte mit spontanen, lockeren Federzeichnungen einen intuitiven Naturzugang. National-liberale Bewegungen führten in Dänemark zur Abgrenzung von europäischen Kunstströmungen. Melbye geriet in Konflikt mit der bürgerlich-nationalen Kunstszene in Kopenhagen. Diese forderte eine spezifisch „dänische“ Kunst und kritisierte „fremde“, internationale Einflüsse in Melbyes Werken.

 

1848

Das Revolutionsjahr

Das Seegefecht bei Eckernförde galt den deutschen Zeitgenossen als Sensation.
Ausführlich wurde über die Explosion des dänischen Linienschiffs Christian VIII. nach der Kapitulation vor den deutschen Bundestruppen berichtet. Ihre Befehlshaber wurden zu Nationalhelden.

Im Zuge der Einführung einer Verfassung für den dänischen Gesamtstaat forderten dänische Nationalliberale 1848 eine verfassungsrechtliche Eingliederung Schleswigs, die Herzogtümer jedoch eine eigene Verfassung. Es kam zum Krieg zwischen dem Königreich Dänemark und dem Deutschen Bund, der mit dem Sieg der dänischen Krone endete.

Glänzender Sieg der Deutschen über die Dänen im Hafen von Eckernförde, um 1849
Glänzender Sieg der Deutschen über die Dänen im Hafen von Eckernförde, um 1849, Kriegsbilderbogen, Altonaer Museum, Inv.-Nr. 1908-300

1848 – Paris

Künstlerische Experimente

In Paris nahm Anton Melbye vielfältige künstlerische Strömungen auf. Befreit von den akademischen und nationalen Restriktionen seiner Heimat experimentierte er in der Kunstmetropole mit neuen Techniken und künstlerischen Ausdrucksweisen.

Ab 1849 folgte Melbye den Freilichtmalern an die Küste der Normandie. Sein Blick galt der zeitlosen Einheit von Mensch und Natur, nicht dem aufkommenden Badetourismus. In seinen Bildern einsamer Küsten oder der stetig bewegten See klingen symbolistische Züge an.

Anton Melbye, Ankernde Segler im Nebel, 1848, Öl auf Karton, Privatsammlung, Hamburg
Anton Melbye, Ankernde Segler im Nebel, 1848, Öl auf Karton, Privatsammlung, Hamburg
Anton Melbye, Mädchen am Strand, Paris 1849, Öl auf Leinwand, Leihgabe R.C. Reich
Anton Melbye, Mädchen am Strand, Paris 1849, Öl auf Leinwand, Leihgabe R.C. Reich
Anton Melbye, Meereseinsamkeit, 1852, Öl auf Leinwand, Hamburger Kunsthalle, Inv.-Nr. HK-1252
Anton Melbye, Meereseinsamkeit, 1852, Öl auf Leinwand, Hamburger Kunsthalle, Inv.-Nr. HK-1252

1853–1854

Am Bosporus – Im Rausch der Farben

Kurz vor Beginn des Krimkrieges (1853/54–1856) zwischen Russland, dem Osmanischen Reich und seinen Alliierten begleitete Anton Melbye die französische Marine ins östliche Mittelmeer. Ziel seiner Reise war das Studium der modernen Kriegsschiffe.

Stattdessen ließ sich der Künstler von der Exotik des Ortes, der üppigen Vegetation und dem intensiven Licht faszinieren. So entstanden Gemälde mit ausdrucksvollen Lichterscheinungen in expressiven Farben. Die Eindrücke der Reise führten den Maler des Meeres sogar zur Landschaftsmalerei.

Anton Melbye, Sonnenuntergang im Marmarameer vor Konstantinopel
Anton Melbye, Sonnenuntergang im Marmarameer vor Konstantinopel, im Vordergrund eine türkische Sacolare, 1856, Öl auf Leinwand, Privatsammlung, Hamburg
Anton Melbye, Landschaft bei Courcelles im Burgund, 1861
Anton Melbye, Landschaft bei Courcelles im Burgund, 1861, Kohle und Kreide, Sammlung ES, Hamburg

1852-1872

Virtuose Zeichnungen – Vom Meer zur Landschaft

Zeichnen war für Anton Melbye ein zentrales künstlerisches Ausdrucksmittel. Graphische Techniken beeinflussten seine Malweise, während die malerische Wirkung in den Zeichnungen zunahm.

In Frankreich hatte Melbye Kohle und Kreide entdeckt. Mit schwarzer Kohle, grauer und brauner Kreide entwickelte er eine virtuose Technik. Diese setzte er für Seestücke und zunehmend für Binnenlandschaften ein.

Kopenhagen, Hamburg, Altona – Stürme im Norden

Auf dem Höhepunkt seines Erfolges in Frankreich kehrte Anton Melbye 1858 nach Kopenhagen zurück. Die Konflikte mit den Anhängern der nationalromantischen Kunstströmung bestanden jedoch weiter. In Hamburg und Altona löste Melbye hingegen Begeisterungsstürme aus. 1860 nahm er seinen Wohnsitz an der Alster.

Großformatige, metaphorisch und emotional aufgeladene Seestücke, mit kräftigem Pinsel in dunklen Farben gemalt, kennzeichnen sein Werk der 1860er Jahre.

 

Anton Melbye, Ankunft des Lotsenbootes, 1867
Anton Melbye, Ankunft des Lotsenbootes, 1867, Öl auf Leinwand, Privatsammlung

An der Elbe

Seit seinem ersten Hamburg-Aufenthalt 1843 wanderte Anton Melbye immer wieder an der Elbe. Er ließ sich von den Naturerscheinungen und dem Schiffsverkehr auf dem Fluss anregen. Nicht die Sehenswürdigkeiten und Landmarken Hamburgs interessierten den Künstler, sondern die lebendige Betriebsamkeit an den Reeden der europäischen Hafenstädte. An der Elbe spürte Melbye den atmosphärischen Lichtstimmungen nach, die sich im Sturm und vor allem an windstillen Tagen darboten.

Auch seine Hochzeitsreise mit Alice Dupré (1830–1909) im Sommer 1857 verbrachte Melbye an der Alster und am Elbufer. Das Paar genoss die Naturschönheit der holsteinischen Flusslandschaft in Rainvilles Garten bei Altona, bei Neumühlen und Klein Flottbek.

1864

Der Deutsch-Dänische Krieg

Mit dem Ende der dänischen Herrschaft 1864 über die Herzogtümer lösten sich auch die engen wirtschaftlichen und künstlerischen Beziehungen zwischen Hamburg, Altona und Dänemark. Anton Melbye erlebte den Deutsch-Dänischen Krieg 1864 in Hamburg. In einem Gemälde der Seeschlacht vor Helgoland 1864, die beide Kriegsparteien als Sieg betrachteten, versuchte er, eine politisch neutrale Haltung einzunehmen.

Nach der Schleswig-Holsteinischen Erhebung (1848–1851) hielt der Konflikt um die verfassungsrechtliche Eingliederung von Schleswig, Holstein und Lauenburg an. Die dänische Novemberverfassung von 1863 sah die völlige Integration Schleswigs in den dänischen Gesamtstaat vor. 1864 kam es zum Krieg gegen den Deutschen Bund, den Dänemark verlor.

Anton Melbye, Bark in rauer See, 1851
Anton Melbye, Bark in rauer See, 1851, Öl auf Leinwand, Danish Shipowners' Association

 

In Hamburger Sammlerkreisen

Das „schönste und größte Bild und Melbye in Hamburg“ forderte der Kaufmann Abraham Philipp Schuldt (1807–1892) und holte Anton Melbye 1860 in die Hafenstadt. Bis 1871 hatte Melbye seinen Wohnsitz an der Binnenalster. Unter den wohlhabenden Kaufleuten, Bankiers, Reedern und Schiffbauern waren seine repräsentativen Seestücke mit internationalen Sujets begehrte Sammlerstücke.

In Hamburg richtete man Melbye 1872 und 1900 die ersten großen Einzelausstellungen aus.

Biografie

Daniel Herman Anton Melbye wurde am 13. Februar 1818 in Kopenhagen geboren.
Ab 1838 studierte Melbye in Kopenhagen bei C. W. Eckersberg.
1848 zog er nach Paris und fand dort zu einer eigenen Malweise, während einer Reise an den Bosporus 1853/54 zu intensiven Farben.
In Hamburg lebten seine passioniertesten Sammler. 1860 bis 1871 nahm Melbye hier seinen Wohnsitz.
Nach einem bewegten Leben in Dänemark, Hamburg und Frankreich starb der Künstler 1875 in Le Pecq bei Paris.

Bild

Das Altonaer Museum zeigte vom 20. September 2017 bis 04. Februar 2018 die Sonderausstellung "MELBYE – MALER DES MEERES".

Bild
Anton Melbye vor dem Gemälde „Der Orkan“, Fotografie, um 1866, Privatsammlung, Hamburg