Harvestehude

Vom Nonnenkloster zum Nobelviertel

Wo heute prächtige Bauten stehen, war einst Weideland: wie das feine Harvestehude entstand.

Von Ulrike Sparr

Wer auf der Westseite der Außenalster nach Norden wandert, kann zumindest an ruhigeren Tagen noch erahnen, welches Idyll Friedrich Hagedorn Mitte des 18. Jahrhundert vor Augen hatte, als er seine Verse schrieb. Das jenseits der damaligen Stadtbefestigung gelegene Weide- und Wiesenland, vor allem aber die seit dem Mittelalter angestaute Außenalster dienten den Hamburgern da bereits als Erholungsgebiet. Man veranstaltete Lustfahrten auf Kähnen und Segelschiffen, erging sich in Gärten und Wiesen und die wohlhabenden Familien der Stadt ließen sich Gartenhäuser bauen. Da es bei schönem Wetter schwerfiel, jeden Abend wieder zur Torsperre in die engen Mauern Hamburgs zurückzukehren, wurden daraus bald veritable Landhäuser, in denen die Honoratioren der Stadt mit ihren Familien ganze Sommer zubrachten. Und so wuchs Hamburg im 18. und 19. Jahrhundert langsam und prächtig über seine Grenzen hinaus, vom Rothenbaum über Harvestehude bis in das alte Dorf Eppendorf hinein.

Seit Aufhebung der Hamburger Torsperre entstanden Villen rund um die Außenalster.
Seit Aufhebung der Hamburger Torsperre entstanden Villen rund um die Außenalster.
Aus dem Harvestehuder Kloster ist das evangelische Johannisstift hervorgegangen.
Aus dem Harvestehuder Kloster ist das evangelische Johannisstift hervorgegangen.

Das Land, auf dem sich diese Entwicklung abspielte, gehörte ursprünglich zum Kloster Harvestehude. Die Zisterzienserinnen-Abtei wurde um 1245 im Dorf Herwardeshude am Pepermölenbek gegründet, gelegen an der westlichen Grenze des heutigen St. Pauli. Dort erinnert nur noch ein Straßenname an den verschwundenen Bach. Damals galt diese noch dünn besiedelte Gegend als unsicher und so zogen die Klosterfrauen schon 1295 an die Alster, in das Gebiet, wo heute noch Straßennamen wie Frauenthal, Abteistraße und Klostergarten an das fromme Haus erinnern. Sie behielten den Namen ihres Klosters bei und so entstand die Ortsbezeichnung Harvestehude. Die Nonnen begaben sich unter den Schutz des Hamburger Rats.

Im 14. Jahrhundert erwarben sie die umliegenden Ländereien von den Schauenburger Grafen und erweiterten diesen Besitz ständig. Er erstreckte sich vom Dammtor bis zum Ochsenzoll und umfasste auch Dörfer östlich der Alster, wie zum Beispiel Winterhude, und sogar weit entfernte Gebiete südlich der Elbe und im Raum des heutigen Altona. Die Lebensweise der Nonnen soll sich nicht immer sklavisch an den strengen Regeln des Zisterzienser-Ordens orientiert haben. Die frommen Frauen pflegten ihre geistlichen Pflichten, goutierten aber auch den Wohlstand aus den reichen Einnahmen des Klosters.

Hier gehet in gewölbten Lüften

Die Sonne recht gefällig auf

Und lachet den beblümten Triften

Und sieht mit Lust der Alster Lauf

Friedrich von Hagedorn

Ein „Muster keuscher Sinne"

Friedrich Hagedorn mag sich daran erinnert haben, dass dies in der Reformationszeit auf Kritik gestoßen war. Und vielleicht saß der Dichter, der den leiblichen Genüssen ebenfalls nicht abgeneigt gewesen sein soll, ja gerade im Garten des Wirtshauses, das an der Stelle des Klosters errichtet worden war, als er die leis‘ spöttelnden Verse dichtete: „Ihr edlen Johanniterinnen, Euch strömen Gut und Ehre zu; Ihr seid ein Muster keuscher Sinnen In Harvestehudens sichrer Ruh. Wie selten höret Ihr die Klagen Der buhlerischen Schmeichelei!  Euch drücken keine Landes-Plagen Kein Alp und keine Ketzerei.“

Die Nonnen hatten sich der Kritik des Reformators Johannes Bugenhagen widersetzt, der ihnen Anfang des 16. Jahrhunderts Heirat und Familienleben anempfahl. Der Streit endete 1530 abrupt mit dem Abriss des Klosters, verfügt vom Hamburger Rat. Der umfangreiche Besitz wurde in das Vermögen des ehemals dominikanischen Johannis-Klosters überführt. Dieses lag mitten in der Stadt, ungefähr da, wo heute das Hamburger Rathaus steht. Dort war es leichter gewesen, die Reformation durchzusetzen und die Mönche zu vertreiben. Danach wurde das Kloster zum evangelischen Stift erklärt und bot den letzten Nonnen aus Harvestehude eine Bleibe, soweit diese nicht in ihre Familien zurückgekehrt waren.

Johannis-Kloster (Johannis-Stift)

Das Johannis-Kloster war ein Kloster des Dominikanerordens. Es lag früher in der Innenstadt, ungefähr da, wo heute das Hamburger Rathaus steht. Als im Zuge der Reformation das Kloster Harvestehude aufgelöst und abgerissen wurde, erhielt es dessen Besitz und wurde zum evangelischen Stift umgewandelt. 1832 kam das Vermögen des Stiftes samt den Ländereien unter Hamburger Verwaltung. Heute liegt das Stift an der Heilwigstraße in Eppendorf.

 

1832 wurde das Vermögen des Johannis-Stifts und damit auch die dazugehörigen Landgebiete, der Hamburger Verwaltung direkt unterstellt. Harvestehude kam unter die Landherrenschaft der Geestlande. Nach der endgültigen Aufhebung der Torsperre 1861 wurde Harvestehude zu einem attraktiven Stadterweiterungsgebiet. Die bereits vorhandenen Landhäuser und Villen gaben den Takt vor, als 1866 ein Konsortium das Klosterland für vier Millionen Mark Banco kaufte und großzügig schachbrettartig parzellierte. An den Verkauf war ausdrücklich die Bedingung geknüpft worden, bei der Bebauung keine kleinen Wohnungen, Handwerksbetriebe, Fabriken oder Gastwirtschaften zuzulassen. Stattdessen entstanden weitere Villen – sogenannte „Stadthäuser“, zum Beispiel an der Hochallee – und großbürgerliche Etagenhäuser, zum Beispiel am Jungfrauental und in der Isestraße. Aber auch Kirchen und Schulen wurden gebaut, neue Straßen und der Innocentiapark angelegt. Erst seit 1962, als die in der Innenstadt von Bomben zerstörte Hauptkirche St. Nicolai am nördlichen Ende des Harvestehuder Wegs neu errichtet worden war, gibt es wieder eine kirchliche Nutzung am Rande des ehemaligen Klosterlandes. (Die 1882 geweihte Kirche „St. Johannis in Harvestehude“ liegt im Stadtteil Rotherbaum.)

Vom Haus ein toller Blick auf die Alster – und von der Alster auf die Villen und Gärten am Ufer.

Prächtige Jugendstil-Fassaden

Harvestehude war zum bevorzugten Wohngebiet für wohlhabende Hamburger geworden. Die fünf- bis sechsgeschossigen Wohnhäuser, die im späten 19. oder frühen 20. Jahrhundert entstanden, boten den für damalige Zeiten erstaunlichsten Luxus und modernsten technischen Komfort: Aufwändig verzierte Jugendstil-Fassaden und Treppenhäuser, Dienstboten-Aufgänge, Aufzüge, Wohnungen mit bis zu 10 Zimmern und selbstverständlich Zentralheizung, Bäder und Toiletten mit Wasserspülung. Ähnlich wie im angrenzenden Stadtteil Rotherbaum, hatten sich hier auch zahlreiche jüdische Familien angesiedelt. Während der Nazizeit setzten Deportation und Mord dem bis dahin weitgehend reibungslosen Zusammenleben ein Ende. Inzwischen erinnern viele „Stolpersteine“ vor den Häusern an die Namen derjenigen, die nach dem Plan der Verfolger aus dem Gedächtnis der Stadt getilgt werden sollten.

Die gründerzeitliche Bebauung bestimmt das Bild des Stadtteils bis heute. Von den Bombenschäden des Zweiten Weltkrieges blieb der Bereich zwischen Außenalster und Innocentiapark weitgehend verschont und mittlerweile stehen dort ganze Straßenzüge unter Milieu- und Denkmalschutz. Die Häuser sind seit eh und je gepflegt und im Innern zumeist vorsichtig modernisiert worden, sodass diese Straßenzüge immer noch zu den bevorzugten Wohngebieten Hamburgs gehören.

Bild
Gut erhalten und liebevoll gepflegt: die prächtigen Portale großbürgerlicher Wohnhäuser.
Das Alstervorland am Harvestehuder Weg war im 19. Jahrhundert ebenfalls privatisiert worden. Nach dem Zweiten Weltkrieg verwilderte es zusehends. Senat und Bürgerschaft rangen sich 1951 zu einem bemerkenswerten Schritt durch, als sie beschlossen, das Gelände zu enteignen und dort im Zuge der Anlage des Alsterwanderwegs den öffentlichen Alsterpark einzurichten. Er wurde zur Internationalen Gartenschau 1953 eröffnet und ist bis heute ein Magnet für erholungssuchende Großstadtmenschen.
Gut erhalten und liebevoll gepflegt: die prächtigen Portale großbürgerlicher Wohnhäuser.

Weiter nach Westen, zwischen Oberstraße und Grindelberg, hatte es schwere Zerstörungen durch die Bombenangriffe gegeben. Hier wollte die britische Besatzungsmacht 1946 ihr neues Hauptquartier und die dazu gehörigen Offizierswohnungen errichten. Mit Gründung der englisch-amerikanischen „Bi-Zone“ Anfang 1947 wurde das Hauptquartier jedoch nach Frankfurt verlegt. Die Fundamente für die „Grindelhochhäuser“ waren da bereits gegossen. Ab 1950 entstand darauf unter Leitung der städtischen Wohnungsbaugesellschaft SAGA die erste moderne Hochhaussiedlung im Nachkriegs-Deutschland. Und löste ob der ungewohnten Dimensionen der Gebäude Proteste aus. Mittlerweile gilt die Siedlung als eines der herausragenden Beispiele für städtisches Bauen der Moderne. In einem der Grindelhochhäuser ist das Bezirksamt Eimsbüttel untergebracht, das täglich von vielen hundert Menschen aufgesucht wird. Und ganz oben, im 12. Stock des Gebäudes, tagt die Bezirksversammlung und entscheidet über die Geschicke des Bezirks mit seinen mehr als 250.000 Einwohnern. Das Gebiet jenseits des Grindelbergs, zwischen der Straße Beim Schlump und dem Isekanal, wurde erst in den 1920er Jahren bebaut. Die roten Backstein- und Klinkerfassaden der Schumacher-Zeit bestimmen hier das Bild. An der Bogenstraße wurden ebenfalls in den 1920er Jahren mehrere große Schulbauten errichtet, um die Kinder aus den umliegenden neuen Stadtteilen aufzunehmen.

Das „hanseatische“ Lebensgefühl

Harvestehude hat seinen Charakter als Wohngebiet für gut Betuchte erhalten. Es gibt wenig Gewerbe und selbst die Einkaufsmöglichkeiten für die 16.400 Bewohnerinnen und Bewohner sind auf relativ wenige und meist kleine Läden beschränkt. Am Eppendorfer Baum findet sich eine quirlige kleine Einkaufsmeile, die sich jenseits des Isekanals, auf Eppendorfer Gebiet, fortsetzt. Und natürlich bietet der Isemarkt unter dem Hochbahn-Viadukt jeden Dienstag und Freitag ein überwältigendes Angebot an Lebensmitteln aller Art, aber auch Kleidung und sogar Hausrat werden auf Ständern und Verkaufstischen ausgebreitet. Ein Streifzug durch diesen Stadtteil lohnt sich allemal: Architektur, Straßenbild und Alsterpark geben einen Einblick in dieses ganz spezielle „hanseatische“ Lebensgefühl, das bei aller protestantischen Strenge und Reserviertheit doch das „gute Leben“ zu schätzen weiß.

Schon seit Jahrzehnten versorgt der Isemarkt die Menschen in Harvestehude mit Lebensmitteln, Kleidung und Haushaltsbedarf.
Schon seit Jahrzehnten versorgt der Isemarkt die Menschen in Harvestehude mit Lebensmitteln, Kleidung und Haushaltsbedarf.