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Hall of fame

Sie haben richtig viel gesehen: Industrialisierung, Revolution, Ruin, Konsum, Kultur – und Abertausende Filme. Die Zeisehallen in Altona sind das vielleicht am meisten neu gedachte Gebäude der Stadt

Von Jenny V. Wirschky

Ein Jahr. Es fehlte nur ein verflixtes Jahr bis die 100 voll gewesen wäre. Doch 1979 ist alles aus und vorbei: Die Mutter der norddeutschen Schiffsschraube muss Konkurs anmelden. Dem westdeutschen Schiffbau geht es so miserabel, dass er ganze Großunternehmen mit in den Abgrund zieht. Egal, ob die Supertanker und Kreuzfahrtschiffe weiterhin mit Zeise-Antrieb auf den Weltmeeren unterwegs sein würden, hier ist Schluss. Das Fabrikgebäude in Ottensen versucht noch einige Zeit mühevoll, das Ende seiner Ära zu überspielen, doch trotzen kann es seinem Zenit auch mit dem heute noch geliebten Backsteincharme nicht. Der Komplex verfällt daraufhin im Dunst der Geschichte und bis in die 80er hinein weiß in der Hansestadt dann niemand so recht, was mit dem Relikt des Hamburger Stahlunternehmens anno 1882 geschehen soll. 

Die Anfänge

Dabei hatte die Geschichte einen so guten Start hingelegt: Schon seit Urgroßvater Heinrich Zeise blickt die Familie auf eine erfolgreiche Dynastie. Der lebte von 1718 bis 1794 und war damals Pastor der Heiligengeistkirche. Sein Enkel, ebenfalls Heinrich, war Apotheker und Erfinder der sogenannten Gulaschkanone. Nicht von ungefähr: Im Kontext seines Vereins zur Bespeisung der Bedürftigen und Armen Altonas ergänzt er den wirtschaftlichen Erfolg seiner Familie durch eine menschenfreundliche Komponente. Die von ihm geschaffene Badeanstalt (heute unter Frey&Lau bekannt) übernimmt wiederum dessen Sohn Heinrich (sehr einfallsreiche Namensgebung – so war es damals), der seinerseits die Geschichte der Hamburger Sippe um einen wesentlichen Faktor erweitert: Er übersetzt Lyrik ins Deutsche. Mit seinem Sohn Theodor Zeise (1826–1890) beginnt die eigentliche Geschichte, denn er ist es, der schließlich die Propeller-Fabrik in der Friedensallee gründet. Doch der Reihe nach.

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Nach seiner Rückkehr aus der Armee übernimmt Theodor Zeise 1868 erst mal die Geschäftsführung der Gießerei Lange & Zeise in Altona und macht daraus wenig später das Unternehmen Theodor Zeise. Kein Wunder, gehen die Kenntnisse von Theodor Zeise doch auf eine perfekte Laufbahn zurück: Von 1834 bis 1842 lernt er an der Altonaer Privatschule von Michael Andresen, um direkt danach eine vierjährige Ausbildung im Maschinenbau bei Schweffel & Howaldt in Kiel zu absolvieren. Im direkten Anschluss nimmt er sein Studium an der Polytechnischen Schule Hannover auf. 1848 meldete er sich freiwillig für die Schleswig-Holsteinische Armee. Im Folgejahr erhielt er Urlaub, um in seinem Ausbildungsbetrieb das Kanonenboot „Von der Tann“ mitzubauen. 

Das 100-Tonnen-Dampfkanonenboot mit Dreimastschonertakelung beginnt am 5. Februar 1849 unter deutscher Flagge seinen Dienst und ist damit eines der ersten Kanonenboote der Welt, das von Schiffsschrauben angetrieben wird. Nach Ende des Krieges übernimmt die dänische Marine den Giganten, tauft ihn auf den Namen „Støren“ und sticht von 1853 bis 1860 mit ihm in See. Erst dann wird die „Von der Tann“ außer Dienst gestellt und samt ihrer archimedischen Schraube abgewrackt. Dieser Propellerantrieb­ war das erste Objekt in Theodor Zeises Karriere – und wie das Erfolgsgeschichten so an sich haben, sollen etliche folgen. In den Zeisehallen. 

Theodor Zeise am Schreibtisch in den 1840er Jahren. Foto: SHMH
Bis in die späten 1970er Jahre wurden in den Zeisehallen Schiffsschrauben für die ganze Welt produziert. Foto: SHMH

Die Genesis einer Fabrik

Das Werk entsteht in Ottensen, wo lange Zeit, bis in die 1960er Jahre, das Zentrum maritimer Metallindustrie liegt. Schließlich haben die Zulieferbetriebe hier, im Herzen Altonas, ihre Produktion für Werften und Schiffbau. Zeise wird sie alle überholen. Nachdem er seine Fabrik aufgezogen hat, konzentriert er sich weiterhin auf Gussprodukte für den Schiffbau, vor allem auf die ganz großen Schiffsschrauben mit einem Gewicht von mehr als 10.000 Kilogramm. Und nur zwei Jahrzehnte später trägt Sohn Alfred Zeise seinen eigenen Zenit für das Unternehmen bei: 1886 erfindet der Ingenieur die legendäre Zeise-Schraube. Mit dieser Erfindung erleben die Frachter, Flotten und Fähren von nun an einen neuen Standard der Schifffahrt, made in Germany. Genauso sehen die Hallen auch aus: rastlos, archaisch, imposant. Damals wie heute. 

Bildergalerie: Schraubenproduktion made by Zeise

Umnutzungspläne

Ende der 70er ist es aber erst mal vorbei mit Ruhm und Prestige. Im Zuge allgemeiner wirtschaftlicher Befindlichkeiten geht das Unternehmen den Bach runter und die Fabrik gerät in Vergessenheit. Hätte man sich doch nur hineingewagt, in diese Hallen und einen ernsten Blick über die Eisenträger, die Gießerei, den historischen Schornstein gewagt. Den Kreativen wären sicher etliche Ideen über die Lippen gehuscht. Aber ihre Zeit ist lange einfach noch nicht reif. Erst 1985 beginnt die vollständige Sanierung des Gebäudekomplexes durch das Büro Medium-Architekten. Ganze acht Jahre dauert der Umbau – Zeit genug für die alternativen Ideen, sich zu entwickeln. Und noch mehr: Erst die Neudefinition der Zeisehallen hat die Altonaer ­Szenequartiere en gros vorangetrieben, die dem Bezirk ­heute sein typisches Gesicht verleihen. Den historischen Hallen hat man ihre Original-Architektur weitgehend gelassen. 

Die Umnutzung glückte. 20 Jahre lang. Von 1993 bis 2013. Denn nachdem das Restaurant und das Institut für Film und Theater aus der Nordhalle ausziehen, steht zumindest der von F. Beyerstadt gebaute Fabrikteil wieder leer. Der südliche Teil aber, der damals in eine Passage mit Geschäften, Lichtspielhaus und Büros umgewandelt wird, bleibt ein Dauerbrenner. Laut dem Vermieter Procom Invest ist dort neben Programmkino, Gastronomie, Einzelhandel inzwischen auch ein Wohngebäude mit 23 Wohnungen auf 1.600 Quadratmetern beheimatet. All das gibt dem Quartier einen über alle Milieugrenzen hinaus relevanten Mittelpunkt.

Die Zeisehallen gestern und heute

Ideale und Visionen

Inzwischen ist das ehemalige Fabrikgebäude eine unumstößliche Institution, ein Altonaer Urgestein mit einem unauslöschlichen Relikt von Spontaneität. Denn nach all den Jahren ist eines sicher: sicher ist nichts. Außer, dass die Hallen stehen, um immer wieder neuen Innovationen einen Platz zu geben. Damit trotz des hanseatischen Erfindergeistes immer auch das Ursprüngliche tangiert bleibt, haben sich die Architekten ganz bewusst in Übereinkunft mit den Denkmalschützern dazu entschlossen, die Historie der einstigen Produktionshalle konsequent in die Neunutzung mitaufzunehmen: Im Innern erzeugen Rohbeton, die ursprünglichen Stahlträger mit ihren gigantischen Schrauben und im Boden eingelassene Gussformen aus den alten Tagen der Schiffsschraubenproduktion die Atmosphäre – ganz egal, ob beim Tapas-Dinner im Restaurant, beim Filmbesuch im Kino oder beim Einkaufen im Rewe-Markt. Dafür hat der Vermieter der Zeisehallen viereinhalb Millionen Euro aufgewendet, denn die Ideale sind hoch gesetzt, seit ein ganz bestimmtes Bauprojekt jüngster Vergangenheit cum laude bestanden hat: die denkmalgeschützte Rindermarkthalle nahe der Feldstraße. Für das historische Gebäude entwickelten Politik und Wirtschaft ein Konzept, das nicht nur den Anforderungen eines so wandelbaren Stadtteils wie Altona entsprechen, sondern auch dessen Diversität in all seinen Facetten aufnehmen sollte. Dass damit nicht alle Hamburger d’accord waren und sind, haben die Zeisehallen mit der Rindermarkthalle gemeinsam. Hier gibt es keine allgemeingültige Quintessenz, nur fortschrittliche Debatte oder reaktionären Diskurs. Es gibt immer Menschen, die gegen Neuerungen sind. Und es gibt eine Politik und eine Wirtschaft, die die Menschen als Bürger eher selten in die städteplanerischen Überlegungen involvieren, noch seltener werden sie nach ihrer Meinung zu den anstehenden Baumaßen gefragt. Und dennoch: Die „neuen“ Zeisehallen gehören zu Altona. Allen Protesten zum Trotz. Sie sind ein Paradebeispiel für die Überzeugungskraft hanseatischer Diplomatie. Denn mit dem ehrlichen Willen nach einem funktionierenden Miteinander lässt sich am Ende vermutlich auch der beharrlichste Traditionalist überzeugen.