Gummiproduktion in Hamburg

Hamburg und die "Tränen der Bäume"

Das große Geschäft mit dem Kautschuk: Erst als der Amerikaner Charles Goodyear die Vulkanisation erfand, konnte der Saft der südamerikanischen Latexpflanzen industriell genutzt werden. Eine Erfolgsgeschichte.

VON DR. JÜRGEN BÖNIG

Die Latexmilch wird unter hohem Druck erhitzt

Autoreifen, Gummistiefel, Radiergummis – der Rohstoff Kautschuk hat in Hamburgs Industriegeschichte eine große Rolle gespielt, da aus dem daraus entstehenden Gummi neue Produkte hergestellt werden konnten, die wasserfest, chemikalienbeständig und gegenüber Strom isolierend waren und die je nach der Menge des zugesetzten Schwefels durch Vulkanisation hart und widerstandsfähig oder verformbar und elastisch wurden. Der aus Südamerika stammende, von den dortigen Bewohnern als elastisches und wasserfestes Material benutzte Saft der Latexpflanzen wurde in Amerika und Europa erst verwendungsfähig, als Charles Goodyear die Methode der Vulkanisation erfand. 

 

Die Umwandlung der „Tränen des Baumes“, wie der Kautschuk im Indianischen heißt, erfolgte dadurch, dass die geronnene Latexmilch, unter Zugabe von Schwefel bei Hitze und Druck „gekocht“ und auf diese Weise zu Hart- oder Weichgummi wurde, der nicht mehr klebrig war und seine ursprüngliche Form behielt. Die Verarbeitung des Kautschuks zu Produkten aus Hart- oder Weichgummi erforderte viel Handarbeit bei der Mischung, Bearbeitung und Ausformung der Kautschukmassen, der Vulkanisation und der erforderlichen Nachbearbeitung. Erst nach und nach wurden in wissenschaftlichen Entwicklungs- und Prüflaboren der ersten Verarbeitungsbetriebe Rezepturen entwickelt, die die Umwandlung für Produkte mit neuen Eigenschaften steuerten.

 

Klischee. Foto: New-York Hamburger Gummi-Waaren Compagnie
Klischee. Foto: New-York Hamburger Gummi-Waaren Compagnie
Die Werbeabbildung von 1880 auf dem Depotkasten der Harburger Gummi-Kamm Co. verklärt das Sammeln und Verarbeiten des Kautschuk im Urwald zu einer Idylle der edlen Wilden. Stattdessen zapften die Arbeiter im Urwald in einem mühseligen Prozess die Latexmilch und räucherten sie zu Kautschukklumpen, die dann nach Europa verschifft und dort weiterverarbeitet wurden.
New York Hamburger Gummi-Waaren Compagnie

New York Hamburger Gummi-Waaren Compagnie ist ein Unternehmen, das auf die Herstellung von Hart- und Weichgummiteilen spezialisiert ist. Sie wurde 1871 als Aktiengesellschaft gegründet und war ab 1873 in Barmbek beheimatet. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts zählte das Unternehmen mit mehr als 1.000 Beschäftigten zu den größten Industriebetrieben in Hamburg. Mittlerweile ist es mit seiner Produktion nach Lüneburg umgezogen. Das alte Fabrikgebäude in Barmbek beherbergt jetzt das Museum der Arbeit.

 

 

Harburger Gummi-Kamm Gelände fiktiv aus der Luft um 1890, Zeichnung; Traun & Söhne
Gruppenaufnahme vor dem Gebäude der Harburger Gummi-Kamm Co., 1856-1883. Foto: New-York Hamburger Gummi-Waaren Compagnie
NYH-Werk, Bambek Panoramausschnitt (Mitte) von Poppenhusenstraße nach OSO, 1930er. Foto: New-York Hamburger Gummi-Waaren Compagnie
Kriegsschäden, nach 1943. Foto: New-York Hamburger Gummi-Waaren Compagnie

Die Entdeckung von H. C. Meyer jr.

Die erste Hartgummi-Fabrik des Kontinents nach Erfindung der Vulkanisation entstand in Harburg als Ausgründung der Firma H.C. Meyer jr., die sich mit der Verarbeitung von Rattan, Fischbein und Elfenbein beschäftigt hatte. In den USA wurde die Firma auf die neue homogene Substanz aufmerksam und erwarb Anfang der 1850er Jahre die Fertigungsrechte von Goodyear. Eine zweite Ausgründung leitender Mitarbeiter dieser Firma war die 1871 als Aktiengesellschaft entstandene New York Hamburger Gummi-Waaren Compagnie NYH, die 1873 in Barmbek in dörflicher Umgebung jenseits der Zollgrenze ins Deutsche Reich ihre Fabrikation aufnahm. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts zählte das Unternehmen mit mehr als 1000 Beschäftigten zu den größten Industriebetrieben in Hamburg.

Porträt von Charles Goodyear
(1800-1860)

Bild

 

 

Die Harburger Gummi-Kamm Compagnie bewarb die Qualität ihrer Erzeugnisse durch einen Mann, der mit dem Hartgummi-Kamm Holz durchsägt – das Material, aus dem bis dahin die meisten Kämme bestanden. Der Mann mit der Säge trägt die Züge des damaligen britischen Premierministers William E. Gladstone (1809-1898) nach einer Karikatur der englischen Zeitschrift „Punch“, die dessen Hobby, das Holzsägen, nutzte.

 

Die Weltwirtschaftskrise und die Folgen

Die Phoenix-Werke in Harburg, in einem komplexen Prozess aus verschiedenen Firmen seit 1856 hervorgegangen, widmeten sich vorwiegend der Produktion von Weichgummi, der als elastischer Auftrag auf Gewebe für Reifen, Schläuche, Ballons und Schuhe als wasserdichte Hülle dienen konnte. Das Geflecht der in Hamburg und Harburg tätigen Firmen, die Kautschuk und Gummi verhandelten, im- und exportierten, bearbeiteten bzw. Geräte, Maschinen und Roh- und Hilfsstoffe zur Verfügung stellten, konzentrierte sich im Zuge der weltwirtschaftlichen Krisen, die die Kautschukbranche vor allem über den Preis für den Rohstoff trafen, mehr und mehr. Nach dem Aufgehen der Phoenix AG in die Continental in Hannover und der Verlagerung der Fertigung der New York Hamburger von Harburg nach Lüneburg, wo weiterhin Kämme für das Friseurhandwerk hergestellt werden, gibt es heute kaum noch großbetriebliche Gummi-Verarbeitung in Hamburg, auch wenn die Handelsfirmen und die Zulieferindustrie weiter eine bedeutende Rolle spielen.

Zurück blieben Produktions- und Verwaltungsbauten der Fertigungsfirmen, die ganze Stadtteile prägten: In Barmbek die Gebäude, in denen heute das Museum der Arbeit untergebracht ist, in Harburg die Werkshallen der New York Hamburger, die als ein Eco-Büro-Zentrum genutzt werden sollen und Betriebsteile der Phoenix Werke, in deren Hallen heute neben einem Einkaufszentrum auch eine Ausstellungshalle untergebracht ist, in der die GEGENWARTSKUNST des Sammlers Harald Falckenberg gezeigt wird.

Turnschuhe waren neben Gummistiefeln ein markanter Artikel der 1856 gegründeten Phoenix Werke in Harburg. Aus kautschukgetränktem Leinen hergestellt, waren sie wasserfester und elastischer als lederne Schuhe.
Die Elastizität des Gummis führt ein Arbeiter der Phoenix Werke in Harburg an einem großen Fahrzeugreifen vor.