Die Zeise

Die Buddenbrocks von Altona

Die Zeisehallen an der Bergiusstraße in den 1970er Jahren.

 

Sie waren Seelsorger, Apotheker, Pioniere im Schiffbau und haben Altona entscheidend mitgeprägt: Die Zeise-Familie.

Von Anne Mahn

 

Die Geschichte der Familie Zeise bietet Stoff für einen großen Familienroman: Da gab es im 18. Jahrhundert wortgewaltige Pastoren, großherzige Wohltäter, verhinderte, aber auch erfolgreich veröffentlichte Dichter, Apotheker und Fabrikanten von Duftölen. Vor allem in Erinnerung geblieben sind die Zeises aber durch die bahnbrechenden Erfindungen in der Schiffspropeller-Herstellung. Ein findungsreicher Journalist nannte die Zeises deshalb einmal folgerichtig die „Buddenbrooks von Altona“. Nur der Untertitel „Verfall einer Familie“, den Thomas Mann für die Schilderung seiner Lübecker Kaufmannsfamilie im Roman wählte, ist für die Zeises nicht zutreffend.

Ein Propeller für „Tina Onassis“

Theodor Zeise, der als Stammvater der Altonaer Metallfamilie mit seinen merkantilen und wissenschaftlichen Talenten auffiel, gründete 1868 in Altona die Theodor Zeise GmbH & Co. zunächst als Metallgießerei für alle möglichen Produkte, u.a. gusseiserne Tannenbaumständer und Roste. Später dann spezialisierte er sich auf den Guss von Schiffspropellern, wie die in ihrer Größe beeindruckenden Antriebsschrauben genannt werden. Der berühmteste Propeller, der dort gegossen wurde, war sicher der für den Supertanker „Tina Onassis“. Dessen 6,9 Meter Durchmesser mussten 1953 durch die Straßen des Viertels auf einem Tieflader mit viel Fingerspitzengefühl um enge Kurven manövriert werden. Zur Schiffstaufe mit dem berühmten Reeder kamen tausende Besucher.

In den 1960er Jahren wurden von der Firma Zeise Pionierleistungen vollbracht, etwa für die sogenannten Ro/Ro-Schiffe, die im Fährbetrieb durch bloßes Umschalten der Schubrichtung problemlos an und ablegen können. Zeise war – und das mitten im auch damals schon dicht besiedelten Stadtteil Altona-Ottensen – die größte deutsche Schiffspropellerfabrik und durch seine Konstrukteure Hans Brehme und Klaus Meyne weltweit führend.
Peter Theodor Zeise, kaufmännischer Direktor, posiert an seinem Schreibtisch, um 1920.
In seiner Größe wirklich beeindruckend: Ein Zeise-Schiffspropeller am Kran, um 1960.

Ab 1975 geriet die Firma Zeise in wirtschaftliche Schwierigkeiten und arbeitete nach Aussage ehemaliger Zeisianer „n büsschen zu genau“. Das Unternehmen wurde zwar von dem kleineren Lübecker Konkurrenten „Schaffran Lehne & Co“ übernommen, hatte aber in der Schiffbaukrise 1977/78 wieder Probleme. Der Hamburger Senat engagierte sich für den Erhalt, konnte die Firma und die Arbeitsplätze jedoch nicht retten. Das Unternehmen Zeise musste im 111. Jahr seines Bestehens Konkurs anmelden, die bis heute in Ottensen bekannten Zeisehallen lagen lange brach. Durch das Engagement der Anwohner wurden sie unter Schutz gestellt, denkmalgerecht ausgebaut und saniert, so dass ab 1993 eine „Medienfabrik“ darin entstehen konnte. Unter den ersten, die den Charme der Fabrikhallen erkannten, waren die Betreiber des Restaurants „Eisenstein“: 1988 noch als Gentrifizierer beschimpft, gehören sie heute eher zu denen, die als „echte“ Altonaer empfunden werden. Die langgestreckte Werkhalle wurde zur Passage umgebaut, an deren Enden je ein mächtiger Schornstein durch die Decke ragt. Nach dem Auszug der Theaterakademie 2013 steht ein Teil der Halle leer – mit Einbauten für Büroräume und einer der Gussgruben unter Glas. Man darf gespannt sein, wie der Einzug der Werbe-Agentur Scholz & Friends mit ihren vielen Mitarbeitern im benachbarten Neubau das prosperierende Ottensen beeinflussen wird.

Arnold (Sohn Alfred Zeises) war im Vertrieb der Schaffran Propeller-Gesellschaft in Lübeck tätig, hier 1970 mit Frau Hanna

Predigten auf Platt

Vor der „metallenen Zeit“ hatte die Familie Zeise mit dem Pastor der Heilig-Geist-Kapelle an der Altonaer Königstraße einen wortgewaltigen Prediger, den Seelsorger Heinrich Zeise den Ersten (1718 - 1794). Seine Predigten hielt er im volkstümlichen Ton und auf Platt, um seine Gemeinde zu erreichen. Die 900 Plätze der Kirche sollen immer voll belegt gewesen sein. Sein Sohn, Peter Theodor Zeise (1757 - 1812), dessen Wahlspruch „Thaten sind Saaten“ sich auf einem Gedenkstein am Standort der Kirche findet, gründete 1799 zusammen mit anderen Bürgern das „Altonaische Unterstützungs-Institut“. Mit einer Sparkasse in seinem Wohnhaus in der Palmaille 100 legte er den Grundstein zur größten Sparkasse der Provinz Schleswig-Holstein. Mit seiner Peter-Theodor-Zeise-Stiftung schuf er eine bis heute bestehende Institution für Hilfsbedürftige. Als Ausnahme galt dem Stifter nur das Theater, denn dieses richte, „besonders unter den jungen Leuten und den niederen Ständen, vorzüglich des weiblichen Geschlechts, weit mehr Schaden als Nutzen“ an. Gut, dass er den Vorsitz seiner Urur-Nichte Olga Zeise (1864 - 1945) im Altonaer Stadttheater nicht mehr miterleben musste.

Altonaisches Unterstützungs-Institut

Das Altonaische Unterstützungs-Institut war eine Sparkasse. Sie wurde 1799 von Peter Theodor Zeise  (1757-1812) und anderen Bürgern in dessen Wohnhaus in der Palmaille 100 gegründet.

Erfolgreich im „Drogenhandel”

Ein Enkel des Pastors Heinrich Zeise setzte mit seiner Laufbahn vom Apotheker zum Fabrikinhaber den ersten Akzent für die Nutzung neuer Technologien, nämlich ab 1844 in seiner „Dampf-Fabrik ätherischer Öle und Pulverisier-Anstalt für medicinische Droguen“. Heinrich Zeise der Zweite (1793 - 1863) stellte mit Dampfkraft pharmazeutische Extrakte wie Chinin und Öle aus exotischen Früchten sowie verschiedene Sorten Gewürze her. Nach dem großen Hamburger Brand von 1842 sorgte Heinrich Zeise dafür, dass die Speiseanstalt mit der von ihm eingerichteten Dampfküche Verpflegung für die Ausgebrannten lieferte. Später entstand eine Dampf-Feldküche, die zuerst 1850 in Rendsburg zur Soldatenspeisung eingeführt wurde.

Filmaufnahme von Peter Theodor Zeise, bis zum Tode 1950 der letzte Zeise in der Fabrik, mit Frau Franziska in Wiesbaden, 1930.

Der letzte Fabrikant

Der Sohn des zweiten Heinrich, Theodor Zeise (1826 - 1890), war der Gründer der Fabrik an der Friedensallee. Seine Kinder Martha, Oskar, der Geologe, Alfred, Olga, die Pianistin, und Peter Theodor Zeise, der letzte Fabrikant, umgeben ihn und seine Frau Bertha auf einem Familienbildnis des Fotostudios Emilie Bieber. 1865 konnte Theodor Zeise mit seinen Erträgen eine besondere Eisengießerei-Halle ausbauen. Beim Richtfest wurde der humorvolle Spruch aufgesagt:

 

„Wir gießen, was sich gießen läßt, Und halten an dem Wahlspruch fest, Gleich Turnern, fröhlich, frisch und frei: »Gar herrlich ist die Gießerei«“

 

Dass die Geschichte der Zeises bis heute fast lückenlos dokumentiert ist, verdankt sich einer Reihe glücklicher Umstände: Zum einen gab die Familie viele ihrer Unterlagen schon im Gründungsjahr 1901 ans Altonaer Museum und dessen früherer Direktor Gerhard Kaufmann konnte 1979 große Teil des Firmennachlasses vor dem Verschwinden bewahren. Ein weiterer glücklicher Umstand war die Heirat von Ulli Zeise mit dem temperamentvollen Uwe Kai, der zum 85. Geburtstag seiner Gattin deren Familiengeschichte aufarbeiten ließ. Diesem gedanklichen und finanziellen Anstoß folgten ein Buch, eine Ausstellung 2008 sowie ein fester Platz in der 350-Jahre-AltonaAusstellung im Altonaer Museum.

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