Die Laeisz

Die Jahrhundert Familie

Legendäre Großsegler, beste Hamburgische Kaufmannschaft, soziales und kulturelles Engagement: Kaum eine andere Familie hat Hamburg so stark mitgeprägt wie der Laeisz-Clan.

Von Annkathrin Behn

Es war Johann Hartwig Laeisz, der Mitte des 18. Jahrhunderts, vermutlich aus Schwaben, nach Hamburg gekommen war und dadurch den Aufstieg der Familie in und dank der Hansestadt ermöglichte.

Hier angekommen arbeitete er anfangs als Zimmerpolier, später betrieb er ein Geschäft für Kolonialwaren, heiratete 1791 Catharina Maria Greve (1769-1840) und wurde im Laufe der Jahre Vater von zehn Kindern. Während einer seiner Söhne, Anton Bernhard (1793-1837), eine Buchhandlung gründete, wurde ein zweiter, Carl Martin (1803-1864), ein produktiver Maler und Zeichner, der mit Vorliebe Landschaftsbilder und Stadtansichten, auch von seiner Heimatstadt, schaffte. Viele davon werden heute im Hamburg Museum aufbewahrt.

Der wirtschaftliche Erfolg der Familie Laeisz geht allerdings auf Anton Bernhards und Carl Martins Bruder Ferdinand (1801-1887) zurück, der sich nach einer Buchbinderlehre und einer ausgedehnten Reisezeit zunächst als Hutmachermeister einen Namen in Hamburg machte. 1824 gründete er die Firma F. Laeisz, die erfolgreich damals hochmoderne Zylinderhüte ins In- und Ausland, vorrangig nach Lateinamerika, verkaufte. Das prosperierende Geschäft ermöglichte ihm recht bald eine Erweiterung seiner Produktpalette auf verschiedenartige Manufakturwaren. Doch weil von den Geschäftspartnern in Übersee oftmals anstatt des Geldes andere Waren zurückkamen, gab Ferdinand Laeisz schließlich seine Handwerkstätigkeit auf und wurde Kaufmann. In seinen Erinnerungen, die sein Enkel Carl Ferdinand Laeisz (1853-1900) 1891 herausgab, bemerkt Ferdinand zu dieser Umstrukturierung:

 

„Die Erträgnisse meiner überseeischen Verkäufe wurden mir vielfach in Producten, besonders Zucker und Baumwolle, remittirt, und so wurde mein Geschäft immer mehr ein kaufmännisches. Da ich aber weder die Kenntnisse, noch die Zeit hatte mich mit der Realisirung der Importen zu befassen, so musste ich diesen Zweig andern Leuten überlassen, wobei ich oft arg zu kurz gekommen bin. Hierin, wie überhaupt in der Organisation des Geschäfts, trat erst eine gründliche Besserung ein, als mein Sohn zu mir ins Geschäft kam und vermöge seiner kaufmännischen Befähigung einen rationelleren Betrieb herstellte.“

 

Der besagte Sohn war Carl Heinrich Laeisz (1828-1901), das einzige Kind Ferdinands und seiner Ehefrau Johanna Ulrike Catharina, geb. Creutzburg (1806-1889). Nach einer kaufmännischen Lehre in einem Bremer Handelshaus und mehreren langen Reisen trat Carl 1852 in den väterlichen Betrieb ein. Er kümmerte sich dort auch um den Erwerb eines ersten Schoners, nachdem in den 1840er Jahren mehrere Versuche des Vaters, eigene Schiffe für den Überseehandel einzusetzen, gescheitert waren. Ferdinand Laeisz seinerseits war bereits 1847 in der glücklichen Position gewesen, sich zusammen mit anderen Hamburger Persönlichkeiten, wie Ernst Merck, Carl Woermann und Adolph Godeffroy, an der Gründung der Hamburg-Amerikanische Packetfahrt Actien-Gesellschaft (HAPAG) beteiligen zu können. Parallel zum Aufstieg der HAPAG und einer allgemeinen Verbesserung der Wirtschaftslage Anfang der 1850er Jahren erlebte auch die Firma F. Laeisz einen ökonomischen Aufschwung.

 

Der Großsegler „Pudel“
Der Großsegler „Pudel“ transportierte Salpeter nach Hamburg.

Ein Pudel als Maskottchen

1857 wurde als erster Schiffsneubau die Bark „Pudel“ in Hamburg fertiggestellt. Der Name geht auf den Spitznamen von Carl Heinrichs Ehefrau Sophie Christine, geb. Knöhr (1831-1912) zurück, der wiederum von ihrem krausen Haar herrührte. 1852 hatte das Paar geheiratet, im darauffolgenden Jahr war ihr einziges Kind, Carl Ferdinand Laeisz, geboren worden. Der Pudel setzte sich als Maskottchen des Unternehmens durch und ist bis heute als Bronzeskulptur auf dem Dach des Firmensitzes – dem 1898 errichteten Laeiszhof an der Trostbrücke – zu sehen. Und der Anfangsbuchstabe „P“ wurde fortan für alle neuen Schiffe verwendet, sodass sich daraus die Sammelbezeichnung „Flying P-Liners“ für die Laeisz-Segler entwickelte. 

Flying P-Liners

Die Flying P-Liners war einst ein Sammelbegriff für die Schiffe der Firma F. Laeisz. Jedes Schiff dieser Flotte erhielt einen Namen mit dem Anfangsbuchstaben „P“. Ursprung des Ganzen war der Name des ersten Schiffs der Reederei, die Pudel. Zu den Flying P-Liners gehört auch die Peking, das Flaggschiff des neuen Deutschen Hafenmuseums.

Zeitweise besaß die Reederei mit der Fünfmastbark „Potosi“ sogar das wohl größte Segelschiff der Welt. Unterdessen hatte sich das Unternehmen auf den Handel mit dem in Europa begehrten Salpeter spezialisiert, der zur Herstellung von Düngemitteln und Schießpulver verwendet wurde. Zugunsten des weiteren Ausbaus seiner eigenen Reederei verließ Ferdinand Laeisz 1858 das Direktorium der HAPAG. Jahre später wurde sein Sohn Carl Heinrich Laeisz deren Großaktionär, förderte den Aufstieg Albert Ballins zum Generaldirektor und hatte somit Anteil an der Weiterentwicklung der HAPAG zu einer der bedeutendsten Reedereien der Welt. Vater und Sohn sowie später auch der Enkel engagierten sich zeitlebens bei verschiedenen Unternehmensgründungen und Vereinigungen, halfen dort mit Investitionen oder bekleideten Verwaltungs posten, und spielten dadurch eine gewichtige Rolle im Hamburgischen Wirtschaftsleben. Carl Ferdinand Laeisz agierte von 1895 bis 1898 sogar als Präses der Handelskammer. Und auch die eigene Firma beschränkte sich nicht mehr nur auf das Reedereigeschäft, sondern entwickelte sich im Laufe der Jahre parallel zu einer bedeutenden Seeversicherungsgesellschaft.

Ein Laeisz mit trockenem Humor

Der Enkel, Carl Ferdinand Laeisz, trat 1877 in das Familienunternehmen ein, nachdem auch er eine kaufmännische Ausbildung absolviert hatte und ausgiebig gereist war. Bereits zwei Jahre später wurde er offizieller Teilhaber. Bis zum Tode Ferdinands 1887 arbeiteten somit drei Generation im Familienunternehmen und jede brachte ihre persönlichen Stärken ein. Während Ferdinand bis ins hohe Alter agil und praktisch veranlagt war, handelte Carl Heinrich stets mit kaufmännischer Weitsicht. Zudem lagen eine gewisse Derbheit und trockener Humor in seinem Charakter, die ihn über die Jahre zu einem Hamburger Original werden ließen. Legendär ist seine Reaktion auf die Frage eines Aktionärs der HAPAG nach den Zukunftsaussichten deren Wertpapiere: „Zweck der Gesellschaft ist Betrieb der Rhederei, aber nicht die Zahlung von Dividenden.“ Carl Ferdinand schließlich vereinte den Unternehmersinn des Vaters mit einem ausgeprägten Organisationstalent. Darüber hinaus war der in bürgerlichen Hamburger Kaufmannsfamilien weitverbreitete Sinn für gemeinnütziges Handeln auch in der Familie Laeisz fest verankert. 

Das 1858 nach einem Brand gesunkene Dampfschiff „Austria“, das von der HAPAG auf der Route zwischen Hamburg und New York eingesetzt worden war und bei dessen Untergang mehr als 450 Passagiere und Besatzungsmitglieder im Nordatlantik starben, veranlasste Ferdinand Laeisz zur Gründung einer Wohnstiftung. Das zugehörige Gebäude mit Platz für neunzig „durch unverschuldetes Unglück in Bedrängnis“ geratene Personen, wie Ferdinand selbst es beschrieb, wurde 1860/61 an der heutigen Laeiszstraße auf St. Pauli errichtet. Sein Enkel Carl Ferdinand setzte sich beispielsweise für die Förderung der Seemannsausbildung und den Ausbau der Seenotrettung ein. Und auch Carl Heinrich und Sophie Christine Laeisz traten als großzügige Mäzene in Erscheinung, ermöglichten durch ihre Spenden nicht zuletzt den Bau der nach ihnen benannten Hamburger Musikhalle.

Eröffnung der Laeiszhalle. Foto: Friedrich Strumper
Eröffnung der Laeiszhalle am 04. Juni 1908. Foto: Friedrich Strumper

Laeiszhalle

Die Laeiszhalle ist ein Hamburger Konzerthaus. Die Errichtung des Gebäudes geht auf eine Stiftung von Carl Heinrich Laeisz (1828–1901) und seiner Frau Sophie Christine Laeisz (1831–1912) zurück. In ihrem 1901 verfassten Testament heißt es, dass „1.200.000 Mark […] zur Erbauung einer Musikhalle in Hamburg verwendet werden [sollen], unter der Bedingung, dass der Senat und die Bürgerschaft den Platz zur Erbauung der Halle umsonst zur Verfügung stellen.“

Ein solcher Ort wurde schließlich mit dem Johannes-Brahms-Platz gefunden, an dem 1904 unter der Leitung der Architekten Martin Haller (1835–1925) und Wilhelm Emil Meerwein (1844–1927) die Arbeiten für das Konzerthaus begannen. Bei seiner Eröffnung am 04. Juni 1908 war die Laeiszhalle mit 1897 Plätzen im großen (heute 2017 Plätze) und 555 Plätzen im kleinen Saal (heute 629) das größte und modernste Konzerthaus Deutschlands.

Laeiszhalle Hamburg
Die Laeiszhalle in Hamburg

Das Ende einer grossen Dynastie

Das Ende der Familiendynastie kam recht unvermittelt zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Zuerst starb der Enkel Carl Ferdinand am 22. August 1900 mit nur 47 Jahren an Herzversagen. Auf den Tag genau sieben Monate danach, am 22. März 1901, verschied auch sein Vater und hinterließ seinen einzigen zwei Enkeln, Herbert Ferdinand (1886-1918) und Erich Ferdinand Laeisz (1888-1958), die aus der Ehe Carl Ferdinands mit Clementine, geb. Klée (1861-1890) stammten, ein bedeutendes Unternehmen und renommierten Familiennamen. An der ungewöhnlichen Tatsache, dass sogar der Hamburger Senat sein Beileid bekundete, lässt sich die wirtschaftliche und gesellschaftliche Bedeutung insbesondere Carl Heinrich Laeisz‘ für die Stadt erkennen. Das neue Jahrhundert und das Fehlen der drei Laeisz-Männer, deren Wirken von der Geburt Ferdinands bis zum Tode Carl Heinrichs genau einhundert Jahre umspannt hatte, wurden zu einer Kraftprobe für die Reederei.

Die beiden Weltkriege, der damit einhergehende Verlust eines Großteils der Flotte und der Wegfall des Salpeterhandels erforderten im Laufe der Zeit gewaltige Umstrukturierungsmaßnamen. Doch dem Vorbild der Namensgeber folgend stellte sich die Firma F. Laeisz diesen Herausforderungen und schaffte den Fortbestand bis in die Gegenwart.

Mittlerweile ist das Unternehmen wieder ein reiner Familienbetrieb. Der Reeder und ehemalige Präses der Hamburger Handelskammer Nikolaus W. Schües (*1936), der bereits seit den 1960er Jahren für F. Laeisz gearbeitet hatte, erwarb die Firma im Jahre 2004 zusammen mit seinem Sohn Nikolaus H. Schües (*1965). Letzterer leitet heute das Unternehmen. Die Familie Schües führt jedoch nicht nur die Geschicke der Reederei, der Seeversicherungsgesellschaft und der vielen weiteren heute zum Konzern F. Laeisz gehörenden Unternehmungen fort; ganz im Sinne der Gründerfamilie zeichnen sich auch Nikolaus H. Schües und sein Vater durch ihr gemeinnütziges Handeln aus. So ist beispielsweise die Förderung von Musik, die bereits der Familie Laeisz am Herzen gelegen hatte, nach wie vor fester Bestandteil des kulturellen Engagements von F. Laeisz. Besonders die von Carl Heinrich Laeisz und seiner Frau gestiftete Musikhalle wird heute wieder von der Firma F. Laeisz unterstützt und auch die Rückbenennung von Musikhalle in Laeiszhalle im Jahre 2005 ist nicht zuletzt dem großen Engagement der Familie Schües zu verdanken. Der Name Laeisz steht in Hamburg damit gleichermaßen für Tradition und Moderne.