Familie Godeffroy

Aufstieg und Fall des „Königs der Südsee“

Sie kamen als Flüchtlinge, wurden zu bedeutenden Kaufleuten mit weltweiten Kontakten – bis der dramatische Absturz begann: die Godeffroys.

Von Roland Holst

 

Die Geschichte der Godeffroys bietet durchaus Stoff für ein spannendes Hollywood-Drehbuch: Die erfolgreiche calvinistische Familie lebte über Jahrhunderte in La Rochelle. Ihren Wohlstand erzielte sie durch Fernhandel, bis sie aus Glaubensgründen fliehen musste, denn Ludwig XIV. wollte alle Andersgläubigen in den Schoß der katholischen Kirchen zurückholen, andernfalls drohte ihnen der Tod. Über Frankfurt an der Oder landeten die Godeffroys Mitte des 18. Jahrhunderts schließlich in Hamburg. Ein Urenkel der geflohenen Generation, Johan César IV., gründete dort 1766 das Handelshaus, das später „Joh. César Godeffroy & Sohn“ hieß.

Obwohl auch von der Hamburger Kaufmannschaft wegen seines Glaubens geächtet, wurde er einer der erfolgreichsten Hamburger Kaufleute seiner Zeit. 

Sein Erfolgsrezept bestand im Erwerb von Lieferbetrieben in den Ursprungsländern, dem Transport der Güter mit eigenen Schiffen und der Veredlung der Waren in eigenen Betrieben in Deutschland. 1789 erwarb Johan César IV. mehrere Bauernstellen in Dockenhuden, ließ darauf den heutigen Hirschpark anlegen und das Landhaus vom klassizistischen Architekten Christian Frederik Hansen erbauen. Zusätzlich erwarb er beinahe 800 Hektar Land im Hamburger Westen. Als protestantische Calvinisten galten die Godeffroys im lutherischen Hamburg weiterhin als Menschen zweiter Klasse – ohne Bürgerbrief und ohne politisches Mitspracherecht. Das änderte sich erst durch die politischen Ereignisse von 1848. Obendrein erleichterte eine Erbschaft von 42.000 Pfund und die Ehe mit einer Tochter aus einer angesehenen Hamburger Familie Johan César IV. den Zugang zur hanseatischen Gesellschaft.
Villa Wriedt in Dockenhuden (ehemals Haus Godeffroy), 1. Drittel 20. Jahrhundert, Foto: Emil Puls

Das „Museum Godeffroy“

Sein Enkel, Johan César VI., trat mit 24 Jahren in die weiterhin prosperierende Firma ein. Von ihm wurde auch das naturhistorische „Museum Godeffroy“ im späteren Hamburger Freihafen gegründet, um dessen Sammlung sich die Naturforscherin Amalie Dietrich und andere Wissenschaftler der damaligen Zeit große Verdienste erwarben. Hier wurden die in Australien und der Südsee zusammengetragenen Herbarien, Käfer, Schmetterlinge, seltene Tierarten und ethnologische Besonderheiten aus dem Handelsgebiet der Godeffroys bearbeitet und ausgestellt. Nach der Zahlungsunfähigkeit des Unternehmens wurden die Museumsteile um 1879 verkauft. Die Exponate sind verstreut oder durch den zweiten Weltkrieg vernichtet. Johan César VI. starb 1885 in seinem Landhaus im Hirschpark, das ihm zu diesem Zeitpunkt nicht mehr gehörte, in dem er aber weiterhin leben durfte.

Die 1848er Revolution brachte Hamburg und Bremen große Vorteile, denn über ihre Häfen liefen die riesigen Auswandererströme. Auslöser für die revolutionären Ereignisse war die reaktionäre Kehrtwendung der europäischen Regierungen, die gerade gemachten Zugeständnisse an die unruhige Bevölkerung wieder zurückzunehmen. Auch Godeffroy’sche Schiffe – um 1850 waren es 27 eigene, dazu bis zu 30 gecharterte Frachtschiffe – transportierten Tausende von Auswanderern in ihren Laderäumen nach Übersee.

Villa Wriedt in Dockenhuden, Seitenansicht (ehemals Haus Godeffroy), 1. Drittel 20. Jahrhundert, Foto: Emil Puls

Museum Godeffroy

Das Museum Godeffroy war ein naturhistorisches Museum, das von 1861 bis 1885 in Hamburg existierte. Es wurde von dem Kaufmann Johann César VI. Godeffroy (1813–1885) gegründet und befand sich in der Straße Alter Wandrahm. Die Sammlung des Museums, um die sich die Naturforscherin Amalie Dietrich (1821–1891) und andere Wissenschaftler der damaligen Zeit große Verdienste erwarben, bestand aus in Australien und der Südsee zusammengetragenen Herbarien, Käfern, Schmetterlingen, seltenen Tierarten und ethnologischen Besonderheiten aus dem Handelsgebiet der familieneignen Firma Joh. César Godeffroy & Sohn. Nach der Zahlungsunfähigkeit des Unternehmens wurden die Museumsteile um 1879 verkauft. Die Exponate sind verstreut oder wurden im Zweiten Weltkrieg vernichtet.

Dabei starben durchschnittlich 20 Prozent der Passagiere. Auf den Rückfahrten schafften die Schiffe Rohstoffe, z. B. Kupfererz, nach Europa. Denn in Australien besaßen die Godeffroys die Kupfermine Bora Bora. In Hamburg verhütteten sie das Erz in ihrem firmeneigenen „Elbkupferwerk“, dessen Nachfolgerin das heutige Unternehmen AURUBIS ist. Während der 1850er Jahre gründeten die Godeffroys in der Südsee ein Netz von 45 Niederlassungen und Agenturen und legten damit den Grundstein für die nach 1880 entstehenden deutschen Kolonien Deutsch-Samoa und Deutsch-Neuguinea. Gehandelt wurde hauptsächlich mit Kopra (dem getrockneten Fleisch der Kokosnuss), weiter gehörten Kupfer, Guano, Kaffee, Pelze, Zuckerrohr und Baumwolle zu den Handelsgütern.

Strikt geheime Kontakte

Um die Konkurrenz nicht auf den unaufgeteilten pazifischen Raum aufmerksam zu machen, hielten sie alle ihre Handelskontakte strikt geheim. Um 1870 besaß die Firma – zusätzlich zu den Handelsniederlassungen – allein auf Samoa 25.000 Acres Plantagenland zur Gewinnung von Kopra. Um die Flächen zu bewirtschaften, mussten sie Arbeitskräfte von fernen Inselgruppen „anwerben“. Meist wurden die Insulaner gegen ihren Willen für drei Jahre gezwungen zu Hungerlöhnen zu arbeiten. Diese Form der Arbeiterbeschaffung (blackbirding) war ein sehr lohnendes Geschäft, das die Godeffroys in großem Stil betrieben. Der Unterschied zur Sklaverei war, dass die Arbeitskräfte einen Dreijahreskontrakt bekamen, danach wieder zurück auf ihre Inseln gebracht wurden und dafür ein kleines Entgelt erhielten. Ansonsten fristeten die Gedungenen ein sklavenähnliches Leben. Da es im pazifischen Raum keine Währung gab, führte Godeffroy & Sohn „iron money“, nicht mehr gültiges Silbergeld aus Bolivien, als überall akzeptiertes Zahlungsmittel ein und verdiente auch daran. Durch seine vielen erfolgreichen Aktivitäten wurde Johan César VI. noch vor 1870 zum ungekrönten „König der Südsee“.

Der Reichtum war verflogen

Der Gründerkrach von 1873 brachte der Firma Joh. César Godeffroy & Sohn im deutschen Geschäft riesige Verluste, zum Beispiel bei den Osnabrücker Stahlwerken. Zunächst konnten sie den Konkurs der Firma abwenden. Als um 1879 erneut Zahlungsschwierigkeiten drohten, wurden die Südseeunternehmungen und die Schiffe veräußert. Der Firmenrest aber musste die Zahlung einstellen. Der beinah unermessliche Reichtum der Godeffroys war damit verflogen, die Familie in alle Winde verstreut. Eines jedoch hat diese Flüchtlingsfamilie bewiesen: dass sie über Generationen immer erfolgreicher werden konnte, obwohl sich die restriktiven Rahmenbedingungen für ein Leben in Hamburg bis 1848 nicht gebessert hatten.