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Bildung für alle

Entstanden in der Revolution, geprägt durch die Weimarer Republik, Krisen bewältigt in der Bundesrepublik. Die Volkshochschule ist 100 Jahre alt geworden.

Von Dr. Hauke Friederichs

Spät in der Nacht am 6. November 1918 rollt ein Zug in den Hamburger Hauptbahnhof ein. An Bord sind hunderte Soldaten, einer von ihnen ist der 17-jährige Heinrich Hauser. Überall in Deutschland haben Revolutionäre die Macht übernommen, auch am Hamburger Rathaus weht die rote Fahne. Hauser marschiert mit Kameraden zum Gewerkschaftshaus, dem Sitz des Arbeiter- und Soldatenrats. Dort versuchen mehrere Redner sich gegenseitig zu übertönen. Das ist der Geist dieser Revolution. Jeder kann seine Meinung sagen, jeder informiert andere. Die Männer fordern einen Aufbruch zur Demokratie und Bildung für alle.

Demonstrierende Arbeitslose vor dem Hamburger Rathaus: Im Januar 1919 kam das fast täglich vor. Alexander Japp, Demonstration vor dem Rathaus 1919. Foto: Staatsarchiv Hamburg

In Hamburg brechen neue Zeiten an. Am 12. November 1918 diskutieren im Curio-Haus 3.000 Lehrer über Bildungsfragen. Wie die rebellierenden Arbeiter und Soldaten verlangen sie einen freien Zugang zu guter Bildung. Hamburgs Sozialdemokraten greifen die Forderungen auf: „Bildung für alle“. Bei der ersten freien Bürgerschaftswahl am 16. März 1919 gewinnt die SPD. Die Partei setzt sich im neuen Parlament dafür ein, eine Volkshochschule einzurichten: Am 28. März 1919 ist es soweit.

Gründungsaufruf. Foto: VHS Hamburg
Gründungsaufruf. Foto: VHS Hamburg

Vor 100 Jahren nahm die VHS in Hamburg ihre Arbeit auf. In 100 Jahren änderte die VHS immer wieder ihre Methoden, Ziele und Strukturen. Aber auch heute ist die Forderung von 1919 in ihrer Arbeit noch aktuell: „Bildung für alle“.

Die Volkshochschule sollte für jedermann zugänglich sein, mit vielen Kursen das breite Interesse der Hörerinnen und Hörer abdecken. Für Hamburg war das ein revolutionärer Schritt. In der Hansestadt hatte es bislang noch nicht einmal eine Universität gegeben. Wer genügend Geld hatte, schickte seine Kinder auf ein gutes Gymnasium, auf die berühmte Handelsakademie oder zum Studieren ins Ausland. Für die Söhne und Töchter der Tagelöhner und Arbeiter gab es einfache, überfüllte Schulen, in denen sie nur das Nötigste lernten. Hamburg lag mit seinem Bildungsangebot weit hinter anderen deutschen Städten zurück. Das änderte sich nun 1919.

Die neue Volkshochschule lockte rasch zahlreiche Hörerinnen und Hörer an. Dabei fehlte von Anfang an eine Zentrale. Sie besaß kein eigenes Haus und kam mit ihren Kursen und Vorlesungen vor allem in Schulen unter. Der erste Direktor wurde Rudolf Roß, ein Abgeordneter der SPD. Zu den Kursleitern gehörten bekannte Denker wie Ernst Cassirer, Moritz Liepmann oder Albrecht Mendelssohn-Bartholdy.
Erstes öffentliches Arbeitsamt im November 1918 in Hamburg. Nach Kriegsende stieg die Arbeitslosigkeit stark an. Foto: Alexander Japp, 1918. Staatsarchiv Hamburg.

Die VHS bot den im Weltkrieg Entwurzelten eine Chance, verpasste Bildung nachzuholen. Ehemalige Soldaten wie Heinrich Hauser, die das Schießen gelernt, aber nur Not-Schulabschlüsse gemacht hatten, sollten so aufgefangen werden ­– und die Republik achten lernen.

Die VHS sprach viele an, die im untergegangenen Kaiserreich zu wenig Bildung bekommen hatten. Zu ihnen gehörten auch Hermann und Gertrud Glaser. Abends besuchten beide oft VHS-Arbeitsgemeinschaften, etwa über Alfred Wegeners Theorie der Kontinentalverschiebung. Am Tag danach fragte die älteste Tochter stets den Vater aus, was er gelernt hatte. Was sind Kontinentalplatten?, wollte Hannelore Glaser wissen, die von allen Loki genannt wurde. Mit ihrem Vater legte sie ein Stück Papier auf die Weltkarte im Atlas. Sie zeichneten die Umrisse von Südamerika und Afrika ab und schnitten sie aus. Beide fügten sie dann zusammen. So verstand das Mädchen die Theorie. Später wird Loki Lehrerin, sie heiratet Helmut Schmidt und macht sich als Botanikerin einen Namen. Sie war ihren Eltern stets dankbar, dass sie ihre Kinder an dem bei der VHS erworbenen Wissen teilhaben ließen.

Was die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sich vom VHS-Besuch versprachen, das wollte Kurt Adams herauszufinden. Er leitete seit Oktober 1929 die Volkshochschule. Adams befragte die Hörerinnen und Hörer, 1.251 nahmen an der Umfrage teil. Sein Fazit: die Teilnehmer strebten vor allem nach einer „tieferen politischen Bildung“ und einer „Stärkung des Verantwortungsgefühls für den Staat und die Allgemeinheit“. Adams nahm erstmals Gymnastik ins Programm auf, vor allem aber baute er die Politische Bildung aus, bot gesonderte Kurse für Jugendliche und für Frauen an. Die Teilnehmerzahl stieg um 43 Prozent. 9.787 Hörer meldeten sich an.
Kurt Adams, Leiter der VHS von 1929 bis 1933. Foto: Hamburger VHS

Das Angebot änderte sich radikal: Kurse über Rassenlehre und Heeresgeschichte standen nun auf dem Programm.

Frauenkurs, 1930/31. Foto: Hamburger VHS

Erst die Weltwirtschaftskrise, die in den Dreißigerjahren Deutschland erfasste, steigende Arbeitslosenzahlen brachte und viele Familien in die Armut stürzte, sorgte für rückgehende Anmeldezahlen. Die VHS richtete kostenlose Seminare ein. 6.408 Teilnehmer besuchten diese Sonderkurse, die sie von ihrem „Schicksal ablenken“ sollten. Viele Volkshochschulen in Deutschland schlossen in diesen Jahren. In Hamburg blieb die VHS bestehen, musste aber sparen.

Und das war nicht das einzige Problem. Die Nationalsozialisten bekämpften in Hamburg die VHS. Nach der Machtübernahme kontrollierte der Nationalsozialist Heinrich Hasselmeyer die VHS. Das Angebot änderte sich radikal. Kurse über Rassenlehre standen nun auf dem Programm. „So vollkommen neu aufgebaut, steht die Volkshochschule restlos im Dienste unseres Volkes; deswegen wird in Zukunft kein Marxist und kein Jude mehr dort lehren“, erklärte der neue Direktor. Von den 147 Lehrkräften, die vor 1933 an der VHS beschäftigt waren, blieben 14.

Hasselmeyer blieb nur kurz im Amt. Sein Nachfolger war ab 1938 für eine größere Institution verantwortlich: Mit dem Groß-Hamburg-Gesetz kamen die Volkshochschulen in Altona, Wandsbek und Harburg-Wilhelmsburg dazu. 1942/43 nutzten 25.000 Hamburgerinnen und Hamburger das Angebot. Seit dem Herbst 1944 leitete Fritz Blättner die „Volksbildungsstätte“, wie die VHS genannt wurde. Im Gegensatz zu seinen Vorgängern war er kein überzeugter Nationalsozialist, aber er diente sich dem NS-Regime an.

Von 1933-1945 ändert sich das Programm der VHS Hamburg: Nun werden Kurse über Rassenlehre und Heeresgeschichte angeboten. Foto: Willi Beutler, Straße in Hamburg 1933 bis 1945, Staatsarchiv Hamburg.

Die Vollkshochschule nach 1945 verpflichtete sich wieder ihren Idealen: Arbeitsgemeinschaften statt Frontalunterricht, eigene Kurse für Frauen und Jugendliche.

Eine Stadt in Trümmern: Nach dem Feuersturm 1943 sah es vielerorts in Hamburg so aus. Die VHS arbeitete trotzdem weiter. Foto:Willi Beutler, Staatsarchiv Hamburg.
Nach dem Krieg wurde aus der Volksbildungsstätte wieder die Volkshochschule. Der Name änderte sich, ansonsten blieb vieles beim Alten. 73 Kursleitende, die in der Zeit des Nationalsozialismus unterrichtet hatten, durften weitermachen. Auch Blättner behielt sein Amt. Mit ihm wollten die Briten den demokratischen Neuanfang wagen, die VHS sollte erneut dabei helfen, die Hamburger für die Demokratie zu begeistern. Doch dann häuften sich die Beschwerden über „den braunen Blättner“. Er verließ Hamburg und nahm aus Kiel einen Ruf als Professor an. 1946 wurde Hermann Vogts Leiter der VHS. Er blieb zwei Jahrzehnte im Amt. Wie Adams war er sozialdemokratischer Lehrer und hatte bereits vor der NS-Zeit an der VHS unterrichtet. Adams hatten die Nationalsozialisten im Konzentrationslager Buchenwald ermordet. Die VHS nach 1945 verpflichtete sich wieder seinen Idealen: Arbeitsgemeinschaften statt Frontalunterricht, eigene Kurse für Frauen und Jugendliche kamen ins Programm.
Schon 1954 pulsierte in der Hamburger Innenstadt wieder das Leben, hier am Alsterpavillon an der Binnenalster. Foto Willi Beutler, Staatsarchiv Hamburg.
1967 übernahm Kurt Meissner den Direktoren-Posten. Er leitete die „Realistische Wende“ ein. Er stellte hauptberufliche Pädagogen ein, die das Kursprogramm und Inhalte entwarden. Meissner leitete die VHS in unruhigen Zeiten. 1968 ging die Jugend auf die Barrikaden. An der Universität protestierten Studierende gegen den „Muff von 1000 Jahren“. Die VHS wirkte im Gegensatz zur Universität modern. Sie hatte ihr Programm immer wieder an gesellschaftliche Trends angepasst, so spielten Fragen des Umweltschutzes und Themen der Frauenbewegung im Programm eine Rolle. Meissner gründete zudem die „Junge Volkshochschule“: Kritische Politik war das Thema und „mehr Demokratie wagen“ das Motto. Meissners Reformen brachten Erfolg: 1975 gab es 94.000 Hörer und Hörerinnen – 1967 waren es noch 53.000 gewesen.
An der Universität protestierten die Studenten gegen den "Muff von 1000 Jahren". Die Volkshochschule wirkte im Gegensatz zur Universität modern. Foto: Hamburger VHS, 1968.
Verstärkt bot die VHS auch Kurse für Analphabeten an. „Bildung für alle“, der Leitspruch von 1919, sollte auch für Menschen gelten, die nicht schreiben und lesen konnten. Generell weitet sich das Angebot aus: Kurse des „Künstlerischen Laienschaffens“ machen ein Fünftel des Programms aus, Naturwissenschaften immerhin 17 Prozent, Seminare aus den Themengebieten Politik, Gesellschaft, Staat und Geschichte nur noch sieben Prozent. Meissner leitete die VHS bis 1989. In seinen letzten Jahren im Amt kam ein Plan auf, der die Volkshochschule fundamental ändern sollte: den Übergang der VHS in einen eigenständigen Landesbetrieb. Bis dahin gehörte die VHS zur Schulbehörde. Nun verwaltete die VHS selber. Eines von Meissners wichtigsten Zielen blieb unerreicht: Ein „Hamburger Bildungszentrum für Erwachsene“ in einem eigenen, zentralen Haus.
1983: Kaum konnte man die neuen VHS-Kurse buchen, standen die Menschen Schlange, um einen der begehrten Plätze zu ergattern.

Mit dem neuen Landesbetrieb herrschte an der VHS große Aufbruchsstimmung. 4000 Kurse bot die VHS 1993/94 an. Das Angebot steigerte sie so um mehr als 20 Prozent. Wissen zu vermitteln war nur noch eine Aufgabe, die Freizeit rückte stärker in den Fokus: Kleidungsstücke selber herzustellen, T-Shirts mit Batik zu verschönern oder Sprachen für den Urlaub zu lernen.

In der Sternschanze fand die VHS eine neue Heimat. Dort und in den Stadtteilen experimentierten Mitarbeitende und Dozentinnen mit neuen Formaten, Kursen und Projekten. Technik prägte immer mehr den Alltag, das spiegelte auch die VHS in den 2000er-Jahren. Das Internet spielte eine immer größere Rolle, das Nutzen von Mobiltelefonen, aber auch die Digitalfotografie interessierte die Teilnehmerinnen und Teilnehmer.

Die Ur-Idee "Bildung für alle" hat nicht an Aktualität verloren.

Für viele Innovationen war Geld da – zumindest schien das so. Die VHS musste als Landesbetrieb erst lernen, mit ihren Mitteln umzugehen. Der Etat wurde stark überzogen. Harte Einsparungen wurden nötig. Stellen wurden abgebaut, Gebäude verkauft und das Programm, mit dem Teilnehmer den Realschulabschluss nachholen konnten, eingestellt. So konnte die VHS saniert werden. Wenige Jahre später, 2005, erschütterte eine weitere Krise die VHS. Der Senat von Ole von Beust kürzte deren Mittel um gut ein Drittel. Nun konnte an der VHS kein Hauptschulabschluss mehr erworben werden. Und erneut mussten Arbeitsplätze abgebaut werden. Manche Aufgabe wurde zusammengefasst, etwa das Planen von Kursen. Das Gründungsideal von 1919 blieb dennoch bestehen.
Im Schanzenviertel befinden sich zentrale Verwaltungseinheiten und das VHS-Zentrum der Region Mitte-Eimsbüttel. Foto: Hamburger VHS
Heute gehört die VHS Hamburg zu den ältesten Volkshochschulen im Land und ist agiler denn je. Mit fast 108.000 Belegungen erfährt die VHS mehr Zuspruch als je zuvor. Die Revolution von 1918/19, der sie ihrer Entstehung verdankt, spielt heute noch eine Rolle. Als Thema für Geschichtskurse. Aber auch in der täglichen Arbeit. Die Ur-Idee „Bildung für alle“ hat nicht an Aktualität verloren.