Alt-Hamburg -

Ecke Neustadt

Ansichten einer Stadt um 1900

Viele Hamburger Künstler um 1900 waren fasziniert von der Stadt an der Elbe und hielten sie in oft romantisierenden, gelegentlich humorvollen Darstellungen fest. Ihre künstlerisch und historisch wertvollen Stadtansichten in Form von Zeichnungen, Aquarelle, Pastelle und Künstlerdrucken sind hier (und in der Ausstellung) zu Spaziergängen geordnet, in denen ein detailreicher Eindruck von der Altstadt Hamburgs um 1900 vermittelt wird.

Hamburg um 1900

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts veränderte sich das Aussehen Hamburgs tiefgreifend, denn aus der von Wallanlagen eingefassten Stadt mit engen Gässchen und winkligen Fachwerkhäusern entwickelte sich eine Großstadt, die sich zunehmend über ihre alten Grenzen hinaus ausbreitete - lebten 1850 noch 215.000 Menschen in Hamburg, waren es 1900 bereits 768.000. 

Die erste große bauliche Neuformierung folgte dem Großen Brand von 1842, der etwa ein Drittel der Hamburger Innenstadt vernichtete. Das zerstörte Gebiet mit seinen bis dahin teils mittelalterlichen Strukturen wurde planvoller wieder aufgebaut und zeigte anschließend eine sehr viel offenere Gestaltung. 

 

Die zahlreichen Veränderungen in ihrer Stadt beobachteten die Zeitgenossen mit Wehmut. Eine Welle der Nostalgie floss durch die Hamburger Bevölkerung und beeinflusste auch den Kunstmarkt. Aus persönlicher Verbundenheit, aber auch um die Nachfrage zu befriedigen, wählten daher viele Künstler die Stadt Hamburg als Motiv.

 

 

 

Eduard Niese, Ecke Steinstraße und Schweinemarkt, 1899.
A. Stelling, Blick auf die Lübschen Buden mit der Jakobikirche, um 1880.
Jean Paul Kayser, Seemann in einem Boot im Hamburger Hafen, um 1910.

Zwischen Pferdemarkt und Steintorwall

Zwischen Pferdemarkt und Steintorwall befand sich im 19. Jahrhundert das große Gängeviertel der Hamburger Altstadt. In den Hinterhäusern und Dachkammern der Gegend, in den verwinkelten schmalen Gängen und Höfen lebten Gelegenheitsarbeiter, einfache Handwerker, Kleinhändler, Lohndiener, Kutscher und Hausknechte in schlimmsten Wohnverhältnissen.

Die Gegend wurde seinerzeit als "liederliches Stadtgebiet" betrachtet. Besonders die südlich durch das Viertel führende Niedernstraße war für Kriminalität, Glücksspiel, Alkoholismus und Prostitution berüchtigt. Der Große Barkhof, in unmittelbarer Nähe zur zentralen St. Jakobikirche, galt sogar als eine der schlimmsten Bordellstraßen Hamburgs. Erst mit der Sanierung des Viertels ab 1908 gelang es der Stadt, Prostitution und Kleinkriminalität aus diesem Viertel zu vertreiben. Durch Abriss und Neubau wurde der Stadtteil nach und nach zu einem eleganten Kontorhausviertel mit großen Warenhäusern und Bürogebäuden.

Alb. Fothe, Hof Altstädterstraße 46, 1914, Radierung.
Amalie Ruths, Blick auf die Stiftswohnungen in der Steinstraße, um 1910, Federzeichnung.
W. Hansen, Hof in der Spitalerstraße, 1913, Lithografie.

Vom Großneumarkt bis zum Gänsemarkt

Im nördlichen Teil der alten Hamburger Neustadt lagen Reichtum und Armut nah beieinander. Während östlich der zentral durch das Viertel führenden Fuhlentwiete vor allem wohlhabende Bürger wohnten, lag westlich ein großes Quartier, in dem einfache Facharbeiter, Handwerker, Kleinhändler und Quartiersleute, Wäscherinnen und Näherinnen lebten.

Um die verwinkelte Gegend besser durchquerbar zu machen, wurde 1866 die breite Wexstraße als Wohn- und Geschäftsstraße gerade durch das Gebiet gebrochen, trotzdem blieb das Gängeviertel des Stadtteils nahezu unsaniert bis in die 1930er Jahre erhalten.

Die Straßenfronten der Neustadt zeigten den gesellschaftlichen Unterschied ebenfalls deutlich: Rund um den Gänsemarkt, zwischen Dammtorwall und Alster prägten vornehme historistische Steinfassaden die breit angelegten Straßen. Im Gängeviertel zwischen Fuhlentwiete und Großneumarkt standen dagegen fast nur mehrstöckige, teils stark sanierungsbedürftige Fachwerkhäuser, hinter denen enge dunkle und schlecht durchlüftete Hinterhöfe mit den Wohngebäuden der Unterschicht lagen.

 

 

Anika Meier @gert_pauly, Brüderstraße, 2017.
Joh. Niebuhr, Neustädter Fuhlentwiete, 1887, Aquarell.
Silvia Miralles, @silvanamangana, Stadthausbrücke II, 2017.
Marie Kortmann, Alter Steinweg, 1893, Aquarell.

Bei Rathaus, Börse und St. Nikolai

Im Gebiet zwischen Rathaus, St. Nikolaikirche und Alsterfleet lagen zahlreiche, malerisch wirkende Fleete, die das gesamte Gebiet durchzogen und wichtige Wege für den Warentransport bildeten. Entlang der Fleete standen dicht an dicht die Wohnhäuser der Hamburger Kaufleute, die oft gleichzeitig als Geschäftsstelle und als Speicher genutzt wurden und rückwärtig über das Fleet mit Waren bestückt werden konnten.

Da die Fleete nicht nur für den Transport, sondern auch als Entsorgungsstelle für Abwässer und Abfall genutzt wurden, bildeten sie eine gefährliche Brutstätte für Krankheitserreger und Ungeziefer. Viele der kleineren Wasserwege wurden daher zum Ende des 19. Jahrhunderts von der Stadt zugeschüttet.

Ebba Tesdorpf, Kopie nach August Eduard Schliecker, Bleichenbrücke, um 1885, Aquarell.
A. Stelling, Bleichenbrückenfleet, um 1885, Aquarell.
Emma Droege, Bleichenfleet in Hamburg, 1887, Aquarell.

Binnenalster

Die Binnenalster bildete bereits im 19. Jahrhundert den repräsentativen Mittelpunkt der Stadt. Die breiten, mit Bäumen bepflanzten Promenaden dienten schon seinerzeit als gehobene Geschäftsstraßen mit edlen Hotels, aufwendig gestalteten Kontorhäusern und vornehmen Vergnügungseinrichtungen. Hier präsentierte sich das Hamburger Bürgertum beim Spaziergang, genoss die Angebote der Cafés oder Konzerte im Alster-Pavillon.

Prägend für die Entwicklung der heutigen Innenstadt rund um die Binnenalster war auch der Bau der 1866 fertiggestellten Hamburg-Altonaer Verbindungsbahn. Es entstand mit der Lombardsbrücke als steinerner Straßen- und Eisenbahnbrücke über die Alster ein Bauwerk, das bis heute untrennbar mit dem Bild Hamburgs verbunden ist.

Ernst Eitner, Jungfernstieg bei Abendbeleuchtung, 1894, Pastell.
Oscar Schwindrazheim, Spazierweg an der Binnenalster, um 1900, Federzeichnung.
Luigi Kasimir, Binnenalster, um 1900, kolorierte Kaltnadelradierung.

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St Pauli

Schon Ende des Jahrhunderts war St. Pauli als Vergnügungsstätte für jedermann weitbekannt. Konzerthäuser, Theater, Bierschänken und Tanzsäle boten den Besuchern abwechslungsreiche Unterhaltung. Auf der Straße unterhielten Gaukler und Spielbuden das Volk. Zudem wurde 1893 mit der Verlegung des großen Volksfestes "Dom" aus der Hamburger Innenstadt auf das Heiligengeistfeld eine Tradition begründet, die heute dreimal im Jahr Besucher aus aller Welt nach Hamburg und St. Pauli zieht. 

Seit der westlichen Erweiterung der Stadt im 17. Jahrhundert lag das Gebiet "Hamburger Berg" unmittelbar vor den Toren Hamburgs. 1830 wurde es mit dem Namen St. Pauli offiziell zur Vorstadt ernannt. Nach der Aufhebung der Torsperre 1860/61 entwickelte sich hier eine dicht besiedelte Wohngegend, deren Bevölkerungszahl noch zunahm, als nach 1883 viele der ehemaligen Gängeviertelbewohner durch die Sanierung ihrer Stadtteile gezwungen waren, sich neue Unterkünfte zu suchen. Mit ihnen verlagerte sich auch die Prostitution und das Glücksspiel in das neue Wohnviertel.

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Anika Meier, @gert_pauly Hamburger Dom, 2017.
Eduard Niese, Dompartie auf dem Heiligengeistfeld, 1894/1895, Aquarell.
Hermann Haase, Spielbude auf dem Heiligengeistfeld, undatiert, Federzeichnung.
Fabian Hasse, @__fabian__hasse__, Bunker mit Palme, 2017.

 

 

 

Beim Hafen

Der Hamburger Hafen bot im 19. Jahrhundert die Basis für die rasante städtische Entwicklung und den stetig wachsenden Wohlstand Hamburgs. Gerade in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts wurden im gesamten Hafengebiet wichtige Umstrukturierungen und Modernisierungen umgesetzt, die Hamburg um 1900 zum drittgrößten Hafen Europas werden ließen.
In heutigen Bildern des Hafens wird außer der wirtschaftlichen die auch die touristische und kulturelle Bedeutung des Hafens deutlich.

Friedrich Kallmorgen, Der Hamburger Hafen bei Regen, undatiert, Lithografie.
Anika Meier, @gert_pauly #GutenMorgen from Hamburg, 2016.
Friedrich Kallmorgen, An den Kaianlagen im Hafen, 1882, Zeichnung.

Beim Kehrwieder und der Wandrahminsel

Auf den beiden Elbinseln Kehrwieder und Wandrahm wohnten in den 1880er Jahren etwa 20.000 Menschen. Während auf dem Kehrwieder hauptsächlich Arbeiter und Handwerker in engen, den Gängevierteln ähnlichen, Wohnverhältnissen lebten, war der Wandrahm vor allem mit großen Kaufmannshäusern bebaut.
Nach 1883 änderte sich das Erscheinungsbild der Inseln jedoch vollständig.

Da Hamburg ab 1888 endgültig dem deutschen Zollgebiet angehören sollte, plante die Stadt einen Freihafen samt Lagerhauskomplex, in dem die Hamburger Kaufleute Importwaren weiterhin zollfrei lagern und weiterverarbeiten konnten. Für das Bauvorhaben wurden ab 1883 sämtliche Wohnungen und Häuser auf dem Kehrwieder und Wandrahm abgerissen und deren Bewohner zwangsumgesiedelt. Die anschließend im Hafen errichtete Speicherstadt wurde zu einem beeindruckenden architektonischen Bauwerk, das seit 2015 als Weltkulturerbe gilt.

Anika Meier @gert_pauly Dear Instagram, Hamburg is pretty. It rains a lot but that doesn't matter, 2016.
Ebba Tesdorpf, Fleet bei den Mühren (bei der alten Holländischen Reihe), um 1885, Federzeichnung.
Ebba Tesdorpf, Fleet beim Teerhof vom Meßberg gesehen, 1893, Zeichnung.
Hansegang, @aguynamedriadh, Speicherstadt, 2017.

Deichstrasse und Nikolaifleet

War die Deichstraße früher eine von vielen Hamburger Straßen, ist sie heute einer der raren Orte, an denen sich die alte Baustruktur Hamburgs, die den Großen Brand 1842 und die danach folgenden Umbau- und Neustrukturierungsmaßnahmen der Stadt überlebt haben. Die Deichstraße versetzt Passanten und Fotografen in die Vergangenheit und übt dadurch eine große Faszination aus.

Hansegang, @eskimo, Lean On. Nikolaifleet, 2017.
Hansegang, @themodernleper, Warm Welcome. Deichstraße, 2016.
Hansegang, @themodernleper, Reimerstwiete, 2016.
Hansegang, @themodernleper, Die schrägen Fassaden der letzten alt-hamburgischen Bürgerhäuser in der Deichstraße, 2017.
Das Museum für Hamburgische Geschichte zeigte die Ausstellung "Alt-Hamburg - Ecke Neustadt. Ansichten einer Stadt um 1900" vom 7. Juni 2017 bis 21. Januar 2018.