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Die Ausstellung "Glaubensfreiheit. Gegeben und gefordert - seit 1601" wird vom 30.10.2020 bis 21.06.2021 im Altonaer Museum gezeigt. Während der pandemiebedingten Schließung bieten wir diese Online-Version mit zentralen Inhalten der Ausstellung an.

Einführung

Wir haben die Freiheit zu glauben was wir wollen – oder auch nicht zu glauben. Religionsfreiheit steht im Grundgesetz und ist ein Menschenrecht. Im Alltag wird um dieses Recht gerungen. Architektur, Schulunterricht, Bestattungen – die Themen sind vielfältig. Erkunden Sie in dieser Ausstellung die Geschichte und Gegenwart errungener und gewährter, gegebener und geforderter Freiheiten. Denn Glaubensfreiheit hat in Altona seit 1601 Tradition.

Die selbstständige Stadt Altona setzte schon Ende des 16. Jahrhunderts einen Kontrapunkt zu Hamburg, das nur den lutherischen Glauben zuließ. Die beiden Straßen „Große Freiheit“ und „Kleine Freiheit“, die bis 1938 zu Altona gehörten, erzählen mit ihren Namen diese Geschichte. Hier konnten religiöse Minderheiten Kirchen bauen und Friedhöfe anlegen. Heute ist die Hamburger Stadtgesellschaft religiös vielfältig und gleichzeitig zunehmend säkular. Wie sichtbar kann, darf oder soll Religion im Stadtbild sein? Welche Freiheiten möchte ich leben, welche gestehe ich anderen zu? Konkurrieren Freiheiten miteinander? Die Sonderausstellung spannt einen Bogen vom ausgehenden 16. Jahrhundert bis in die Gegenwart und zeigt, dass viele Fragen zur Glaubensfreiheit damals und heute gleichermaßen aktuell sind.

 

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Grußwort

Anlass für diese Ausstellung ist die besondere Geschichte Altonas und die Brisanz des Themas für die Gegenwart. In der pluralen Stadtgesellschaft werden Aspekte der Glaubensfreiheit beinahe täglich in den Medien diskutiert. Der Angriff auf die Synagoge in Halle (Saale), die Ereignisse in Hanau oder auch die Einschränkung der Glaubensfreiheit durch die Corona-Pandemie unterstreichen die Bedeutung dieses Grundrechts.

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INTRO

Glaubensfreiheit bedeutet für mich...

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GLAUBENSGEMEINSCHAFTEN IM 17. JAHRHUNDERT

  

Glaubensvorteil als Standortvorteil

Aus einer kleinen Fischersiedlung wuchs Altona im 17. und 18. Jahrhundert zu einer bedeutenden Handelsstadt. Die Landesherren gewährten dort religiöse und wirtschaftliche Freiheiten. Angehörige religiöser Minderheiten, die im streng lutherischen Hamburg ihren Glauben nicht ausüben konnten, ließen sich deshalb in Altona nieder. Sie trugen entscheidend zur wirtschaftlichen Entwicklung bei.

Seit etwa 1580 duldeten die Landesherren gegen Bezahlung Mennoniten und Reformierte, die aus den Niederlanden fliehen mussten. 1601 gewährte Graf Ernst von Schauenburg ihnen Religions- und Gewerbefreiheit. Später wurden Generalprivilegien auch an Katholiken und Juden verliehen. Das Altonaer Stadtrecht schließlich gewährte allen Gemeinden 1664 Glaubens- und Gewerbefreiheit.

Die eingewanderten Menschen brachten Handelskontakte aus ihren internationalen familiären Netzwerken mit. Anders als in Hamburg durften sie in Altona ihr Handwerk ausüben, ohne einer Zunft anzugehören. So konnten sie innovativere Produkte anbieten und ihre Preise frei festsetzen.

Was bedeuteten Privilegien im 17. Jahrhundert?

Mit einem Privileg gewährte ein Landesherr Einzelpersonen oder Gruppen gegen Bezahlung bestimmte Vorrechte. Privilegien bezogen sich auf wirtschaftliche Vorteile wie Steuer- und Gewerbefreiheit oder auf Freiheiten in der Religionsausübung. Die Schauenburger Landesherren erkannten, dass sie mit der Vergabe von Privilegien an religiöse Minderheiten in Altona Einnahmen erzielen konnten. Seit 1580 duldeten sie reformierte Glaubensgeflüchtete. 1594 ließen sie katholische Gottesdienste zu. 1601 wurde Reformierten und Mennoniten die Ausübung ihrer Religion gestattet. Menschen jüdischen Glaubens ließen sich seit 1612 als „Schutzjuden“ in Altona nieder. 1641 erhielten sie ein Generalprivileg von der dänischen Krone. Die neuen Einwohner*innen trugen zum wirtschaftlichen Wachstum des Ortes bei. Privilegien erloschen mit dem Tod der Landesherren. Erst im Altonaer Stadtrecht von 1664 wurde Religionsfreiheit als Privileg für alle Gemeinden festgehalten. Dennoch musste das Generalprivileg der jüdischen Gemeinden bis 1863 bei jedem Thronwechsel erneuert werden.

Die Straßen "Kleine Freiheit" und "Große Freiheit"

Ab etwa 1580 ließen sich mennonitische und reformierte Glaubensgeflüchtete im Norden von Altona nieder. Später wurde das Gelände „Freiheit“ genannt. 1601 gestattete Graf Ernst von Schauenburg ihnen nicht nur die Ausübung ihrer Religion, sondern sicherte ihnen auch Gewerbefreiheit für ihre Betriebe „in der Freiheit“ zu. Freiheit bedeutete Freiheit vom Zunftrecht, aber auch die Freiheit, eine nicht lutherische Religion auszuüben. Für dieses Privileg war eine jährliche Gebühr fällig. Es bildeten sich um 1610 zwei Straßenzüge, die „Kleine Freiheit“ und die „Große Freiheit“. In dieser „Sonderwirtschaftszone“ entstanden später die Gotteshäuser der nicht-lutherischen Bekenntnisse, die in Altona geduldet wurden: Reformierte, Mennoniten und Katholiken.

GROSSE UND KLEINE FREIHEIT

An der Kleinen Freiheit errichteten die Reformierten ab 1603 ihr Gotteshaus und ihren Friedhof. Die Mennonit*innen erbauten ab 1673 ihr Gotteshaus „Große Freiheit“. Ihr 1678 eingerichteter Friedhof lag an der heutigen Paul-Roosen-Straße. Seit 1723 befindet sich an der Großen Freiheit die katholische Kirche St. Josef mit einem Friedhof.

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Die Glaubensgemeinschaften im 17. Jahrhundert

GLAUBENSORTE IM 17. JAHRHUNDERT

Die Privilegien der Schauenburger Grafen und der dänischen Könige erlaubten es den verschiedenen Glaubensgemeinschaften, Grundbesitz zu erwerben, Friedhöfe anzulegen und Gotteshäuser zu errichten. Das Privileg, eigene Orte zu besitzen und zu gestalten unterschied Altona erkennbar von Hamburg. An den beiden Straßen „Große Freiheit“ und „Kleine Freiheit“ war die Vielfalt der Religionen besonders sichtbar. Auch die beiden Synagogen und der Eruw zeugten von der wahrnehmbaren Glaubensvielfalt in Altona.

Die erste Kirche in Altona wurde 1603 von den Reformierten errichtet. Sehr zum Missfallen der Lutheraner*innen, die zwar die Mehrheit der Bevölkerung waren, doch erst 1649 ihr eigenes Gotteshaus bauen konnten. Dennoch prägte die lutherische Staatsreligion das Stadtbild weithin sichtbar durch ihre Kirchtürme. Allen anderen Glaubensgemeinschaften war trotz aller Privilegien der Bau von Kirchtürmen verboten.

  

Short Story: Christianeum

Der dänische König Christian VI. gründete im Jahr 1738 das heute noch bestehende Gymnasium Christianeum. Vorläufer der Institution waren die 1638 gegründete städtische Lateinschule sowie die 1724 eröffnete Friedrichschule. Als akademisches Gymnasium für Jungen verfügte es über eine „Selecta“. In dieser besonderen Klassenstufe wurden angehende Akademiker gezielt auf das Universitätsstudium vorbereitet.

Das Christianeum war eines der ersten Gymnasien, das Bildung unabhängig von der Religionszugehörigkeit ermöglichte. Bereits 1749 schrieb sich der erste jüdische Schüler ein, zwischen 1778 und 1815 besuchten 110 jüdische Schüler das Christianeum, unter ihnen der Philosoph Salomon Maimon. Mit Johann Bernhard Basedow lehrte auch einer der wichtigsten Vertreter der Aufklärungspädagogik am Christianeum. Viele spätere Aufklärer waren Absolventen der Schule.

  

GLAUBENSGEMEINSCHAFTEN UND IHRE WIRTSCHAFLTICHEN NETZWERKE

Dank der Glaubens- und Gewerbefreiheit wuchs Altona stetig. Die Altonaer Landesherren gewährten Privilegien vor allem für wirtschaftlich starke und gut vernetzte Gruppen. Geflüchtete jüdischen Glaubens, Mennonit*innen und Reformierte kamen mit internationalen familiären Netzwerken und nutzen sie für ihre Handelsaktivitäten. Insbesondere der Fernhandel ließ Altona im 18. Jahrhundert nach Kopenhagen zur zweitgrößten Stadt im dänischen Gesamtstaat aufsteigen. Diese Zeit wurde deshalb auch Altonas „Goldenes Zeitalter“ genannt.

Die Altonaer Unternehmer nutzten die Nähe zu Hamburg. Während Altona seit 1664 Nordeuropas erster Freihafen war und Schiffe hier unter dänischer Flagge fahren konnten, ermöglichten Hamburger Bank und Börse Zugang zum internationalen Geldverkehr. Nicht selten betrieben Altonaer Kaufleute eine Firma in Hamburg. Umgekehrt unterhielten etliche Handelsherren mit Wohn- und Firmensitz in Hamburg auch Firmenniederlassungen in Altona oder hatten Sommerhäuser am Elbufer.

DIE AUFKLÄRUNG: RUF NACH RELIGIÖSER TOLERANZ

Ende des 17. Jahrhunderts begann die Aufklärung. Vernunft sollte zum Ausgangspunkt des Denkens und Handelns werden. Alle Menschen sollten sich des eigenen Verstandes bedienen und durch Bildung Vorurteile überwinden. Zentral war die Vorstellung eines Naturrechts, das von Religionen und Gesellschaftsvorstellungen unabhängig war. Allen Religionen und anders Denkenden sollte mit Toleranz begegnet werden. Diese neue Geisteshaltung ermöglichte Kontakt und Zusammenarbeit von Menschen aus christlichen und jüdischen Kontexten.

Dank weniger strenger Zensur konnten in Altona, anders als in Hamburg, mehr aufklärerische Schriften verlegt werden. Es herrschte aber ein reger Austausch zwischen beiden Städten. Prominente Altonaer Aufklärer waren Johann Friedrich Struensee und Salomon Ludwig Steinheim.

Überkonfessionelle Gesellschaften übernahmen nun Aufgaben in Armenfürsorge und Bildung, die vorher Religionsgemeinschaften vorbehalten waren. Beispielhaft waren die Patriotische Gesellschaft von 1765 in Hamburg und das Altonaische Unterstützungs-Institut, das 1799 gegründet wurde.

  

Short Story: Nachbarschaften im 19. Jahrhundert

Seit dem 16. Jahrhundert leben in Altona Menschen verschiedenen Glaubens. Aber wie wohnten sie? Waren Wohnquartiere nach Religionen getrennt? Erst im 19. Jahrhundert gibt es Statistiken zur Wohnsituation. Die Volkszählungslisten zeigen, dass um 1850 fast überall Angehörige verschiedener Religionen zusammenlebten, oft sogar im selben Haus. 1835 lebten viele Jüdinnen und Juden im Quartier Kirchenstraße bei der aschkenasischen Synagoge. Diese Nachbarschaft war aber kein „Judenviertel“, sondern religiös gemischt: 60% waren Lutheraner, 39 % jüdischen Glaubens. 1860 waren nur noch 9,8% der Anwohner*innen jüdisch und 88% lutherisch. Ein besonderes Beispiel für gemischt religiöses Zusammenleben ist das Haus Kirchenstraße Nr. 16. Es hatte 1860 sieben jüdische, drei katholische, eine reformierte und 14 lutherische Bewohner*innen.

ÜBERKONFESSIONELLE INSTITUTIONEN

Jüdisch-christliche Freundschaft und Salonkultur

Um 1800 entwickelte sich eine Kultur jüdisch-christlicher Freundschaften bei Teegesellschaften und musikalischen Abenden in bürgerlichen Salons. Man tauschte sich über Literatur, Kunst, Politik sowie Aufklärung und Emanzipation aus. In dieser Kultur wurden Jüdinnen und Juden gleichberechtigt akzeptiert. In der Öffentlichkeit diskutierte man in Form von Schriften und Publikationen in Journalen.

Oft waren jüdische Frauen die Gastgeberinnen der Salons, so zum Beispiel die konvertierte Jüdin Rosa-Maria Assing. Sie empfing jüdische und christliche Aufklärer aus Hamburg und Altona. Im Vergleich zu Berlin, dem Zentrum der Salonkultur, fanden Begegnungen in Hamburg und Altona später und zaghafter statt, obwohl es viele geschäftliche Kontakte zwischen jüdisch und christlich Gläubigen gab.

Blick in die Ausstellung, Foto SHMH/Arne Bosselmann

Blick in die Ausstellung, Foto SHMH/Arne Bosselmann

Hauptgebäude des Altonaischen Unterstützungs-Instituts an der Catharinenstraße, um 1925, SHMH/Altonaer Museum
Hauptgebäude des Altonaischen Unterstützungs-Instituts an der Catharinenstraße, um 1925, SHMH/Altonaer Museum

Altonaisches Unterstützungs-Institut

Das am 28. Januar 1799 gegründete Altonaische Unterstützungs-Institut AUI setzte sich für Sozialfürsorge und Gewerbeförderung ein. Neu war das Prinzip der überkonfessionellen Fürsorge. Hilfe für sozial Schwache war zuvor eine Aufgabe der Religionsgemeinschaften. Nun konnten in Not geratene Einwohner*innen unabhängig von ihrer Religionszugehörigkeit unterstützt werden. Ebenfalls unabhängig von Glauben und Konfession erhielten Schulen, Vereine und die Kinderfürsorge zinsfreie Darlehen und Spenden.

1801 gründete das AUI eine Sparkasse. Sie entwickelte sich zu ihrem wichtigsten Betätigungsfeld. Sparguthaben sollten es Menschen ermöglichen, eine Existenz aufzubauen. Über die Erträge des Bankgeschäftes konnten wohltätige Vorhaben finanziert werden. 1939 wurde das AUI aufgelöst und in die Hamburger Sparkasse überführt.

  

ANTISEMITISMUS

Der Begriff geht auf den Hamburger Wilhelm Marr zurück, der 1879 die „Antisemitenliga“ zur Bekämpfung der jüdischen Emanzipation gründete. Als einer der ersten Autoren trug er keine religiösen Argumente vor, sondern politisch-nationale. Er sprach Menschen jüdischen Glaubens die Fähigkeit ab, sich in eine christliche Nation zu integrieren.

Heinrich von Treitschke bezeichnete die deutschen Jüdinnen und Juden 1879 als „Gefahr“ für die nationale Einigung. Seine Ausführungen gipfelten in der Bezichtigung: „Die Juden sind unser Unglück“. 1880 forderte eine „Antisemitenpetition“ die Aufhebung der rechtlichen Gleichstellung und den Ausschluss von Juden aus dem Staatsdienst. Die Kampagne fand hohe Aufmerksamkeit. Theodor Mommsen war einer der wenigen nicht-jüdischen Wissenschaftler, der sich dagegen aussprach. Auch eine Gegenpetition fand schließlich prominente Unterstützer.

Um 1880 definierte sich der Antisemitismus als politische Einflussnahme gegen die jüdische Emanzipation. Heute versteht man darunter alle Formen von Judenhass, pauschaler Judenfeindschaft, Judenfeindlichkeit oder Judenverfolgung.

The New York Times, 18.07.1932, SHMH/Altonaer Museum

The New York Times, 18.07.1932, SHMH/Altonaer Museum

Short Story: "Altonaer Blutsonntag"

Ein SA-Aufmarsch durch Altona am 17. Juli 1932 endete mit 18 Todesopfern. Als Reaktion auf diesen „Altonaer Blutsonntag“ fand kurz darauf ein „Not-Gottesdienst“ statt. Das „Altonaer Bekenntnis“ formulierte schließlich die Distanz der Kirche zu politischen Erweckungsbewegungen aller Art und grenzte die Aufgaben von Kirche und Staat voneinander ab. Es richtete sich nicht spezifisch gegen den Nationalsozialismus. Die einzigartige kirchliche Stellungnahme wurde am 11. Januar 1933, kurz vor Hitlers Machtübernahme, in St. Trinitatis verlesen.

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde die lutherische Kirchenorganisation „gleichgeschaltet“. Im „Kirchenkampf“ versuchten die „Deutschen Christen“ die wichtigsten Ämter in der Kirchenhierarchie zu besetzen. Die „Bekennende Kirche“ rang um Distanz zum NS-Staat. Die Autoren des „Altonaer Bekenntnisses“ wandten sich beiden Strömungen zu.

RELIGION IM NS-STAAT

Die Weimarer Reichsverfassung gewährte 1919 erstmals Religionsfreiheit und vollzog die Trennung von Kirche und Staat. Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 wurden jedoch demokratische Rechte insgesamt aufgehoben. Religiöse Betätigung wurde nur innerhalb der Grenzen der nationalsozialistischen Ideologie gestattet. Deshalb wurden die Zeugen Jehovas verboten. Die evangelischen Landeskirchen wurden „gleichgeschaltet“. Die „Deutschen Christen“ wollten den protestantischen Glauben der nationalsozialistischen Ideologie anpassen und Christen, die vom Judentum konvertiert waren, ausschließen. Die „Bekennende Kirche“ versuchte, die nationalsozialistische Einflussnahme einzugrenzen.

Die Judenverfolgung im Nationalsozialismus hatte keine religiösen Gründe. Im Zentrum der nationalsozialistischen Ideologie stand die falsche Vorstellung, die „arische Rasse“ habe einen höheren Wert als andere. Damit begründeten die Nationalsozialisten die systematische Entrechtung und die Ermordung von Menschen jüdischer Herkunft oder von Sinti und Roma.

 

  

GRUNDRECHT RELIGIONSFREIHEIT

Art. 4 GG

(1) Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich.

(2) Die ungestörte Religionsausübung wird gewährleistet.

(3) Niemand darf gegen sein Gewissen zum Kriegsdienst mit der Waffe gezwungen werden. Das Nähere regelt ein Bundesgesetz.

Art. 7 GG

(1) Das gesamte Schulwesen steht unter der Aufsicht des Staates.

(2) Die Erziehungsberechtigten haben das Recht, über die Teilnahme des Kindes am Religionsunterricht zu bestimmen.

(3) Der Religionsunterricht ist in den öffentlichen Schulen mit Ausnahme der bekenntnisfreien Schulen ordentliches Lehrfach.

Das Grundgesetz, das 1949 vom Parlamentarischen Rat formuliert wurde, definiert die Religionsfreiheit in Artikel 4 als Grundrecht. Alle haben das Recht zu glauben, was sie möchten. Aber ebenso das Recht, nicht zu glauben. Diese "negative Glaubensfreiheit" wurde erstmals in der Weimarer Reichsverfassung von 1919 festgeschrieben, es gab sie zuvor nicht. Vor dem Hintergrund der NS-Diktatur formuliert das Grundgesetz ausdrücklich, dass es nicht allein um die Freiheit des Glaubens, sondern auch des Gewissens und der Weltanschauung geht. Der Staat selbst ist weltanschaulich neutral und nicht religiös definiert. Diese Freiheiten stehen sehr weit vorn im Grundgesetz. Sie folgen den Artikeln zur Unantastbarkeit der Menschenwürde, zu persönlichen Freiheitsrechten und zum Gleichheitsgebot.

 

Artikel 7 des Grundgesetzes definiert das Schulwesen. Die Regelung des Religionsunterrichts in staatlichen Schulen ist ein wichtiger Aspekt. Der Staat ist religiös-weltanschaulich neutral. Deshalb beauftragt er mit der Durchführung des Religionsunterrichts die Religionsgemeinschaften - dies waren 1949 die christlichen Kirchen. Heute braucht es weitere Regelungen und Verträge auf Ebene der Bundesländer, um die größere Vielfalt der Religionen abzubilden. Hamburg schloss deshalb Staatsverträge nicht nur mit den großen christlichen Kirchen, sondern auch mit der Jüdischen Gemeinde, der SCHURA als Vertretung der Muslim*innen und den Alevit*innen. Nur in Hamburg gibt es den "Religionsunterricht für alle" als besondere Unterrichtsform.

  

NEUE RELIGIONEN, NEUE GEMEINDEN

Die gesellschaftliche Bedeutung von Religion veränderte sich nach 1949. Die Gesellschaft wurde insgesamt säkularer, die religiöse Landschaft vielfältiger und persönliche Glaubensinhalte individueller. Religion verschwand nicht. Aber anders als in den vergangenen Jahrhunderten war es für den Einzelnen nicht mehr lebensnotwendig, Teil einer Glaubensgemeinschaft zu sein. Hamburg gilt heute einerseits als eine Hauptstadt der Säkularisierung und ist gleichzeitig ein Zentrum des interreligiösen Dialogs.

Eine von der Bertelsmann Stiftung 2018 veröffentlichte Studie zeigt, dass Religionsfreiheit im privaten Bereich von fast allen befürwortet wird. Die öffentlich sichtbare religiöse Pluralität wird jedoch sehr viel weniger akzeptiert. Ein weiteres Ergebnis:

 

"Je häufiger man einander trifft, desto besser wird das Verhältnis."

 

In mehreren Migrationsphasen kamen nach 1945 Angehörige verschiedener Glaubensrichtungen nach Hamburg. Neue Gemeinden entstanden, bestehende Gemeinden vergrößerten und veränderten sich.

Nach den Vertreibungen um 1945 war ab 1955 vor allem die Arbeitsmigration im Zuge der Anwerbeabkommen maßhgeblich. Es kam Arbeiter*innen verschiedenen Glaubens aus Italien, Spanien, Griechenland, der Türkei, Marokko, Südkorea, Tunesien, Portugal und Jugoslawien. Buddhistische Vietnames*innen kamen als Boatpeople nach 1975 an. Über das "Kontingentflüchtlingsgesetz" kamen ab 1991 Jüdinnen und Juden aus der ehemaligen UdSSR. Die EU-Osterweiterung 2004 brachte vor allem katholischen Gemeinden Zulauf. Auch mit der jüngsten Einwanderung unter anderem aus Syrien, Nigeria, Togo und anderen afrikanischen Ländern nahm die Vielfalt der Religionen zu.

Short Story: Klein Istanbul auf der Sietas-Werft

Die Arbeiter*innen der Sietas Werft in Neuenfelde nannten die Barackensiedlung, in der sie lebten, Kücuk Istanbul - Klein Istanbul. In einer umgebauten Wohnbaracke entstand die gleichnamige Moschee. Es war das erste von muslimischen Arbeiter*innen geschaffene Gebetshaus in Hamburg.

Ein aus Holz und Schiffsstahl selbst gebautes Lesepult für den Koran, auch Rahle genannt, ist ein Zeugnis für die pragmatische religiöse Organisation in den 1960er Jahren, die durch die oft kurzfristigen Arbeitsverhältnisse entstand.

1998 bezog die Gemeinde ein neues, größeres Gebäude, in dem sie bis heute ansässig ist.

Rahle aus der Kücük Istanbul Moschee, um 1970

GLAUBENSRÄUME

Für viele Religionen ist ein gemeinsamer Raum mit einer besonderen Gestaltung ein wesentlicher Ausdruck des Glaubens. Hier kommen Gläubige zu religiösen Handlungen zusammen, hier ist Platz für gemeinsame Aktivitäten oder Feste. Eine besondere Architektur verleiht dem Glauben nach außen Ausdruck. Aber ebenso wie in der Vergangenheit isnd heue Glaubensräume auch heute immer wieder Anlass für Diskussionen. Wie sichtbar darf und soll die religiöse Vielfalt im Stadtbild sein?

In den 1950er und 1960er Jahren entstanden mit der Synagoge in Eimsbüttel, der Imam-Ali-Moschee an der Alster und der Fazle-Omar-Moschee sowie der russisch-orthodoxen Kirche in Stellingen neue wiedererkennbare Glaubensräume. Neubauten sind jedoch die Ausnahme. Die meisten neuen Glaubensräume entstehen durch Umnutzung und Umwidmung. Aber auch der Umgang mit den zerstörten Synagogen wirft Fragen auf.

Essenzen für muslimische Bestattungen. Traditionell werden die Toten in Leichentüchern bestattet. Zuvor erfolgt eine Waschung mit Wasser und Öl. Dem Koran zufolge sollen Bestattungen 24 Stunden nach Eintritt des Todes durchgeführt werden, in Hamburg ist jedoch eine Wartefrist von 48 Stunden vorgeschrieben. Auch die geforderte Totenruhe ist mit der üblichen Liegefrist von 25 Jahren nicht vereinbar.

Essenzen für muslimische Bestattungen. Traditionell werden die Toten in Leichentüchern bestattet. Zuvor erfolgt eine Waschung mit Wasser und Öl. Dem Koran zufolge sollen Bestattungen 24 Stunden nach Eintritt des Todes durchgeführt werden, in Hamburg ist jedoch eine Wartefrist von 48 Stunden vorgeschrieben. Foto: SHMH/Arne Bosselmann

EWIGE RUHE?

Die Form der Bestattung ist der letzte Akt der Glaubensfreiheit. Je nach Glauben gibt es unterschiedliche Traditionen und Anforderungen, die nicht immer mit den christlich geprägten Gesetzen der deutschen Bundesländer vereinbar sind. Zum Beispiel sind Bestattungen innerhalb von 24 Stunden, wie sie im Islam und im Judentum Pflicht sind, nur in Ausnahmen erlaubt. Obwohl in diesen beiden Religionen die ewige Totenruhe vorgeschrieben ist, sind nur jüdische Friedhöfe von der in Hamburg üblichen Liegefrist von 25 Jahren ausgenommen. Seit Ende des 19. Jahrhunderts gibt es neben der Erdbestattung auch die Feuerbestattung, inzwischen die häufigste Bestattungsform. Es ist jedoch verboten, die Asche zu verstreuen, was sich vor allem Buddhist*innen wünschen.

Insgesamt gibt es einen Trend zur Individualisierung: Seebestattungen, Wald- und Naturbestattungen aber auch Bestattungen zusammen mit einem Haustier nehmen zu. Rund die Hälfte der Hamburger Bevölkerung konfessionslos.

  

INTERRELIGIÖSER DIALOG

Hamburg bezeichnet sich selbst als die Hauptstadt des interreligiösen Dialoges. Der interreligiöse Dialog steht für den Austausch zwischen Gläubigen der vielfältigen Religionsgemeinschaften Hamburgs. Sichtbare Zeichen sind die Staatsverträge, der „Religionsunterricht für alle“ und Institutionen wie das Interreligiöse Forum. Multireligiöse Räume wie der „Raum der Stille“ im Seemannsclub Duckdalben oder in der Universität Hamburg bringen den gelebten Dialog zum Ausdruck. Bereits Anfang der 1980er Jahre wurde an der Universität Hamburg die „Arbeitsgemeinschaft Interreligiöser Dialog“ gegründet. Der Gesprächskreis entwickelte 1995 ein erstes Konzept des „Religionsunterrichtes für alle“. Initiativen wie der „Arbeitsausschuss Interreligiöser Dialog“ der SCHURA trugen zur Weiterentwicklung auch des innerreligiösen Dialoges bei.

Austausch und Begegnung: Interreligiöses Forum

Das Interreligiöse Forum wurde im November 2000 gegründet und besteht aus Vertreter*innen der Hamburger Religionsgemeinschaften. Beteiligt sind muslimische, jüdische, buddhistische, hinduistische, alevitische, bahá'í, katholische und evangelische Gemeinschaften sowie Angehörige der Akademie der Weltreligionen. Vorsitzende ist Bischöfin Kirsten Fehrs. Ihre Stellvertreter sind Özlem Nas, Bildungsbeauftragte der SCHURA, Landesrabbiner Shlomo Bistritzky und Nils Clausen, Vorstandsmitglied der Buddhistischen Religionsgemeinschaft Hamburg.

Das Forum setzt sich ein für Toleranz und ein friedliches Zusammenleben. Es will das wechselseitige Kennenlernen zwischen den Religionsgemeinschaften und den Dialog fördern. Interreligiöse Veranstaltungen wie Treffen von Gemeindegruppen sollen Berührungspunkte zwischen den Religionsgemeinschaften schaffen.

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Ich glaube was, was Du nicht glaubst

In einem ausführlichen Interview in der aktuellen Ausgabe von "Hamburg History Live" berichten die Museumsdirektorin Anja Dauschek und der Community Curator Ayhan Salar über das Konzept und die Entstehung einer spannenden Ausstellung zum Mitdiskutieren.

Projekt des Altonaer Museums mit der Stadtteilschule Bahrenfeld

Im Rahmen der Ausstellung verfassten Oberstufenschüler*innen im "Religionsunterricht für alle" Beiträge zum Thema Glaubens- und Religionsfreiheit. In persönlichen Texten geben sie Einblicke in ihre persönlichen Vorstellungen von Freiheit und Glaube.

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Blick in die Ausstellung, Foto SHMH/Arne Bosselmann

Unterrichtsmaterialien zum interreligiös-dialogischen Lernen in der Ausstellung, Foto SHMH/Arne Bosselmann

Unterrichtsmaterialien zum interreligiös-dialogischen Lernen in der Ausstellung, Foto SHMH/Arne Bosselmann

Voneinander lernen: Religionsunterricht für alle

Das Hamburger Modell des „Religionsunterrichts für alle" (RUfa) ist bundesweit einzigartig. Hier werden alle Schüler*innen gemeinsam unterrichtet, in anderen Bundesländern sind die Konfessionen getrennt. Der Unterricht führt in unterschiedliche Religionen und Weltanschauungen ein und will Begegnung ermöglichen. Das verfassungsmäßige Recht, nicht am Religionsunterricht teilzunehmen, bleibt davon unberührt.

Der „Religionsunterricht für alle“ ist dialogorientiert und orientiert sich an der Lebenswelt der Schüler*innen. Es geht um mehr als reine Wissensvermittlung. In offenen Gesprächen thematisieren Schüler*innen ihre persönliche Erfahrungen, ihre religiösen Fragen und Auffassungen. Durch Begegnung und Auseinandersetzung mit verschiedenen Glaubensrichtungen und weltanschaulichen Auffassungen vertiefen sie ihre Kenntnis über die eigene Religion. Und sie erweitern ihr Wissen über die Weltsicht ihrer Mitschüler*innen. Religionen und Weltanschauungen werden aus einer Innensicht heraus thematisiert. Dabei geht es um Themen wie Sinn des Lebens, Leben und Tod, Glauben und Gott, Liebe und Wahrheit sowie Freiheit und Verantwortung. Selbstverständlich gilt das sogenannte „Überwältigungsverbot“: Lehrkräfte dürfen Schülern ihre eigene Sichtweise nicht aufdrängen.

"Toleranz sollte eigentlich nur eine vorübergehende Gesinnung sein: sie muss zur Anerkennung führen. Dulden heißt beleidigen."

(Johann Wolfgang von Goethe, aus: Maximen und Reflexionen.)

ZUM DISKUTIEREN

Toleranz, abgeleitet vom lateinischen Wort „tolerare“, bedeutet Duldsamkeit. Toleranz beschreibt die Erlaubnis, etwas zu tun. Der so Tolerierte bleibt dabei ein – manchmal unerwünscht – Bittender. Heute wird der Begriff Toleranz oftmals weiter ausgelegt im Sinne der gleichberechtigen Anerkennung. Vor der Goethe‘schen Maxime möchten wir zum Austausch auf Augenhöhe einladen. Die gemeinsame Grundlage des Austauschs ist das Grundgesetz, das die Religionsfreiheit als ein Grundrecht definiert. Auch wenn der Austausch derzeit nicht im Museum möglich ist, wollen wir Ihnen zum Abschluss die folgenden Fragen an die Hand geben, die Sie mit sich selbst, der Familie und Freunden verhandeln können.

Gute Gespräche!

 

Miteinander, Nebeneinander, Gegeneinander - wie erlebt ihr Glaubensvielfalt im Alltag heute?

Wie sichtbar kann/darf/soll Glauben im Stadtbild sein?

Welchen Einfluss hat Glauben heute auf Lebensentscheidungen (Beruf, Partnerschaft, Wohnort...)?

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SCHULISCHES BEGLEITMATERIAL

Begleitmaterial zur dauerhaften Online-Ausstellung "Glaubensfreiheit. Gegeben und gefordert des Altonaer Museums – seit 1601" des Altonaer Museums. 

Erkundungswege für Schüler*innen der Klassenstufen 8 – 13 und Zugänge für die Grundschule.

Hier kann das pdf-Dokument direkt heruntergeladen werden (3 MB).