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Museum für Hamburgische Geschichte | 02.02.2020 Beginn: 19:30 Uhr

Gier

Weimar - Die erhitzte Republik

Ein Schauspiel

„Gier“ erzählt von uns Menschen in widersprüchlichen Zeiten und von der Zerbrechlichkeit der Freiheit in einer fragilen liberalen Demokratie. Das Stück lässt nachfühlen, wie Menschen in Zeiten rasender Veränderung hoffen und handeln. Damals wie jetzt am Beginn des 21. Jahrhunderts.

Zur Geschichte/Handlung

Die Frühphase der Weimarer Republik war geprägt von den unmittelbaren Kriegsfolgen, gewaltiger Arbeitslosigkeit, Hyperinflation, der politischen Isolation Deutschlands und dem ungeheuren Druck durch den Versailler Vertrag. Daraus resultierten zahlreiche Umsturzversuche und politische Morde. Durch kluge Außen- und Wirtschaftspolitik gelang es Politikern wie Rathenau und Stresemann zunehmend, Deutschland zu einem anerkannten demokratischen Teil Europas mit entsprechendem Wohlstand zu entwickeln, wenn dann nicht 1929 die Weltwirtschaftskrise und in Folge eine zunehmende populistische Demokratie-Anfeindung eingebrochen wäre. So grau oftmals die politische Wirklichkeit, so glanzvoll waren Kunst und Kultur in den 1920er-Jahren, die frei von Zensur zur Entfaltung gelangen konnten und einen rasanten Aufschwung erlebten. Die 1918er Revolution setzte sich in allen Kunstgattungen fort. In der verbreiteten Erinnerungskultur stehen diese Jahre für Aufbruchsstimmung und kulturelle Experimentierfreudigkeit, für ausschweifende Partys und ungestillte Vergnügungssucht. Vor allem der Jazz infizierte die Vergnügungshungrigen. Revuen und Tanzlokale gehörten in den Städten zum Lebensstil der "Goldenen Zwanziger", die allerdings so golden nur für wenige Reiche waren. Frauen distanzieren sich erstmals von der traditionellen Rollenzuweisung und entwickelten, ungehemmt von Prüderie und hierarchisierten gesellschaftlichen Normen wie zu wilhelminischer Zeit neue Lebensformen und bis dahin unbekannte Lebensentwürfe. Einem kollektiven Rausch gleichend gierten viele Menschen nach all dem, was ihnen in den entbehrungsreichen Jahren des Krieges so lange vorenthalten wurde: Genuss, Lebensfreude, Eros.

In die sich verwebenden Handlungsstränge unserer Protagonisten treten real-historische Personen wie Walter Rathenau, Gustav Stresemann, Erich Ludendorff, Matthias Erzberger und Fritz Schumacher sowie der bekannte kleine Gefreite, der „beschloss, Politiker zu werden“. Diese Personen bestimmen den politischen und gesellschaftlichen Rahmen, in die sich unsere Protagonisten mehr und mehr verstricken:

Hamburg, Anfang der 20er Jahre: Die Stadt hat die Nachkriegshungerwellen, den Einmarsch der Reichswehr mit Toten und Verletzten und den Kapp-Putsch überstanden.

Martha Knies ist mit ihren drei Kindern auf der Flucht vor ihrem rechtsradikalen Ehemann Rudolf in eine winzige Wohnung im sogenannten „Gängeviertel“ gezogen. Sie hat sich mittlerweile der KPD angeschlossen, die ihr ein Studium an der Kunstgewerbeschule ermöglicht. Martha verliebt sich in ihre Mitstudentin Lucy Lewin und kommt darüber in Kontakt zur künstlerischen Avantgarde und zu einem Freundeskreis, wie er unterschiedlicher nicht sein könnte. Doch ihr politisches Engagement und die Angst vor ihrem Mann isoliert sie mehr und mehr. Als die KPD unter immer stärkeren Einfluss der Sowjetunion gerät und die endgültige Weltrevolution mit Gewalt umsetzen will, muss Martha sich entscheiden.

Lucy Lewin, Nichte eines bekannten Berliner Mäzens moderner Kunst, lernt Martha beim Studium kennen und wird deren beste Freundin. Sie kennt und verehrt Lavinia Schulz, eine radikale Hamburger Avantgarde-Künstlerin. Lucy ist ein Freigeist: wild und impulsiv, nimmt sich das, worauf sie gerade Lust hat; auch in sexueller Hinsicht. Da sie politisch desinteressiert ist, Politik geradezu verabscheut, prallen die Wertesysteme der beiden Frauen mehr und mehr aufeinander. Martha versucht ihr klar zu machen, dass ohne politisches oder gesellschaftliches Engagement jede Freiheit in Gefahr gerät. Als Lucy dies endlich erkennt, ist es bereits zu spät.

Paul Schätzing. Bauingenieur und überzeugter Anhänger der Republik. Wurde im Krieg schwer am Gesicht verwundet. Martha bewahrt ihn vor einer tiefen Depression und bringt ihn dazu, bei Oberbaudirektor Schumacher vorzusprechen. Dieser arbeitet gerade an den Plänen für den Abriss des südlichen Gängeviertels, um dort ein neues Kontorhausquartier aufzubauen. Schätzing liebt und verehrt Martha. Da jedoch genau ihr Viertel abgerissen werden soll, gerät er in einen massiven Gewissenskonflikt. Er versucht Martha mit dem Versprechen einer bezahlbaren Neubauwohnung zum Auszug zu bewegen.

Karl Otto („Karlo“) Rettmann tritt als Musiker und Entertainer in den großen Etablissements der Stadt auf. Martha lernt ihn bei einem Auftritt im „Floratheater“ – kennen, das allerdings kurz darauf, wie viele Tanzlokale und Kneipen in dieser Krisenzeit, schließen muss. Karlo gerät in finanzielle Abhängigkeit von…

Andersen. Früherer Hilfskellner und Drogenhändler, der durch krumme Geschäfte und geschickte Spekulationen während der Inflation zu einem Vermögen kommt.

Rudolf Knies. Freikorpsmann der ersten Stunde. Kämpft nach dem Krieg für die Freikorps im Baltikum weiter und nimmt am Kapp-Putsch teil. Wird nach dessen Scheitern außer Dienst gestellt. Knies schließt sich der geheimen „Organisation Consul“, einer rechtsradikalen Terrororganisation an, die es auf vermeintliche Verräter an der „deutschen Sache“ abgesehen hat. Zu den Opfern gehören der Unterzeichner des Waffenstillstandsabkommens Erzberger und Außenminister Rathenau. Ziel ist die Destabilisierung der Republik. Knies sucht gegen Marthas Willen Kontakt zu seinem Sohn, um ihn in völkisch erziehen zu können und droht mit Marthas Entmündigung und Einweisung ins Irrenhaus.

Axensprung Theater arbeitet mit wenigen signifikanten Versatzstücken und einem sparsamen Bühnenbild, damit die Produktionen an allen Orten aufgeführt werden können, die ein inhaltliches Interesse an einer Kooperation haben. Markenzeichen der Gruppe sind intensives Theaterspiel und großflächige Hintergrundprojektionen aus Video- und Bildmaterial, Toncollagen und Livemusik.


Foto: Alexandra Calvert