Baustelle MuseumEin Experimentierfeld - bis 6. September 2021

Im Vorfeld der in den nächsten Jahren geplanten baulichen und inhaltlichen Modernisierung des Museums für Hamburgische Geschichte möchten wir neue Formate der Präsentation, der Vermittlung und Partizipation erproben. Und das sehr gern mit Ihnen gemeinsam, mit unseren Besucherinnen und Besuchern!

Über das Projekt

Wir haben uns deshalb entschlossen, einen Bereich einzurichten, der wie eine Baustelle im übertragenen Sinn oder ein Experimentierfeld Platz zum Ausprobieren und Raum für Fragen lässt. Hier möchten wir uns gemeinsam mit interessierten Besucherinnen und Besuchern verschiedenen Themen widmen.

Den Auftakt bildet ein Projekt, das  sich im Zusammenhang der Konzeption der neuen Dauerausstellung zur Geschichte Hamburgs mit unterschiedlichen Perspektiven auf Objekte der Sammlung beschäftigt. Was wollen wir überhaupt neu oder anders erzählen? Welche Ereignisse und welche Objekte sind aus der Geschichte Hamburgs nicht wegzudenken? Welche Themen spielen künftig eine stärkere Rolle? Welche Objekte wählen wir aus und woher stammen diese? Warum sind wir ein Teil der Geschichte und das Museum ein Teil von uns? Zu diesen Fragen möchten wir gern mit Ihnen ins Gespräch kommen und freuen uns auf Ihre Ideen und Vorschläge.

Des Weiteren möchten wir in diesem Raum einen Blick hinter die Kulissen werfen und über die Arbeit an meist verborgenen Orten im Museum informieren: Was passiert in den Restaurierungswerkstätten, im Bildarchiv oder bei der Inventarisierung der Sammlung? Es geht uns darum, Fragen zu stellen und die eigene Arbeit zu reflektieren, aber auch darum, andere Blickwinkel und Deutungen zuzulassen.

Im Sinne einer kreativen Werkstatt soll in diesem Raum auch der Prozess der zukünftigen Erneuerung des Museums erläutert und diskutiert werden. Sind die Themen in der künftigen Dauerausstellung und unser Blick darauf eigentlich noch zeitgemäß? Ist dieser Text verständlich? Fühlen Sie sich angesprochen?

Kommen Sie auf die Baustelle und gestalten Sie die Zukunft dieses Museums mit! Diese Einladung gilt natürlich allen Interessierten – ob Kindern und Jugendlichen oder Erwachsenen!

Aktuell in der "Baustelle"

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Ein Frack aus drei Blickwinkeln

Ein Frack ist ein Kleidungstück, das heute Assoziationen von Opernhäusern und eleganten Gesellschaften hervorruft. Welche Geschichten stecken hinter so einem Stück? Wie kommt es ins Museum, wem gehörte es und wer hat es hergestellt?

Museumsobjekte sind vielschichtig. Sie enthalten Informationen auf unterschiedlichsten Ebenen und können je nach Fragestellung verschiedene Geschichten erzählen. Die Ausstellung „Ein Frack aus vielen Blickwinkeln“ ist eine Einladung an Sie alle, diese Vielschichtigkeit zu entdecken und Fragen zu stellen.

Im Mittelpunkt der Ausstellung steht ein besonderes Textilobjekt unserer Sammlung: der Frack des Hamburger Rechtsanwalts und Kaufmanns Ernst M. Rappolt aus dem Jahr 1938.

Aus drei verschiedenen Blickwinkeln tauchen Sie in die Welt des Objektes ein und lernen den Träger, den Hersteller und die Sammlung kennen. Dabei ist Ihre Mithilfe gefragt: Im Interpretationslabor hier im Ausstellungsraum können Sie mit Ihren Fragen und Assoziationen an der Erforschung des Objektes mitwirken, Ideen zum Objekt teilen und an der Entwicklung neuer Geschichten und Inhalte im Museum für Hamburgische Geschichte teilhaben.

Interpretation 1: Ein bewegtes Leben

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Zum einen kann der Frack Ernst Rappolts zum Beispiel als Zeugnis der Lebensgeschichte seines Trägers genommen werden.

Ernst Martin Rappolt wurde 1905 in eine namhafte jüdische Kaufmannsfamilie in Hamburg geboren. Sein Vater, der Mitinhaber der Firma Rappolt & Söhne, war ein bekanntes Gesicht der Hamburger Oberschicht und Mitglied der Hamburger Handelskammer. Ernst Rappolt genoss eine anspruchsvolle Bildung und praktizierte ab 1930 als Rechtsanwalt.

Doch nach der Machtübertragung an die Nationalsozialisten 1933 änderte sich sein Leben dramatisch, gleich zu Beginn wurde seine Rechtsanwaltslizenz widerrufen. Er stieg daraufhin als Prokurist* in die väterliche Firma ein. In den folgenden Jahren heiratete er Hedwig Auerbach, und die junge Familie bekam zwei Töchter, Annette (*1935) und Susanne (*1937).

Im März 1938 ließ er sich den hier präsentierten Frack anfertigen. Ein standesgemäßes Kleidungsstück für einen Herrn der Oberschicht! Kurz darauf, im Mai 1938, floh er vor der fortschreitenden Entrechtung und Verfolgung der Juden in Deutschland in die USA.

Der Frack begleitete die Familie in die neue Heimat. Ernst Rappolt war zunächst lange arbeitslos und fand erst 1940 eine Anstellung als Kammerjäger. Über Umwege wurde er schließlich wieder zum Kaufmann und arbeitete in den 1950er und 60er Jahren als Vertreter für neue technische Geräte im Schulunterricht.

Der Frack blieb dabei stets in der Familie. 1980 starb Ernst Rappolt als US-amerikanischer Staatsbürger in Fairfield, Connecticut.

Interpretation 2: Hamburger Tradition

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Ein Frack ist ein besonderes Bekleidungsstück, das den Status des Trägers zum Ausdruck bringt. Das Maßnehmen, der perfekte Schnitt und die Verarbeitung erforderten professionelle Kenntnisse. Ernst Rappolt ließ seinen Frack beim Traditionshaus Ladage & Oelke anfertigen.

Damit wählte er ein Geschäft mit viel Erfahrung. In seiner langen Geschichte stattete Ladage & Oelkeviele Menschen der Hamburger bürgerlichen Oberschicht oder auch solche, die einfach Wert auf einen bestimmten Kleidungsstil legten oder legen, aus, vom Senator im 19. Jahrhundert bis zum kleidungsbewussten Herren von heute.

Ab 1845 bot das Haus am Neuen Wall 11 eine Vielzahl an feinen englischen Stoffen an. 1907 kam die Maßschneiderei in den oberen Stockwerken hinzu. Zu Spitzenzeiten sollen hier über 100 Personen gearbeitet haben. Nach einem Brand 1989 und einigen Jahren in unterschiedlichen Filialen ist Ladage & Oelke mit seiner neuen Hauptfiliale am Alten Wall 22 auch heute noch eine feste Größe in der Hamburger Innenstadt.

Der Frack als Kleidungsstück symbolisiert Status. Bei Ladage & Oelke ließen sich die wohlhabendsten Herrschaften, Juristen, Senatoren oder auch Kaufleute ausstatten. Wie kein anderes zeigt der Frack Ernst Rappolts Zugehörigkeit zur Oberschicht.

Bis ins 19. Jahrhundert war ein Frack ein festes Element der Alltagsbekleidung des Herrn von Welt. Zur Zeit der Fertigung unseres Frackes gehörte er zwar immer noch zur allgemeinen Garderobe des vornehmen Herrn, doch zählte das Kleidungsstück nunmehr vor allem zur sog. Anlasskleidung. Benötigt wurde er zu hohen gesellschaftlichen Anlässen, etwa einem Empfang bei einem hohen Amtsträger. Heute findet der Frack immer noch Verwendung z.B. beim Wiener Opernball und anderen Veranstaltungen mit „white tie“-dresscode.

Ein Frack ist auch heute noch das teuerste Einzelbekleidungsstück für den Herrn und ist eine echte Investition. 1939, ein Jahr nach der Herstellung des ausgestellten Frackes kostete ein handgemachtes Stück bei Ladage & Oelke um die 370 Reichsmark.

Interpretation 3: Die Sammlung Rappolt

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Der Frack und ein Regenmantel von Hedwig Rappolt kamen 2015 als Schenkung der Familie in die Sammlung des Museums für Hamburgische Geschichte. Doch die Kleidungsstücke sind nicht die einzigen Stücke in unserer Sammlung, die mit der Familie Rappolt verknüpft sind.  

Vor 78 Jahren, mitten im Zweiten Weltkrieg, erwarb das Museum eine Sammlung von 505 graphischen Darstellungen Hamburgs, sog. Hamburgensien*, von Johanna Rappolt, der Tante von Ernst Rappolt. Sie versuchte, gemeinsam mit ihrem Schwager, Ernst Rappolts Vater Franz, auszuwandern, um der Deportation ins Konzentrationslager zu entgehen. Sie brauchte dafür Finanzmittel und verkaufte daher die Hamburgensien ihres verstorbenen Mannes, für die sie allerdings nur wenig Geld erhielt. Kurz darauf wurde Johanna nach Theresienstadt deportiert und dort ermordet. 

Aufgrund der Umstände des Kaufs im Jahr 1942 ist die Sammlung Rappolt heute zu problematisieren. Wie gingen und gehen wir mit historischen Objekten, deren Herkunft oder deren Ankaufbedingungen schwierig sind, um?

Paul Rappolt leitete bis 1938, gemeinsam mit seinen Brüdern Franz und Arthur, das Familienunternehmen Rappolt & Söhne. Daneben sammelte er leidenschaftlich Hamburgensien* und gab dazu Kaufangebote in der Zeitung auf.

Im Zuge der Entrechtung von Menschen jüdischer Herkunft wurde das Unternehmen 1938 zwangsverkauft und eine Sicherungsanordnung* über das Vermögen der Familie verhängt. Paul und seine Frau Johanna verloren ihre Existenz und ökonomische Grundlage. Paul starb 1940 an den Folgen einer Lungenentzündung und eines Schlaganfalles. Ausgelöst wurde dies vermutlich durch die psychischen Belastungen nach dem Verlust des Unternehmens und den Schikanierungen durch den NS Staat.

Seit 1941 versuchte Johanna Rappolt nach Kuba oder Uruguay auszuwandern. Ihre Visa wurden mehrfach abgelehnt. Eine schon gebuchte Überfahrt konnte sie nicht antreten. Für eine Auswanderung hätte Johanna Rappolt erhebliche Finanzmittel aufbringen müssen. Sie verkaufte mithilfe von Morris Samson und der Firma Dörling die Hamburgensien-Sammlung ihres Mannes, um an Geld zuglangen. Für den Ankauf wurden vom Museum "Mittel zum Ankauf aus jüdischem Kunstbesitz" beantragt. Johanna Rappolt erhielt ungefähr 22.000 Reichsmark*, eine viel zu geringe Summe.

Johanna wurde noch im selben Jahr gemeinsam mit ihrem Schwager Franz mit Transport VI/1 von Hamburg nach Theresienstadt deportiert. Sie starb dort wenig später.

1945 kehrte Johannas Sohn Erich Rappolt als Mitglied der Britischen Armee ins zerstörte Hamburg zurück. Zu dem Zeitpunkt diente er unter dem Namen Eric Rigby in der Taktik- und Informationsbeschaffungsabteilung.  1948 reichte er gemeinsam mit seiner Schwester Lilly Alice Rappolt und dem Rechtsanwalt M. Samson einen Antrag auf Wiedergutmachung für den Verlust der Hamburgensien-Sammlung und anderer Objekte ein.

Ein großer Teil der Sammlung war 1943 bei einem Luftangriff verbrannt. Für den verbliebenen Teil im Museum für Hamburgische Geschichte und im Staatsarchiv Hamburg wurde ein Verfahren eingeleitet. Die Hamburger Kulturbehörde war sich zunächst keiner Schuld bewusst und antwortete der Behörde für Wiedergutmachung entsprechend. 1950 fanden zwei außergerichtliche Verhandlungen mit den Nachkommen Johanna Rappolts statt. Die Hamburger Kulturbehörde zahlte Wertausgleichsbeträge an die Geschädigten. Die Hamburgensien durften im Museum für Hamburgische Geschichte verbleiben.

Vom Depot ins MuseumEin Film über die Arbeit hinter den Kulissen

Wie wird ein Objekt vorbereitet und wie kommt es in die Ausstellung? Unsere Restauratorin und Kuratorin nehmen uns mit auf eine spannende Reise eines ungewöhnlichen Objektes.

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Wir haben gefragt – Sie haben abgestimmt!

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